IS betreibt Beuteökonomie

Die Einnahmen des IS aus dem Geschäft mit Erdöl werden überschätzt, sagen Terrorismus-Experten gegenüber der «Rundschau». Längst seien Einnahmen wie Steuern und Enteignungen wichtiger. Das mache den IS weniger verwundbar, wie die «Rundschau» heute Abend auf SRF 1 zeigt.

Der so genannte Islamische Staat IS gilt als reichste Terror-Armee der Welt. Das US-Finanzministerium schätzt den jährlichen Finanzbedarf des IS auf rund zwei Milliarden Dollar. Lange stand bei den Einnahmequellen der Verkauf von Erdöl im Vordergrund.

Das hat sich aber geändert, sagen Terrorismus-Experten gegenüber der «Rundschau». Christoph Reuter, Reporter der deutschen Zeitschrift «Der Spiegel», hat das IS-System jahrelang beobachtet und analysiert. Er sagt: «Vermutlich die grösste Einnahmequelle sind heute die ungefähr acht Millionen Menschen die unter der hermetischen Kontrolle des IS leben». Diese würden ausgepresst bis zum letzten. Zusätzlich zu einer fünf prozentigen Grundsteuer würden laufend neue Abgaben erhoben.

Steuern und Konfiszierungen

Neben Abgaben und Steuern generiert der IS vor allem mit Enteignungen Geld. Die «Rundschau» hat in einem deutschen Aufnahmezentrum mit Flüchtlingen gesprochen, die vor wenigen Wochen noch im IS-Gebiet lebten. Ein junger Mann erzählt, wie die IS-Leute vorgehen: «Sie gehen in ein Haus. Wenn es ihnen gefällt, hängen sie einen Zettel an die Tür: Das ist jetzt Eigentum des IS. Dann musst du innerhalb kurzer Zeit ausziehen».

Weniger Öleinnahmen

Wie viel Geld der IS mit Steuern, Schutzzöllen und Beschlagnahmungen genau einnimmt, kann nur geschätzt werden. Aktuell sprechen Experten von 860 Millionen Dollar jährlich.

Aymenn Jawad al-Tamimi, ein britischer Forscher der in Syrien lebt, legt einen Budget-Plan des IS vor. Er zeigt, dass im Gebiet Deir ez-Zor 44,7 Prozent der IS-Einnahmen aus Enteignungen stammen. Aus dem Handel mit Öl und Gas jedoch lediglich 27,7 Prozent.

Staatsbildung unterschätzt

Die italienische Terrorismus-Expertin Loretta Napoleoni sagt, der Westen unterschätze den Fakt, dass sich der IS immer mehr selbst finanzieren könne und immer weniger vom Handel mit Öl und Gas abhängig sei. «Der Westen macht immer noch denselben Fehler, den er schon von Anfang an gemacht hat. Er sieht nicht ein, dass der IS ein Staat geworden ist».

Gerade weil der IS immer mehr zum Staat werde, bringe es wenig, auf das Bombardement der Öl-Infrastruktur zu setzen, sagt Napoleoni.

Das selbsternannte Kalifat habe über acht Millionen Zwangsbürger. Die würden die Kriegskasse füllen.

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