Iranische Charmeoffensive rollt Richtung Israel

Mit seinen jüngsten Äusserungen sorgt Irans neuer Präsident für Verblüffung. Hassan Rohani gratuliert «allen Juden» via Twitter zum Neujahrsfest. Und er ruft die Hardliner im eigenen Land auf, weniger «engstirnig» zu sein.

Der iranische Präsident Hassan Rohani.

Bildlegende: Redet auch der eigenen Staatsführung ins Gewissen: Hassan Rohani. Keystone

Grüsse aus Teheran: Der neue iranische Präsident Hassan Rohani hat bei seiner Antrittsrede den Juden zu ihrem Neujahrsfest gratuliert. «Während die Sonne hier in Teheran untergeht, wünsche ich allen Juden, besonders den iranischen Juden, ein gesegnetes Rosch Haschana», stand in Rohanis Twitter-Account.

Dass Rohani ausdrücklich «alle Juden» erwähnte, stellt einen deutlichen Wandel im Vergleich zu seinem Vorgänger Mahmud Ahmadinedschad dar. Dieser hatte Israel als «Krebsgeschwür» bezeichnet und gefordert, der jüdische Staat müsse von der Landkarte «ausradiert» werden.

Spaltungen kitten

Reinhard Baumgarten ist Korrespondent der ARD und Kenner Irans. Er erklärt die neuen Töne aus Teheran mit der Persönlichkeit Rohanis: «Er pflegt einen ganz anderen Stil, weil er ein ganz anderer Typ ist.»

Dazu kommt laut Baumgarten: Möglicherweise ist bei der Staatsführung angekommen, dass die acht Jahre unter Ahmadinedschad zu einer Polarisierung geführt haben – nicht nur gegenüber dem Westen, sondern auch im Landesinneren.

In die Schranken gewiesen

Der neue Präsident reagierte auch auf Kritik des Klerus'. Dieser bemängelte Rohanis liberale Einstellung zur Meinungs- und Pressefreiheit. Rohani konterte: «Die Menschen haben nun mal Fragen und Zweifel, und man sollte ihnen die Möglichkeit geben, sie auch frei äussern zu dürfen», sagte er bei dem ersten Treffen mit dem Verfassungsorgan.

Den konservativen Klerikern riet er, nicht länger «engstirnig» mit der Gesellschaft umzugehen. Und: «Die absolute Mehrheit der Menschen hat mich gewählt, weil ich mich entschieden gegen Extremismus, Gewalt, Instrumentalisierung der Religion und Slogans ausgesprochen habe, deren Kosten dann das Volk bezahlen musste.»

Wirtschaft wiederbeleben

Man solle den Menschen die Wahrheit sagen, so Rohani. Es sei nicht gut, die internationalen Sanktionen im Zusammenhang mit dem Atomstreit zu verharmlosen. Das Haupteinkommen des Landes sei nun mal der Ölexport. Aber die Sanktionen belasten sowohl die Wirtschaft als auch das Leben der Menschen, sagte er weiter.

Rohani will das Land aus der wirtschaftlichen Misere führen. Dazu muss er die frostigen Beziehungen zum Westen auftauen. Und da sei Israel ein Gradmesser, sagt Baumgarten. «Er muss Kompromissbereitschaft signalisieren. Das kann er nicht allein. Das muss aus dem Machtzirkel abgesegnet werden», so der Iran-Kenner weiter.

Folgen auf die Worte auch Taten? Baumgarten will sich nicht festlegen. Man müsse abwarten. «Das wird der Lackmustest.»

Rohani tritt diesen Monat bei der UNO-Generalversammlung auf. Darauf dürften nicht nur Beobachter aus Israel gespannt sein.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Hartes Leben im Erdölreich Iran

    Aus 10vor10 vom 14.6.2013

    Irans Bevölkerung wählt einen Nachfolger für Mahmud Ahmadinedschad. Die Reportage zeigt das Leben einer jungen iranischen Familie. Der Vater arbeitet viel und kommt trotzdem kaum über die Runden. Seine Hoffnungen ruhten bei der letzten Wahl auf Ahmadinedschad – und er wurde bitter enttäuscht. Der neue Präsident hat viele Probleme zu lösen.