Ist Tunesien ein Hort der Dschihadisten?

In den letzten Monaten sind viele junge Dschihad-Kämpfer aus dem Maghreb in den Krieg gezogen: nach Mali und nach Syrien. Ein grosser Teil dieser islamistischen Gotteskrieger stammt aus Tunesien. Dafür gibt es immer mehr Hinweise, sagt SRF-Maghreb-Spezialist Beat Stauffer.

Die jungen Männer werden meist durch Video-Botschaften und Meldungen in den Medien angesprochen. Über dieselben Kanäle werden auch verstorbene Märtyrer beklagt. In Tunesien gibt es mehr und mehr Angehörige von Dschihadisten, die sich melden und Fernseh-Interviews geben.

Sie berichten, wie es ihren Verwandten in Syrien oder in Mali geht. Oder sie beklagen sich, dass diese getötet worden sind. Schliesslich sind in den letzten Wochen und Monaten zahlreiche junge Männer verhaftet worden, die nach Syrien oder Mali ausreisen wollten.

Ist Tunesien ein Hort der Dschihadisten? Das sei bisschen stark formuliert, sagt der SRF-Maghreb-Kenner Beat Stauffer: «Aber Tunesien ist wie alle anderen arabisch-islamischen Ländern extremistischen Strömungen ausgesetzt.» Und ein Teil der jungen Menschen wird von diesen Ideologien angezogen.

Desillusionierte, junge Männer

Nach der tunesischen Revolution haben sich vor allem junge desillusionierte Menschen dieser Ideologie zugewendet. Meist leben sie wirtschaftlich in sehr schwierigen Verhältnissen. Sie sind aktiv rekrutiert worden.

Vor der Revolution gegen Diktator Ben Ali hat man diese Bewegung weniger gespürt. Er ist sehr hart gegen Dschihadisten vorgegangen. Er hat junge Leute, die auf dschihadisten Webseiten gesurft haben, jahrelang ins Gefängnis gesperrt. Vermutlich sind die Dschihadisten in dieser Zeit ins Ausland gegangen oder sie waren im Gefängnis oder im Untergrund, sagt Stauffer.

Gewähren lassen

Wie entschieden geht die Regierung heute in Tunesien gegen Dschihadisten vor? Im ersten Jahr der Übergangsregierung, die ja von der islamistischen Ennahda-Partei geleitet wird, hat die Regierung die Dschihadisten weitgehend gewähren lassen.

Als dann im September 2012 die amerikanische Botschaft gestürmt wurde, griff die islamistische Regierung stärker durch. Sie hat zahlreiche Dschihadisten verhaftet. «Aber generell kann man sagen, dass die Ennahda-Regierung gegenüber dieser radikalen Bewegung doch einen sehr milden Kurs geführt hat», sagt Stauffer. Sie habe versucht diese Leute einzubinden. Doch die Angst besteht, dass sich die Dschihadisten radikalisieren und sich dann auch gegen die Ennahda stellen könnten.

Al-Qaida ruft zum Dschihad

Die Leitung der al-Qaida soll junge Dschihadisten aufgerufen haben, in ihren Ländern zu bleiben und dort den Dschihad zu führen. Maghreb-Spezialist Beat Stauffer: «Das könnte für die tunesische Regierung und das gesamte Land sehr ungemütlich werden.» Noch sei unklar, ob die Dschihadisten dem Aufruf Folge leisten werden. Wenn das der Fall sein sollte, dann müsste man bewaffnete Auseinandersetzungen in Tunesien befürchten. Und es könnte für die Ennahda sehr schwierig werden; sie müsste mit einer Spaltung der Partei rechnen. Es könnte gar zu Anschlägen kommen.

(basn;lin)