Indien setzt ganz auf Atomenergie

US-Aussenminister John Kerry ist in Indien zu Besuch. Ein wichtiges Gesprächsthema ist der Handel mit ziviler Nukleartechnologie. Mehrere AKW sind derzeit in Planung. International möchte Indien zudem eine grössere Rolle spielen. Nicht allen Ländern passt das – und auch nicht allen Indern.

Menschen stehen an einem Strand im Wasser, im Hinterdrund ein AKW mit einer Betonkuppel.

Bildlegende: Die Proteste gegen das AKW von Kudankulam wurden 2012 niedergeschlagen. Reuters

In Kanyakumari, an der Südspitze Indiens, bringen Fischer ihre Boote ein. Ihr Fang ist reichlich, aber die Männer sorgen sich um ihre Zukunft. Denn im benachbarten Kudankulam entsteht ein neues Atomkraftwerk.

Das sei ein Riesenproblem für sie, sagt Fischer Xavier. «Das Kraftwerk wird die Fische in Küstennähe vertreiben, wenn die Anlage ihren Abfall ins Meer ablässt.» Er und die anderen Fischer müssten dann viel weiter hinausfahren, um etwas zu fangen. «Aber dafür sind unsere Boote zu klein.»

Proteste gegen AKW-Bauten zwecklos

Monatelang kämpften die Fischer gegen den Bau des Kraftwerks. Vergebens. In diesem Monat bereits soll aus dem Kraftwerk in Kudankulam Strom ins Netz fliessen.

Atomstrom macht zur Zeit noch weniger als drei Prozent der indischen Energieversorgung aus. Über die Hälfte der produzierten Energie stammt aus Kohlekraftwerken. Doch die Produktion reicht nicht aus. Stundenlange Stromausfälle sind normal. Das soll sich ändern. Bis 2050 will Indien einen Viertel seines Energiebedarfs aus Atomkraft beziehen.

Um dieses Ziel zu erreichen, sei die indische Elite gewillt, jeden zivilen Widerstand niederzuknüppeln, kritisiert Kumar Sunderan. Er ist Aktivist und Atomexperte der Nichtregierungsorganisation für Nukleare Abrüstung und Friede in Indien. «Überall werden Tausende von Fischern und Bauern vertrieben und Sicherheitsstandards missachtet.»

Indien will Mitglied von Nuklear-Gruppe werden

Indien will unbedingt international mehr im Atomgeschäft mitreden. Deshalb hat die Regierung sieben AKW gekauft, um endlich als Mitglied der Nuclear Suppliers Group (NSG) aufgenommen zu werden. Die NSG ist eine Gruppe von 48 Staaten. Sie haben sich zur Nichtverbreitung von Kernwaffen zusammengeschlossen, und sie erarbeiten Richtlinien zur Verbreitung atomar nutzbarer Güter und Technologien.

Nur wer Mitglied der Gruppe ist, kann nukleare Technologie exportieren. Die Schweiz ist Mitglied, Indien ist es nicht. Das Land möchte aber unbedingt aufgenommen werden.

Es gehe um Prestige, sagt Sunderan. Und Indien wäre dem Ziel, einen ständigen Sitz im UNO-Sicherheitsrat zu bekommen, einen Schritt näher. Zudem könnte Indien so auch eigene Nukleartechnologie ins Ausland verkaufen, etwa an Bangladesch.

Nichtverbreitungsvertrag nicht unterschrieben

Im Juni haben sich die Staaten der NSG in Buenos Aires getroffen, um über das Begehren der Atommacht Indien zu beraten. Doch es gibt ein grundsätzliches Problem: Indien hat den Vertrag über die Nichtverbreitung von Kernwaffen (NVV) nicht unterschrieben und besitzt gemäss Schätzungen ungefähr 80 bis 110 Kernwaffen.


Indien setzt ganz auf Atomenergie

5:24 min, aus Echo der Zeit vom 30.07.2014

Der Besitz von atomaren Waffen ist jedoch laut dem Nichtverbreitungsvertrag nur ein paar auserlesenen Staaten erlaubt. Auch hier gehört Indien nicht dazu.

Die Atomwaffen aufgeben als Bedingung für eine Aufnahme in die NSG? Das sei schlicht undenkbar, sagt Rajiv Nayan vom Institut für Verteidigungsstudien in Neu Delhi: «Solange es in Südasien keine nukleare Abrüstung gibt, brauchen wir Nuklearwaffen für unsere Sicherheit. Schliesslich haben auch unsere Nachbarn Pakistan und China Nuklearwaffen. Mit beiden haben wir Probleme.»

Nachsicht bei wirtschaftlichen Interessen

Kein Wunder hat sich China, das Mitglied der NSG ist, gegen eine Aufnahme Indiens ausgesprochen. China ist nicht nur ein wirtschaftlicher Konkurrent Indiens, sondern auch Schutzpatron der Atommacht Pakistans. Und China liefert zwei AKW an Pakistan.

Doch die Fronten weichen sich auf. 2008 beschloss die NSG auf Initiative der USA eine Ausnahmeklausel für nukleare Exporte an Indien. Die Industriestaaten kennen Indiens Energiehunger und wittern gewaltige Geschäfte.

Indien verdankte die Geste. Die Regierung versprach, ihr ziviles Atomprogramm der Internationalen Atomenergieorganisation IAEA zugänglich zu machen, und kaufte Reaktoren aus Amerika, Frankreich, Kanada und Russland. Wenn es ums gute Geschäft geht, ist die NSG durchaus gewillt, ein Auge zuzudrücken. Atomwaffen hin oder her.