In Indien interessieren die Armen niemanden

Vollkommen paradox: In Indien leidet die Hälfte aller Kinder an Hunger und gleichzeitig lagern in den staatlichen Lagerhäusern Millionen Tonnen Getreide. Ein Grossteil davon verrottet unter freiem Himmel.

Ein Mann bewacht Tonnen von verderbendem Getreide.

Bildlegende: Nahrung für die Armen: Die Rekordernten der letzten Jahre werden in Indien nicht verteilt, sondern gelagert. Sie verfaulen. Reuters

Im indischen Gliedstaat Haryana türmen sich Kornberge. Man sieht Tausende von Jutesäcken von der Hauptstrasse aus. Sie liegen unter freiem Himmel. Nitesh Kumar verkauft hier Zementsäcke. Er sagt, die Regierung lasse den Weizen auf der anderen Strassenseite einfach verrotten.

Ein paar Kilometer weiter weg stösst man auf ein anderes Kornlager der Regierung. Hier liegen 3000 Tonnen Weizen in Jutesäcken ungeschützt vor Regen und Sonne. Der Lagerist lässt uns bereitwillig ein. Er sticht in einen Sack und holt eine Hand voll Körner heraus. Das Korn sei einwandfrei, sagt er. In die Säcke werde viermal im Jahr Insektenmittel gespritzt.

In der nächsten Kleinstadt liegt die Regierungsstelle des Distrikts. Die Beamten sollen sich um die Lebensmittellager kümmern. Sie sitzen vor den Büros auf dem Rasen und trinken Tee. Gefragt nach den Beständen in den Lagern, schlurft der Chefbeamte in sein Büro und holt ein grosses Buch hervor. Er blättert hin und her, aber seine Lagerbestände findet er nicht. Schliesslich klappt er das Buch zu und sagt: «Ich versichere Ihnen, kein einziges Kilo verrottet bei uns.» So wie in diesen Lagern der Regierung liegen beinahe 70  Millionen Tonnen Weizen und Reis in den Lagern des indischen Staates.

Getreide bis zum Mond und zurück

Biraj Patnaik ist der Berater des Obersten Gerichts Indiens in Fragen der Nahrungsmittelsicherheit. Würde man alle Säcken übereinander stapeln, käme man bis zum Mond und wieder zurück, sagt Patnaik.

Indien verzeichnete Rekordernten in den letzten Jahren. Ein Grossteil der Ernte wird vom Staat aufgekauft und gelagert. Mehr als die Hälfte davon liege jedoch ungeschützt auf offenen Feldern, da es an Lagerhallen fehle. Aber die Lösung sei nicht, Lagerhallen zu bauen, sagt Patnaik. «Das Problem ist, dass die Regierung die Nahrungsmittel nicht verteilt. Stattdessen bewahrt sie Millionen von Tonnen auf. Ein Grossteil verrottet.»

Getreide für die Kühe in Europa

Die Regierung sagt, Lebensmittel gratis oder subventioniert abzugeben, sei wirtschaftlicher Selbstmord. Zehn Prozent des Weizens und Reis, der von der Regierung aufgekauft wird, exportiert sie deshalb zu subventionierten Preisen ins Ausland. Damit werden in Europa die Kühe gefüttert.

Eine Regierung, die ihre Nahrungsmittel lieber exportiere oder verrotten lasse, statt sie den Armen abzugeben sei schlicht kriminell, findet der Nahrungsmittel-Experte Devinder Sharma vom Forum Bio Technologie und Nahrungsmittelsicherheit: «Wir haben es hier mit einer kriminellen Apathie zu tun. Für die Regierung ist es schlicht keine Priorität die Armen im eigenen Land zu ernähren.»

Ein Gesetzesentwurf liegt vor

Biraj Patnaik, der Berater des obersten Gerichts, drängt deshalb darauf, dass das Parlament endlich einen Gesetzesentwurf verabschiedet, der seit vier Jahren im Parlament liegt. Das Gesetz garantiert den Armen subventionierte Nahrungsmittel. Das Paradox zwischen Überfluss und Hunger wäre dann zumindest auf dem Papier gelöst.