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International IS erhält regen Zulauf aus dem Maghreb

An der UNO-Vollversammlung in New York war der Kampf gegen die Terrormiliz IS in Irak und Syrien das grosse Thema. Doch Sympathisanten finden sich auch andernorts, weiss Maghreb-Spezialist Beat Stauffer. So sei beispielsweise Libyen ein regelrechtes Sammelbecken für Dschihadisten.

Ein malischer Soldat mit Maschinengewehr sitzt hinten auf einem Mofa. Staubige Strasse.
Legende: Zu Tausenden zieht es Marokkaner zum Kämpfen nach Syrien und in den Irak. Keystone

SRF: Wie stark ist die Gruppe Islamischer Staat im Norden Afrikas, im Maghreb?

Beat Stauffer: Vermutlich handelt es sich nur um einige Hundert Dschihad-Kämpfer. Diese sogenannten Soldaten des Kalifats haben sich von der al-Kaida im Maghreb abgespalten. Wir wissen, dass es sich um eine sehr schlagkräftige, kampferprobte Truppe handelt. Sie haben algerischen Soldaten in den vergangenen Monaten mehrfach harte Verluste zugefügt. Unklar ist, wie sich das weiterentwickeln wird. Ob diese neue Gruppe des IS im Maghreb auch mit der al-Kaida zusammenarbeiten wird.

Weshalb sind sie zu der IS übergegangen? Was wollen sie erreichen?

Die al-Kaida im Maghreb befindet sich seit mehr als einem Jahr in der Defensive. Der Krieg in Mali hat diese Dschihadisten empfindlich geschwächt. Viele sind getötet worden, viele mussten flüchten. Hunderte sind an der tunesisch-algerischen Grenze eingekesselt. Gleichzeitig feiert der IS in Syrien und in Irak gewaltige Erfolge. Das ist für diese Dschihadisten das grosse Vorbild. Sie möchten anknüpfen und einen Durchbruch erreichen. Aus diesem Grund haben sie sich diesem IS angeschlossen.

Der IS ist für die Dschihadisten das grosse Vorbild.

Diese Woche wurde ein Franzose von einer IS-Splittergruppe in Algerien enthauptet. Ist das, was dort passiert ist, übertragbar auf andere Maghreb-Staaten?

Es sieht ganz danach aus. Der Chef von Ansar-al-Scharia in Tunesien, Abu Ayadh hat schon vor Wochen zu einem Zusammenschluss aller Dschihadisten im Maghreb aufgerufen. Kürzlich soll er sich sogar dem IS angeschlossen und seine Loyalität bekundet haben. Und er soll auch Bagdadi, den sogenannten Kalifen des Islamischen Staates, gebeten haben, ihm zu helfen, die tunesische Regierung zu stürzen.

Das klingt dramatisch. Wie gefährlich ist das für den jungen Rechtsstaat Tunesien?

Der tunesische Innenminister hat eindringlich vor Anschlägen im Vorfeld der Wahlen gewarnt. Die Frage ist, ob tatsächlich Schläferzellen in den grossen Städten existieren. Und falls ja, ob diese auch aktiviert werden können. Solange die Dschihadisten im Gebirge an der Grenze zu Algerien bleiben, dürfte die Gefahr für Tunesien wahrscheinlich nicht allzu gross sein.

Der IS ist also angekommen im Maghreb. Ist es möglich, dass die nordafrikanischen Staaten sich der Allianz gegen den IS anschliessen?

Nein, das werden sie nicht tun. Aus verschiedenen Gründen. Tunesien hat keine militärischen Kapazitäten und hat zudem genügend eigene Probleme. Algerien ist aus Prinzip gegen eine Intervention im Ausland – vor allem, wenn westliche Mächte daran beteiligt sind. Und Marokko hat aus innenpolitischen Gründen von einer Teilnahme an dieser Koalition abgesehen.

Welche innenpolitischen Gründe sind das?

Da kann man nur spekulieren. Marokko hat ebenfalls eine starke islamistische Bewegung. Die muss im Schach gehalten werden. Aus Marokko stammen auch einige Tausend Dschihad-Kämpfer, die derzeit in Syrien und im Irak aktiv sind. Aus diesem Grund, denke ich, wird die Regierung versuchen, möglichst ein «low profile» zu bewahren und sich in dieser heiklen Angelegenheit nicht unnötig zu exponieren.

Aus Marokko stammen einige Tausend Dschihadisten, die in Syrien und Irak aktiv sind.

Welche Rolle spielt Libyen in dem Ganzen?

Libyen ist eine Art Sammelbecken, eine Drehscheibe für Dschihadisten aus dem ganzen Maghreb. Tausende sind von dort aus nach Irak und Syrien weitergereist. Sie haben sich in Libyen auf den Dschihad vorbereitet. Es ist leider auch zu befürchten, dass Dschihad-Kämpfer aus Syrien und Irak nach Libyen zurückkehren könnten, falls die Offensive gegen den IS tatsächlich erfolgreich sein sollte.

Das heisst, Libyen ist für sie ein sicherer Hafen?

Im Moment ist Libyen sicher der ideale Ort für Dschihadisten, um sich wieder zu sammeln, um wieder aufzutanken und um sich für nächste Projekte zu rüsten.

Beat Stauffer

Portrait von Beat Stauffer
Legende: Friedel Ammann

Beat Stauffer berichtet als freischaffender Journalist für verschiedene Medien aus Nordafrika. Er ist auch als Buchautor, Kursleiter und Referent tätig.

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11 Kommentare

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  • Kommentar von Walter Wouters, Interlaken
    Alle Kommentaren haben einer Kern von Wahrheit. Wir begeben uns allen in einer Spiral von Macht, Reichtum und Wohl haben. Jeder stellt sich die Frage wie kann es mich/ meiner Familie gut gehen, lang- und kurzfristig? Auf welcher weise dieser Zielen erreicht werden ist verbunden mit einer Risiko Kalkulation wie jeder einzeln für sich einschätzt und umsetzt. Im Fall IS; dieser Menschen sind verzweifelt, verängstigt, dabei Wahlen Sie dafür um statt Opfer mit nichts Täter zu werden mit perspektiven.
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  • Kommentar von T. Hofer, Rosshäusern
    Das Ausmass des IS-Problems nimmt in rasantem Tempo exponentiell zu - während alle Welt lebhaft am Punkt vorbei debattiert. Was dieser Zusammenschluss Geistesgestörter in den betroffenen Regionen anrichtet, steht den Gräueltaten des Dritten Reichs in Nichts nach. Und wenn wir uns auch noch so intensiv mit "westlicher Mitschuld am Aufstieg des Terrorismus" oder "durch Islam/Koran begünstigte Radikalisierung" auseinandersetzen, werden die deswegen wohl kaum damit aufhören! (Fortsetzung folgt...)
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    1. Antwort von T. Hofer, Rosshäusern
      (...) Natürlich lässt sich die Sache mit Religionsfragen verknüpfen und das brutale Vorgehen ist durchaus mit terroristischen Gewalttaten vergleichbar. Glaube dient IS allerdings bloss als höchst effizientes Führungsinstrument. Die Motivation der ständig wachsenden Anzahl freiwilliger IS-Kämpfer sind das straflose abschlachten von Menschen und dazu noch die "Gewissheit" nur Gutes zu tun. Dabei spielt es dann auch keine Rolle, dass die grosse Mehrzahl der Opfer Angehörige der selben Religion sind
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  • Kommentar von Ch. Gerber, Basel
    Ich kann gut Verstehen warum Marokkaner und andere Afrikaner sich für die IS interessieren. Sie alle haben nichts zu verlieren, ihnen geht es selbst nicht gut, und so können Sie zumindest an Essen kommen und ggf. die Familie unterstützen, auch wenn es ihren eigenen Tod bedeuetet. Leider ist das die Mentalität von denen, doch auf der anderen Seite durchaus Verständlich unter diesen Umständen...
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    1. Antwort von Charles Halbeisen, Bronschhofen
      Stimmt. Auch in Afganistan schliessen sich viele den Taliban nicht aus Verblendung an sondern um den Lebensunterhalt zu verdienen. Und woher kommt das Geld?
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    2. Antwort von T. Hofer, Rosshäusern
      @Charles Halbeisen: Den Taliban in Afghanistan schliessen sich einfache Einheimische Leute an, welche sich durch die politische Machtübernahme derselben ein besseres Leben erhoffen. Die IS hingegen rekrutiert mittels intensiver Gehirnwäsche (vornehmlich im Westen) wohlstandsverwahrloste junge Menschen, die sich in labiler psychischer Verfassung befinden. Und "erzieht" diese unter grosseml Aufwand systematisch dazu auf Anordnung und ohne Gewissensbisse gnadenlos Menschen regelrecht abzuschlachten
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