IS benutzt Wasser als Waffe gegen Iraker

Millionen Menschen sind in Irak auf der Flucht – und es dürften noch mehr werden. Die Hilfe gestaltet sich angesichts anhaltender Kämpfe schwierig, zudem fehlt das Geld. Nun setzt der IS auch noch die Wasserversorgung als Waffe ein.

Menschen stehen in einem staubigen Zeltlager, ein bärtiger Mann mit Kind auf dem Arm gestikuliert und scheint etwas zu rufen.

Bildlegende: Vor den Toren Bagdads gestrandete Flüchtlinge. Sie sind in der Hauptstadt nicht willkommen. Keystone

UNO und EU schlagen Alarm: Ohne zusätzliche Hilfsgelder für Irak sei das Elend der mittlerweile drei Millionen Flüchtlinge in dem kriegsgebeutelten Land nicht in den Griff zu kriegen – es brauche dringend eine halbe Milliarde Dollar. Die drohende humanitäre Katastrophe könnte noch dadurch verstärkt werden, dass die IS-Terrormiliz die Wasserversorgung ganzer Landstriche nun offenbar als Waffe einsetzt.

SRF News: Frau Rogg, wie zeigt sich die Not bei der irakischen Bevölkerung?

Inga Rogg: Die UNO sagt, dass sie die Hälfte ihrer derzeitigen Hilfe demnächst nicht mehr leisten kann. Indes hat sich die Zahl der in Irak Vertriebenen in den vergangenen Monaten fast verdoppelt. Allein aus der irakischen Westprovinz Anbar – sie grenzt an Syrien und Saudi-Arabien – sind in den letzten Wochen Zehntausende Menschen geflohen.

Wie realistisch ist es, dass die von der UNO benötigte halbe Milliarde Dollar zusammenkommt?

Das wird sehr schwierig werden. Die UNO hat nicht nur in Irak Finanzierungsprobleme, sondern auch in Syrien. Dort seien lediglich 20 Prozent der benötigten Gelder vorhanden, sagt die Organisation. Und nun kommt Irak hinzu. Die Vereinten Nationen haben seit Monaten Hilfsappelle ausgesandt, doch die Bereitschaft scheint relativ gering zu sein, für Syrien und Irak Geld zu überweisen.

Haben denn die Hilfsorganisationen angesichts der Kämpfe zwischen den IS-Terroristen und den Truppen der irakischen Regierung überhaupt noch Zugang zu den Flüchtlingen?

Zum Teil ist das sehr schwierig. Wenn es den Menschen gelingt, in die von den Kurden kontrollierten Gebiete im Norden Iraks zu fliehen, werden sie dort von Hilfsorganisationen versorgt. Doch in Zentralirak und in Anbar ist die Versorgung von Flüchtlingen und Vertriebenen fast nicht möglich. Gerade im Gebiet von Ramadi, das kürzlich vom IS erobert worden ist, sind zahlreiche Gebiete für die Hilfsorganisationen nicht erreichbar. Viele Menschen sind von dort in Richtung Bagdad geflüchtet. Sie stehen nun vor den Toren der Hauptstadt, werden aber nicht hinein gelassen [weil sie Sunniten sind und damit unter dem Generalverdacht stehen, mit dem IS zu kooperieren, Anm. d. Red.]. Sie können von den Hilfsorganisationen fast nicht versorgt werden. In einigen Gebieten, in denen die Flüchtlinge nun gestrandet sind, finden auch Kämpfe statt.

Inzwischen gibt es auch Berichte, dass die IS-Terroristen in der Provinz Anbar die lebenswichtige Wasserversorgung kontrollieren und teilweise blockieren. Die Not der Menschen wird dadurch noch grösser werden...


«Wasser ist eine Waffe»

6:12 min, aus SRF 4 News aktuell vom 05.06.2015

Die UNO geht davon aus, dass die Zahl der Vertriebenen weiter zunehmen wird. Auch die Zahl der indirekt vom Chaos betroffenen Menschen wird demnach bis Ende Jahr auf über fünf Millionen steigen. Tatsächlich setzt der IS das Wasser als Waffe ein. Das hat er bereits in der Vergangenheit getan: So hat er auch schon ein Gebiet unterhalb eines Staudamms geflutet und der Staudamm von Mossul ist bekanntlich hart umkämpft. Wasser ist also eine Waffe.

Was hat die irakische Armee all dem entgegenzuhalten?

Derzeit nicht viel. Die Armee muss zuerst wieder aufgebaut werden, sie ist sehr schwach. In der sunnitischen Region Anbar werden jetzt vor allem schiitische Milizionäre eingesetzt, was die lokale Bevölkerung gegen die Regierung in Bagdad aufbringt. Denn die Milizionäre waren zum Teil an Kriegsverbrechen beteiligt. Es ist ein Teufelskreis: Die Armee kommt nicht voran und es fehlt an der Unterstützung der lokalen Bevölkerung, was die Aufgabe der Armee wiederum erschwert. Gleichzeitig beklagt die irakische Regierung, es fehle der Armee an Waffen und Unterstützung. Zwar greifen die USA und ihre Alliierten IS-Stellungen an, doch dies reicht nicht. Es bräuchte wohl eine neutrale Kraft, die in diesem Konflikt, der ja viel älter ist als der Konflikt zwischen IS und der irakischen Regierung, eingreifen und vermitteln kann.

Das Gespräch führte Barbara Peter.

Inga Rogg

Inga Rogg

ZVG

Inga Rogg ist NZZ-Journalistin und lebt zeitweise im Irak. Zurzeit ist sie in Istanbul. Seit 2003 berichtet sie für die NZZ und die «NZZ am Sonntag» aus dem Irak, seit 2009 ist sie auch für SRF im Einsatz.