In Syrien tobt ein Krieg ohne Zukunft

Der Blick der Welt ruht abermals auf dem Westen. Nach dem Giftgasvorfall von letzter Woche wird eine militärische Intervention in Syrien gleichermassen gefordert wie gefürchtet. Für den SRF-Nahost-Experten Philipp Scholkmann macht sie indes nur wenig Sinn.

Eine syrische Frau steht in Häuserruinen. Sie macht einen apathischen Eindruck.

Bildlegende: Der grösste Teil der Bevölkerung steht der zunehmenden Gewalt im Land schlicht fassungslos gegenüber. Reuters

Bilder von röchelnden Kindern. Berge von Leichen und Strassenzüge, bei denen sich kaum noch ausmachen lässt, was oben und was unten ist. Längst ist der Krieg in Syrien – einst entfacht im Namen der Demokratie – zu einem Gemetzel der Ethnien geworden.

«  Wenn Assad stürzt, glauben viele an einen zweiten Krieg. »

Philipp Scholkmann
SRF Nahost-Korrespondent

SRF-Nahost-Korrespondent Philipp Scholkmann weilt zurzeit in Beirut. Im Gespräch mit SRF 4 News zeichnet er ein Bild der Hoffnungslosigkeit. In den letzten zwei Jahren, seit der Bürgerkrieg tobt, sind die Verhältnisse immer verworrener geworden. Einer Militäraktion, wie sie derzeit in den Hinterzimmern der Westmächte aufgegleist wird, steht Scholkmann skeptisch gegenüber.

Zunächst sei gar nicht sicher, ob mit gezielten Luftschlägen Assad überhaupt gestürzt werden könnte. Und würde er gestürzt, entstünde vor dem Hintergrund der ungeeinten Opposition ein gefährliches Machtvakuum.

«Würde das Regime tatsächlich gestürzt», sagt Scholkmann, «und würde das Vakuum nicht von aussen gefüllt, dann glauben tatsächlich viele, dass eine Art zweiter Krieg erst beginnen würde.» Ein Krieg der Kurden, Drusen, Christen, Alawiten, die sich abspalten oder auch nur einfach ihre Haut retten wollten. Und ein innersunnitischer Krieg «...zwischen Rebellen, die an Syrien glauben und dschihadistischen Gotteskriegern, die aus Syrien ein islamistisches Kalifat machen wollen.»

Dass sich nach Assads Sturz rasch ein tragbares Machtgefüge entwickeln könnte, eben das hält Scholkmann für unwahrscheinlich. «Auf Rebellenseite kämpfen je nach Zählart Dutzende wenn nicht Hunderte von Gruppen», erklärt der Nahost-Experte. Sie sind in einer handvoll loser Bündnisse zusammengeschlossen. All diese Milizen haben sich zwar den Islam auf die Fahnen geschrieben, aber inzwischen liefern sie sich untereinander bereits offene Gefechte.

Die Friedfertigen sind aufgerieben

Die Verliererin ist wie immer die Bevölkerung. «In den Gebieten, in denen die Dschihadisten Oberhand haben und mit drakonischen Scharia-Gerichten auftreten, reagieren viele ernüchtert oder gar schockiert», erzählt Scholkmann. Sie stehen dem Krieg mit zunehmender Fassungslosigkeit gegenüber. Und selbst jenen, die zu Assad und seinem Regime standen, bleibt nicht verborgen, dass das Land mehr und mehr in Terror und Chaos versinkt.

Jene, die einst friedlich für mehr Demokratie auf die Strasse gingen, sind verstummt. Aufgerieben von dieser unerbittlichen Logik der Gewalt, vom zunehmenden Elend und von einem Flüchtlingsdrama, das inzwischen ohnegleichen ist.