Israel zwischen den Fronten

Der syrische Bürgerkrieg hat eine neue Wendung genommen. Am Samstag stellte sich der Generalsekretär der libanesischen Hisbollah hinter Baschar al-Assad. Am Sonntag schlugen als Antwort zwei Raketen in einem Hisbollah-Stadtquartier in Beirut ein. Ein ehemaliger Botschafter zur Sicht Israels.

SRF: Was ist gefährlicher für Israel: Ein Sieg der Rebellen und Al-Kaida, oder ein Sieg Assads und eine massive Stärkung der Hisbollah?

Avi Primor: Das ist die grosse Frage, die die Israelis sich stellen. Und kein Mensch in Israel hat die Antwort. Aber ich würde sagen, mit Assad wussten wir zwei Sachen: Einerseits, dass wir einen echten Gesprächspartner haben, wenn wir mit ihm eine Vereinbarung finden. Er ist ein Partner mit dem wir grundsätzlich sprechen konnten. Andererseits ist er der Verbündete des Irans und der Hisbollah. Und das ist natürlich für Israel eine grosse Gefahr.

Heisst das, dass Assad für Israel besser ist, weil man weiss, was man mit ihm hat?

Ich habe da keine genaue Meinung dazu, weil ich fürchte, dass der Iran und die Hisbollah zunehmend die Macht in Syrien übernehmen. Und sollte morgen der Bürgerkrieg tatsächlich mit dem Assad-Sieg vorüber sein, dann wird das nicht mehr derselbe Assad sein. Er wird nicht mehr unabhängig sein. Er wird zu sehr von den islamistischen Schiiten abhängig sein, die ihn gerettet haben.

Am Mittag haben in Israel die Sirenen geheult. Das war zwar nur eine Übung. Aber wartet Israel auf den Krieg?

Nein, aber Israel muss bereit sein. Israel glaubt nicht, dass die Hisbollah unter Umständen heute ein Interesse daran hat einen Krieg gegen Israel zu entfachen. Assad hat weder Interesse noch die Möglichkeit dazu, und der Iran hat auch andere Sorgen. Aber: Es entwickelt sich im Libanon ein neuer Bürgerkrieg. Je militanter die Hisbollah wird, je mehr sie im Syrien-Krieg beteiligt ist, desto mehr fürchten die Sunniten im Norden des Landes die Machtübernahme durch die Schiiten. Die Sunniten werden wie jetzt wahrscheinlich Widerstand leisten.

Unter solchen Umständen kann man nie wissen, wie sich der Bürgerkrieg in Syrien zum einen und der Bürgerkrieg im Libanon zum anderen entwickeln werden.

Ab wann macht ein militärisches Eingreifen aus der Sicht Israels Sinn? Sei es in Libanon, sei es in Syrien.

Was wir fürchten, ist Raketenbeschuss. Eine Invasion Israels kommt nicht in Frage: Es gibt keine Armee, die sich so etwas leisten kann. Aber Raketen können viel Schaden anrichten. Stellen wir uns vor, dass die Sunniten jetzt einen Bürgerkrieg im Libanon gegen die Schiiten führen und erfolgreich sind. Weil die Hisbollah, die Schiiten, schon zu sehr in Syrien engagiert sind. Unter solchen Umständen könnte die Hisbollah sagen: Führen wir einen Krieg gegen Israel. Das macht den Bürgerkrieg im Libanon obsolet. Dann müssen die Sunniten uns unterstützen, weil wir gegen den gemeinsamen Feind kämpfen.

Wenn die EU das Waffenembargo gegen die syrischen Rebellen aufhebt, das steht ja auf der Traktandenliste, was würde das für Israel bedeuten?

Für uns bleibt die Frage, wer bekommt dann die Waffen? Das ganze Dilemma beruht darauf, dass wir nicht wissen, wer in Syrien kämpft. Wir wissen es nicht, und die Amerikaner und die Türken wissen es auch nicht. Die Türken haben grosses Interesse an der Situation in Syrien.

Auch dieser drohende neue Bürgerkrieg im Libanon macht uns Angst, oder bereitet uns zumindest Sorgen. Wir würden heute lieber niemandem Waffen liefern wollen, weil wir nicht wissen in wessen Hände sie fallen würden.

Präsident Obama will nicht eingreifen. Kann oder will er Israel in den Arm fallen?

Das glaube ich nicht. Zum Beispiel schon die Angriffe, die wir in Syrien betrieben haben, das war nicht offiziell, aber jedes Kind weiss, wie das war. Und es war im Einklang mit den Amerikanern, das schon. Ob die Amerikaner es erlauben würden, dass Israel in Syrien einmarschiert, da bin ich mir überhaupt nicht sicher. Ich glaube nicht, dass die Amerikaner da so ein Interesse haben. Es sei denn, sie würden davon ausgehen, dass Israel einen schnellen, leichten und einfachen Sieg erzielen kann. Ich glaube aber nicht, dass die Amerikaner so denken.

Das Gespräch führte Peter Voegeli.

Avi Primor

Porträt von Avi Primor.

Avi Primor war lange Jahre Botschafter Israels in Berlin. Heute ist er Professor für Europäische Studien an der Universität Herzlya und Vorsitzender der Israelischen Gesellschaft für Auswärtige Politik.