In Syriens Trümmern verhungert ein Volk

Die Not der Bürger wird in Syriens Trümmerbergen immer sichtbarer. Die Zahl der Flüchtlinge und Notleidenden steigt sprunghaft an. Und erste Fälle von Kinderlähmung schrecken Ärzte auf. Ihnen stehen zudem kaum medizinische Versorgungsmittel zur Verfügung.

Ein Mann sitzt auf Trümmern

Bildlegende: Auf den Trümmern eines Hauses nahe Damaskus. Immer mehr Syrer benötigen humanitäre Hilfe, berichtet die UNO. Reuters

Vier von zehn Menschen in Syrien sind mittlerweile auf humanitäre Hilfe angewiesen. Auch die Zahl der Flüchtlinge wächst rasant, berichtete UNO-Nothilfekoordinatorin Valerie Amos in New York.

Die humanitäre Lage in dem Bürgerkriegsland verschlechtere sich weiterhin rapide und unaufhaltsam, sagte sie. Die geschätzte Zahl der Hilfebedürftigen sei inzwischen auf etwa 9,3 Millionen gestiegen. Fast die Hälfte der gut 22 Millionen Einwohner, sei auf humanitäre Hilfe angewiesen, sagte sie. Das sind 2,5 Millionen Menschen mehr als noch im September.

Immer mehr Flüchtlinge

6,5 Millionen Menschen seien auf der Flucht, zumeist im eigenen Land, erklärte Amos weiter. Das wäre eine Steigerung um die Hälfte im Vergleich zum September.

Amos forderte die Bürgerkriegsparteien erneut auf, den Helfern Zugang zu gewähren und Zivilisten zu schonen. Sie forderte den UNO-Sicherheitsrat auf, Druck auf alle Beteiligten zu machen. Ohne ein Engagement des Rates werde es keinen Fortschritt geben.

Ausbruch von Kinderlähmung

Die Regierung in Damakus hat unterdessen die Lieferung von Impfstoffen und Lebensmittel in alle Gebiete des vom Bürgerkrieg geschundenen Landes zugesichert. Die Führung von Präsident Baschar al-Assad reagierte damit auf Berichte über Unterernährung in von ihrer Armee belagerten Regionen und über den Ausbruch von Kinderlähmung im Nordosten des Landes.

«Wir wollen, dass die Impfung jedes syrische Kind erreicht - egal ob es sich in einem Kampfgebiet aufhält oder in einer Region, in der die syrische Armee präsent ist», sagte der stellvertretende Aussenminister Feisal Mekdad. Zudem sicherte die Regierung Hilfsorganisationen den Zugang zu den Kindern zu.

Ärzte befürchten Polio-Ausbreitung

In der Provinz Deir al-Sor, die an den Irak grenzt, wurde bislang bei 22 Kindern Polio festgestellt. Ärzte befürchten, dass die ansteckende Kinderlähmung sich rasch ausbreitet. Wie die Assad-Führung das in dem seit zweieinhalb Jahren dauernden Kampf mit den Aufständischen bewerkstelligen will, liess Mekdad offen.

Hilfsorganisationen haben mehrfach beklagt, dass sie wegen der Kämpfe keinen Zugang zu Zivilisten in Orten bekommen, die von Assad-Soldaten eingekesselt sind.

60'000 eingekesselt

Mekdad sagte, seine Regierung fühle sich verpflichtet, humanitäre Hilfe in alle Teile Syriens zu schicken. Namentlich nannte er die Städte Aleppo, al-Hasakah, Idlib und Deraa, in denen Zivilisten von Rebellen belagert würden. Mehr als 60'000 Menschen in den beiden schiitischen Städten Nubl und Sahra in der Provinz Aleppo seien von Rebellen eingekesselt und von der Versorgung abgeschnitten.

Dagegen werfen Oppositionelle der Assad-Führung vor, ihre Soldaten belagerten vor allem die Vorstädte rings um Damaskus, in denen sich Rebellen verschanzt haben, und wollten sie aushungern - ohne Rücksicht auf Zivilisten.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Die Flüchtlingszahlen in Syrien sind dramatisch gestiegen.

    Syrien: Lage wird für die Bevölkerung immer prekärer

    Aus Rendez-vous vom 5.11.2013

    Nicht genug zu essen, kein sauberes Wasser, keine medizinische Versorgung und ständig Todesangst: Die jüngsten Zahlen der Uno zeigen: Rund 40 Prozent der Syrerinnen und Syrer sind nicht mehr in der Lage, sich selber zu versorgen. Doch Hilfe ist äusserst schwierig.

    Franco Battel