Zum Inhalt springen

International «Islamisierung des Abendlandes ist ein politischer Kampfbegriff»

Jeden Montag protestieren die «Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes» – besser bekannt als Pegida – in verschiedenen deutschen Städten. Der Publizist Jakob Augstein erklärt die Motivation der Demonstranten und warum er die Islamisierung nicht thematisieren will.

SRF: Sie schreiben: «Die Politik sollte den Teufel tun und die Debatte mit Idioten und Rassisten suchen. Denn ein Idiot oder ein Rassist ist jeder, der an einer Demonstration gegen die Islamisierung des Abendlandes teilnimmt.» Wieso?

Jakob Augstein: Weil die Islamisierung des Abendlandes nicht stattfindet. Wenn Sie zu einer Demonstration aufrufen und sagen, ich bin gegen die Islamisierung des Abendlandes, dann sind Sie entweder ein Dummkopf oder was noch schlimmer wäre, Sie sind ein Demagoge und ein Rassist. Und ehrlich gesagt, mit dieser Art von Dummköpfen zu reden macht keinen Sinn. Und mit Rassisten zu argumentieren macht auch keinen Sinn. Deshalb sage ich: Keine Diskussion.

Welches Menschenbild steckt hinter Ihrer Aussage? Diejenigen, die nicht denken wie Sie, sind Rassisten oder Dummköpfe?

Nein. Man muss die Leute an ihren Argumenten messen. Die Islamisierung des Abendlandes – was meinen wir denn damit? Das würde doch heissen, dass wesentliche Teile unserer Gesellschaft, unserer Politik, unserer sozialen Strukturen durch eine Kultur des Islam geprägt würden. In Deutschland ist es jedenfalls nicht so. Die Scharia, das islamische Gesetz, gilt nicht. Der Muezzin ruft nicht zum Gebet. Die Islamisierung des Abendlandes ist ein politischer Kampfbegriff. Wenn wir anfangen, uns auf dieses Argument einzulassen, dann hat die andere Seite schon gewonnen. Das ist das Problem.

Haben Sie ein Beispiel für Ihre Theorie?

Sie haben das immer, wenn Sie sich eine falsche Debatte aufzwingen lassen. Wenn Sie über Migration reden wollen: gerne! Wenn Sie über Integrationsprobleme in Städten und Ballungsgebieten reden wollen: sehr gerne! Wenn Sie über die finanzielle Ausstattung von Behörden, Sozialämtern, Schulen in Problembezirken: sehr gerne! Das sind alles Themen, über die wir dringend reden müssen. Wenn Sie das aber alles zusammenfassen unter dem Schlagwort Islamisierung des Abendlandes, dann würde ich sagen: Stopp, hier ist eine Grenze.

Ich sage Ihnen ganz direkt: Wenn wir in Deutschland dieselbe Anzahl Brandanschläge auf Synagogen hätten wie auf Moscheen, dann wäre die Hölle los. Doch bei den Moscheen schauen wir drüber hinweg. Das finde ich sehr bedenklich.

Muss man die Bürger nicht dort abholen, wo sie stehen?

Ich glaube man sollte sehr viel mehr dafür tun, dass sie gar nicht erst dort zu stehen kommen, wo sie offenbar stehen. Das ist inzwischen ziemlich weit rechts aussen. Meiner Meinung nach führen wir eine Scheindebatte. Es geht eigentlich um die Angst vor sozialem Abstieg, die Angst um den Arbeitsplatz, eine Zunahme von sozialer Kälte in einer Gesellschaft, die immer ungleicher wird. Wir haben unter einer scheinbar funktionierenden Oberfläche eine sozial sehr angespannte Lage in Deutschland. Dabei sind 20 Prozent der Deutschen arm oder von Armut bedroht. Das sind 16 Millionen Leute, eine unglaubliche Zahl. All dies ist viel eher die Ursache für diese Proteste. Der Schwache sucht sich immer den noch Schwächeren als Ziel.

In der Schweiz gilt die Theorie: Wenn man Bürger mündig behandelt, verhalten sie sich auch mündig.

Das ist eine sehr gute Theorie. Die teile ich unbedingt. Nur: Wir haben ein rechtspopulistisches Problem in ganz Europa, auch in Deutschland. Der politische Arm dieses Rechtspopulismus ist die AfD, die Alternative für Deutschland und wir haben diesen Strassenpopulismus von Pegida.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Jeder Demonstrant hat das Recht zu demonstrieren. Jeder Mensch hat das Recht auf seine Meinung. Auch ein Dummkopf hat das Recht, ein Dummkopf zu sein. Wir sind nicht bei Stalin. Hier kommt keiner ins Lager, wenn er nicht denkt, was ihm einer vorgibt.

Wären Sie in dem Fall dafür, dass es einen «Hyde Park Corner» gäbe in Berlin, an dem jeder sagt, was er denkt?

Das brauchen wir doch nicht. Das ganze Internet ist ein Hyde Park Corner. Man sollte einen Schritt weitergehen und fragen: Weshalb haben sie diese Angst? Die Angst besteht ja nicht vor dem Islam, sondern vor dem sozialen Abstieg. Was können wir sozialpolitisch dagegen tun? Lassen Sie uns über diese Themen reden. Aber lassen Sie uns nicht darüber reden, ob uns Muslime überschwemmen.

Das Gespräch führte Peter Vögeli.

Jakob Augstein:

Jakob Augstein ist ein deutscher Journalist und Verleger und Vertreter der Spiegel-Erben. Seit 2013 ist er Chefredaktor der von ihm gekauften und verlegten Wochenzeitung «Der Freitag» und Kolumnist bei «Spiegel Online». Er studierte Politikwissenschaften, Germanistik und Theaterwissenschaften.

83 Kommentare

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

  • Kommentar von S.Pfister, Zürich
    Gewissen Schreiber kann man nicht mit sachlichen Argumenten beikommen. Darum muss man dann solche Mittel wählen und merkt gar nicht wie es so niemals einen Sieger gibt. Danke für die Kritik an Pegida
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Kurt Vollmer, Zürich
    Mit Verlaub bedanke ich mich für die Forumeinträge und die klare Kritik. Pegida ist ein Verein der natürlich für ihre Meinung einsteht und vor einer Islamisierung sich fürchtet. Aber und das ist der grosse wichtige Punkt. Natürlich haben sie damit recht. Wie einige Orte in Deutschland sehr schön aufzeigen. Das geht natürlich zu weit. Danke für die volle Kritik an den Kritikern an Pegida. Ich will weiterhin so friedlich wie im Moment zusammenleben. Schön wird da so klar Stellung bezogen.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von P.Studer, Zug
    Ständig diese Pegida hier und Pegida her. Das Problem müssen wir nicht angehen. Was uns Sorgen machen muss sind die Linksextremen auf den Strassen, gerade auch in unserem Land, die anderes Eigentum zerstören und gar Polizisten angreifen.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von M.Kaiser, Rebstein
      Ja wir haben viel Mist bei uns aufzuräumen, es wird langsam ungemütlich in unserem friedliebenden Land .
      Ablehnen den Kommentar ablehnen