Hilfe aus dem Westen IS-Opfer erhalten Trauma-Behandlung dank Baden-Württemberg

Das Wichtigste in Kürze

  • Tausende Jesidinnen im Nordirak sind wieder in Freiheit und leiden unter schweren Traumata.
  • Baden-Württemberg finanziert und organisiert darum ein neues Trauma-Institut.
  • Dort soll den IS-Opfern von eigens ausgebildeten, einheimischen Traumatologen geholfen werden.

Die meisten Bewohner der Dörfer im Nordirak, die von Terroristen des «Islamischen Staats» (IS) überfallen wurden, sind gefoltert oder vergewaltigt worden. Und selbst diejenigen, die schliesslich in die sicheren Gebiete bei Dohuk flüchten konnten, drohten in einem der riesigen Flüchtlingslager zu verelenden.

Die Versorgungslage sei katastrophal, sagt der Traumatologe Jan Ilhan Kizilhan. «Die Stadt hat 400'000 Einwohner. Dazu kommen nochmals bis zu 800'000 Flüchtlinge. Und wir haben nur eine einzige Psychotherapeutin im Gesundheitsdirektorat», so Kizilhan.

«  Wir müssen im Gesundheitssystem des Iraks und Syriens Dinge entwickeln, damit die Leute vor Ort selber Therapien anbieten können. »

Prof. Dr. Jan Ilhan Kizilhan
Traumatologe

Kizilhan ist international anerkannter Experte für transkulturelle Psychiatrie und Traumatologie. Der Professor an einer Hochschule in Baden-Württemberg hat 2015 in einem ersten Schritt über 1000 IS-Opfer für die Behandlung nach Deutschland geholt.

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IS-Verbrechen an den Jesiden

6:11 min, aus 10vor10 vom 24.2.2015

Ziel sind Therapien vor Ort

Initiant der Aktion war Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Der Politiker fand, man müsse etwas tun gegen diese Gewalt. Doch Kizilhan weiss, dass dies nur ein Tropfen auf den heissen Stein ist. «Wir können nicht die Millionen von Menschen nach Deutschland holen und sie hier behandeln. Wir müssen also im Gesundheitssystem des Iraks und Syriens Dinge entwickeln, damit die Leute vor Ort selber die Therapien ermöglichen können.»

Nun hat er diese Idee umgesetzt. «Institut für Psychotherapie und Psychotraumatologie» heisst die Abteilung, die an der Universität im nordirakischen Dohuk eröffnet wird. 19 Frauen und 11 Männer aus der Region absolvieren hier einen dreijährigen Lehrgang.

«  Wir können nicht die Millionen von Menschen nach Deutschland holen und sie hier behandeln. »

Prof. Dr. Jan Ilhan Kizilhan
Traumatologe

Sie alle haben bereits einen Bachelor-Abschluss in Psychologie, Sozialarbeit oder Psychiatrie. «Es ist ein Master-Studiengang. Sie werden nach deutschen Kriterien zu psychologischen Psychotherapeuten ausgebildet. Und sie sollen später auch Ausbildner werden, damit sie das Institut weiterführen können», sagt Kizilhan.

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Jesiden – seit Jahrhunderten verfolgt

1:48 min, aus Tagesschau vom 8.8.2014

Tausende gefoltert und versklavt

Den Lehrplan, der sich aus Theorie- und Praxisblöcken zusammensetzt, hat die Universität Tübingen erarbeitet. Die Dozentinnen und Dozenten werden aus ganz Europa eingeflogen. Und wie schon im Vorzeigeprojekt mit den über 1000 IS-Opfern, die nach Deutschland geholt wurden, bezahlt wieder das Bundesland Baden-Württemberg. Eine Million Euro ist der Lehrgang der Regierung Kretschman wert. Die Hilfe ist dringend nötig.

Gegen 7000 Menschen, vor allem Männer der religiösen Minderheit der Jesiden, sind vom IS ermordet worden. Oft im Beisein ihrer Angehörigen. Von den rund 6000 Frauen und Kindern, die von der Terrormiliz gefangengenommen und versklavt wurden, sind erst etwa 2400 wieder freigekommen. Sie hätten so Schlimmes erlebt, sagt Professor Kizilhan, dass viele gar nicht weiterleben wollen. Ohne Traumabehandlung, weiss Kizilhan, werden viele kein lebenswertes Leben mehr führen können.

Bildlegende:Dohuk liegt rund 80 km nördlich von Mossul srf

Prof. Dr. Jan Ilhan Kizilhan

Portrait des Traumatologen Jan Ilhan Kizilhan.

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Psychologe, Autor und Herausgeber. Kizilhan gilt als international anerkannter Experte der Transkulturellen Psychiatrie und Traumatologie.

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • Uno fordert Ende des Völkermords an Jesiden

    Aus Tagesschau vom 16.6.2016

    Die Terrormiliz IS hat an der Minderheit der Jesiden Völkermord begangen und setzt diesen fort. Das stellt die Syrien-Untersuchungskommission der UNO fest. Noch immer halte der IS über 3‘000 Jesiden in Syrien gefangen.

  • Rückeroberung des Sinjar-Gebirge

    Aus 10vor10 vom 23.2.2015

    Zehntausende Jesiden flohen im August 2014 vor den islamistischen Terroristen ins Sinjar-Gebirge. Auf dem Berg harrten sie tagelang ohne Wasser und ohne Nahrung aus. Doch nun sind die Jesiden selbst auf dem Vormarsch, angeführt von kurdischen Kämpfern. «10vor10» zeigt eine Reportage von SRF-Korrespondent Pascal Weber.

  • Hilfe für Jesiden im Irak

    Aus Tagesschau vom 10.8.2014

    Kurdische Kämpfer nutzen die Ausweitung der amerikanischen Luftangriffe im Norden des Irak, um Tausende von Jesiden in Sicherheit zu bringen. Mehrere zehntausend jesidische Familien sitzen nach wie vor im Sindschar-Gebirge fest. Einschätzungen von SRF-Korrespondent Pascal Weber.