IS und Al-Kaida - Ringen um die Terror-Führerschaft

Die Attentäter von Paris berufen sich auf den IS und Al-Kaida. Die Ideologie beider Gruppen ist ähnlich, dennoch bekämpfen sie sich. Es geht um die Führung im weltweiten Dschihad.

Eine IS-Flagge vor rauchenden Gebäuden.

Bildlegende: Das Kalifat in Syrien und im Irak dient dem IS als Rückzugsgebiet. Reuters

Noch während des Attentats auf die Redaktion von «Charlie Hebdo» hatten sich die Kouachi-Brüder zu Al-Kaida bekannt. «Sagt den Medien, dass es Al-Kaida in Jemen ist», riefen sie einem Augenzeugen zu. Anders der Geiselnehmer Amedy Coulibaly. Er schwor in einem posthum aufgetauchten Internetvideo dem Anführer der Terrormiliz Islamischer Staat (IS), Abu Bakr al-Bagdadi ewige Gefolgschaft. – Eine bemerkenswerte Differenz, ringen IS und Al-Kaida doch mit aller Macht um die Dschihad-Vorherrschaft.

Vergleichbare Dschihad-Ideologie

In ihrer Ideologie unterscheiden sich die beiden Terrorgruppen kaum. Sie geben vor, im Namen Gottes gegen die «Ungläubigen» zu kämpfen. Dabei propagieren sie die strengste und radikalste Form des Islams, die sie vermeintlich aus den Zeiten des Propheten Mohammed und seiner Nachfolgern im siebten Jahrhundert herauslesen. Den Dschihad, den «Heiligen Krieg» gegen «Ungläubige», halten sie für eine Pflicht. Gewalt sehen sie als legitimes Mittel, um ihr Ziel durchzusetzen.

Osama Osama Bin Laden und Aiman al Sawahiri knien nebeneinander.

Bildlegende: Al-Quaida-Ikone Bin Laden mit seinem Nachfolger Aiman al Sawahiri. Reuters

Spätestens seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 galt Al-Kaida lange Zeit als die unumstrittene Nummer eins unter den Terrorgruppen im Namen des Islam. Diese Position konnte auch der Wechsel an der Spitze nach dem Tod von Osama bin Laden 2011 zunächst nicht erschüttern. Nachfolger Aiman al-Sawahiri besitzt zwar nicht das Charisma Bin Ladens - musste aber keine Konkurrenz fürchten.

Das Kalifat verhalf IS zur Dschihad-Vorherrschaft

Das änderte sich erst, als der IS im Irak immer stärker wurde und zunehmend auf eigene Faust handelte. Lange Zeit war die Terrormiliz ein Ableger Al-Kaidas im Zweistromland. Doch dann dehnte sich der IS ins benachbarte Bürgerkriegsland Syrien aus und wollte dort das Oberkommando über alle Dschihadisten übernehmen. Als Al-Kaida das ablehnte und den IS auf die Grenzen des Iraks beschränken wollte, kam es vor einem Jahr zum Bruch.

Im Wettrennen der Dschihadisten hat Al-Kaida seine unumstrittene Führung verloren. Denn dem IS ist unter Abu Bakr Al-Bagdadi mit der Ausrufung eines islamischen Kalifats ein grosser Coup gelungen. Al-Bagdadi kann für sich in Anspruch nehmen, ein staatsähnliches Gebilde aufzubauen. Zugleich besitzt der IS in Syrien und im Irak grosse Rückzugsräume, die den Extremisten Schutz bieten.

Al-Kaida hat diese Rückzugsräume derzeit im Jemen, wo mit der Gruppe Al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel (AQAP) einer der aktivsten Zweige des Terrornetzwerkes sitzt. Dort soll sich 2011 auch einer der Kouachi-Brüder aufgehalten haben.

Propaganda-Patt in Paris

Als nach den Attentaten von Paris die Meldung kam, die Kouachi-Brüder stünden in Verbindung zu AQAP, schien Al-Kaida im Dschihad-Wettrennen zunächst Boden gut gemacht zu haben. Doch Coulibalys posthum veröffentlichter Treueeid zu Al-Bagdadi dürfte in radikalen muslimischen Kreisen auch dem IS einen weiteren Schub geben.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Angst vor weiterem Terror in Frankreich

    Aus Tagesschau vom 12.1.2015

    In Frankreich gilt nach den Anschlägen der vergangenen Woche noch immer die höchste Terrorwarnstufe. 10‘000 Soldaten sollen in den kommenden Tagen mobilisiert werden, um an sensiblen Punkte des Landes, wie beispielsweise bei jüdischen Einrichtungen, die Sicherheit zu wahren. Einschätzungen von SRF-Sonderkorrespondentin Alexandra Gubser.