IS-Terrormiliz lässt 300 Jesiden frei

Seit fünf Monaten hält der Islamische Staat tausende Jesiden gefangen. Nun haben sie in der Nähe der Stadt Kirkuk im Irak vor allem Frauen, Kinder, alte Menschen und Kranke auf der Strasse ausgesetzt.

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Jesiden überraschend freigelassen

1:16 min, aus Tagesschau vom 18.1.2015

Im vergangenen Sommer flüchteten zehntausende Jesiden vor den vorrückenden Truppen der Terror-Miliz Islamischer Staats ins Sindschar-Gebirge. Viele konnten sich danach in Sicherheit bringen, doch Tausende fielen in die Hände der IS. Ein Teil von ihnen wurde getötet.

Nun haben die Dschihadisten im Irak überraschend mehr als 300 Jesiden freigelassen: vor allem ältere Menschen, Frauen, Kinder und psychisch Kranke. Viele sind gezeichnet, sind im Rollstuhl oder gehen an Krücken. Auch Kinderlähmung und andere ansteckenden Krankheiten machen ihnen zu schaffen.

«Sie haben uns schlimme Dinge angetan»

Die meisten Freigelassene berichteten, sie seien in der Nähe der vom IS im Juni 2014 eingenommenen zweitgrössten irakischen Stadt Mossul im Norden des Landes festgehalten worden.

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Bildlegende: Der IS dominiert grosse Gebiete im Irak und in Syrien. SRF

«Ich weiss nicht, warum sie uns freiliessen», sagte eine betagte Frau. «Das sind sehr schlechte Menschen. Sie nahmen unsere Kinder und jungen Frauen weg, haben uns schlimme Dinge angetan. Sie haben uns gedemütigt.»

Die Dschihadisten liessen die Jesiden an der Front südwestlich der mehrheitlich von Kurden bewohnten Stadt Kirkuk frei. Dort wurden sie von kurdischen Peschmerga-Kämpfern und Behördenvertretern in Empfang genommen und in ein Gesundheitszentrum der Ortschaft Altun Kopri gebracht. Vor dem Zentrum strömten Jesiden zusammen – in der Hoffnung, Verwandte und Bekannte wiederzufinden.

Noch Tausende Geiseln vermisst

Ein dort tätiger Jesiden-Aktivist sagte, unter den Freigelassenen gebe es «Verletzte und Behinderte». Die Dschihadisten hätten die Jesiden offenbar freigelassen, weil sie sie nicht mehr ernähren konnten und sie ihnen zunehmend zur Last gefallen seien.

Eine ältere Frau sitzt in einer Schubkarre

Bildlegende: Die Qual der letzten Monate steht viele ins Gesicht geschrieben. Reuters

Ein jesidischer Parlamentsabgeordneter sagte, der IS sei dem Druck der Peschmerga-Kämpfer und mit ihnen verbündeter Kräfte ausgesetzt. Auch das habe bei der Geiselfreilassung eine Rolle gespielt. Er äusserte die Vermutung, dass noch 3000 Frauen in der Gewalt des IS sein könnten.

Erschöpft und unterernährt

«Das war so hart – nicht nur, weil wir nichts zu essen hatten, sondern auch, weil wir uns die ganze Zeit Sorgen machten», erzählte ein alter Mann.

Das Schicksal der anderen Jesiden ist ungewiss. Nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Amnesty International wurden hunderte, wenn nicht tausende jesidische Frauen als Ehefrauen an Dschihadisten verkauft oder als Sexsklavinnen unterjocht. Einige nahmen sich laut Amnesty das Leben, um diesem Schicksal zu entgehen.

Konferenz in London

Die Geiselnahme der Jesiden war auch der Grund, dass US-Präsident Barack Obama Luftangriffe auf den IS im Irak und in Syrien angeordnet hat. Zugleich wurde eine internationale Anti-IS-Allianz geschmiedet. Ihr gehören auch die irakische Armee, kurdische Einheiten, schiitische Milizen und sunnitische Stammeskämpfer an.

Am Donnerstag beraten die Aussenminister aus 20 Ländern in London über die Dschihadistenmiliz. Gastgeber sind der britische Aussenminister Philip Hammond und sein US-Kollege John Kerry, wie aus Regierungskreisen in London verlautete. Themen des Treffens sind unter anderem die ausländischen Kämpfer in den Reihen des IS, die Finanzströme der Miliz und die Fortschritte bei ihrer Bekämpfung.

Die Jesiden

Die Jesiden betrachten sich teils als ethnische Kurden, teils als eigenständige Volksgruppe mit eigener Religion. Von den militanten Sunniten des Islamischen Staats werden sie als «Teufelsanbeter» verfolgt.