Irak droht erneut Chaos der Gewalt

Die Opferzahlen klettern in die Höhe. Mehr als 300 Menschen starben allein in der ersten Julihälfte durch Anschläge im Irak. Schuld sind ethnische Konflikte. Und die könnten sich gar zu einem Bürgerkrieg entfachen.

Ein Junge geht vorbei, wo kurz zuvor ein Motorrad-Bombe explodiert ist.

Bildlegende: Tödlicher Alltag: Ein Junge geht vorbei, wo kurz zuvor in Muqdadiyah ein Motorrad-Bombe explodiert ist. Keystone

Ein tödliches Wochenende im Irak: Bei Bombenanschlägen sind von Freitag bis Sonntag landesweit mehr als 80 Menschen getötet worden.

Eine Anschlagserie am Sonntag forderte nach Angaben von Polizisten und Ärzten mindestens 31 Menschenleben. Das folgenschwerste Attentat wurde im zentralirakischen Kut verübt. In der südirakischen Hafenstadt Basra explodierten gleich mehrere Sprengkörper.

Ramadan: Viele Gläubige unter den Opfern

Schon am Samstag und Freitag waren bei Bombenanschlägen mehr als 50 Menschen getötet worden. Sprengsätze detonierten in Bagdad in der Nähe zweier sunnitischer Moscheen. Mindestens 23 Menschen starben. Sie hatten sich zum Gebet im Fastenmonat Ramadan versammelt.

Zudem kamen am Samstag in anderen Landesteilen insgesamt fünf Polizisten bei gewaltsamen Zwischenfällen ums Leben.

Tote bei Anschlag in Kirkuk

Am Freitagabend wurden in Kirkuk mindestens 31 Menschen getötet, als in dem Teehaus ein Sprengsatz explodierte. Auch hier hatten sich Menschen versammelt, um im Ramadan das Fasten zu brechen. Kirkuk liegt im ölreichen Norden des Irak.

Seit Beginn des Jahres werden im Irak fast täglich Anschläge verübt. Allein im Juni starben 761 Menschen durch politisch oder religiös motivierte Gewalttaten, im Juli waren es bisher über 300. Grund sind die wachsenden Spannungen zwischen Schiiten, Sunniten und Kurden.

Auseinanderbrechen befürchtet

Viele Anschläge werden sunnitischen Aufständischen angelastet. Sie fühlen sich von der schiitischen Mehrheit unterdrückt. Diese haben seit dem Sturz des Diktators Saddam Hussein – eines Sunniten – im Jahr 2003 das Sagen.

Hinzu kommen die Spannungen zwischen Kurden und Schiiten: Um den Status von Kirkuk streiten sich seit Jahren die schiitisch-geführte Regierung in Bagdad und die Kurden, die Kirkuk ihrer Autonomen Region Kurdistan im Norden des Irak einverleiben wollen.

Kurden, Schiiten und Sunniten haben noch immer keinen Kompromiss gefunden, wie sie die Macht teilen sollen. Das nährt die Sorge, dass der Irak auseinanderbrechen könnte – zehn Jahre nach der US-geführten Invasion und dem Sturz Saddams.

Maliki verweigert versöhnliche Schritte

NZZ-Journalistin Inga Rogg wirft vor allem Premierminister Nuri al-Maliki Versagen vor: Der Schiit weigere sich seit Jahren, auf die sunnitische Minderheit zuzugehen. Wiederholt ging er auch gegen sunnitische Politiker vor. «Damit schürt er unter den Sunniten das ohnehin verbreitete Gefühl, Bürger zweiter Klasse zu sein», sagt Rogg.

Allerdings sei auf beiden Seiten – der sunnitischen und der schiitischen – eine «Null-Kompromiss-Politik» festzustellen, so Rogg weiter. Wie viele andere Beobachter auch, rechnet sie nicht mit einer raschen Verbesserung der Lage im Irak. Im nächsten März sind Parlamentswahlen. Im Vorfeld dieses Urnengangs befürchteten viele Iraker sogar eine weitere Verschlechterung der Sicherheitslage, sagt die Journalistin.