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Italien vor der Wahl «Das Land braucht eine Art Stromschlag»

Bei den Wahlen in Italien dürfte die Bewegung 5 Sterne kräftig zulegen. Vor allem im Süden wollen die Wähler neue Kräfte.

Legende: Audio Reportage von Kirstin Hausen aus Neapel abspielen. Laufzeit 4:14 Minuten.
4:14 min, aus SRF 4 News aktuell vom 01.03.2018.

Der Lebensmittelladen der Familie Stompa in Neapel ist winzig und bis zur Decke vollgestopft. Kartons mit Trockengebäck und Schokoriegeln stapeln sich auch auf dem schmalen Trottoir vor der Tür. Der Verkauf spielt sich grösstenteils hier auf der Strasse ab.

Der Angestellte Carmine, der seinen Nachnamen nicht nennen möchte, verkündet die Preise. Er gibt aus der Hosentasche das Restgeld heraus – und vermeidet Quittungen aller Art.

Die Politiker haben uns ruiniert, für mich sind das alles Taugenichtse.
Autor: CarmineVerkäufer in einem Quartierladen in Neapel

Es gebe zu viele und zu hohe Steuern, die man bezahlen müsste, sagt er. «Die Politiker haben uns ruiniert, für mich sind das alles Taugenichtse.» Die Kaufleute würden nicht geschätzt: «Wir bekommen keine Anerkennung für das, was wir für dieses Land leisten.»

Carmine wird seine Stimme der Bewegung Cinque Stelle (Fünf Sterne) geben. Zwar weiss er nicht viel über deren politisches Programm. Doch er weiss, dass die mehr als 160 Parlamentarier der populistischen Bewegung auf einen Teil ihres Salärs verzichten und insgesamt 23 Millionen Euro in einen Fonds für kleine und mittelständische Betriebe einbezahlt haben. Und das reicht ihm.

Luigi Di Maio wird von Presseleuten in einem Theatersaal umringt.
Legende: In Neapel überaus beliebt: Luigi Di Maio, Spitzenkandidat der 5-Sterne-Bewegung. Reuters

In der Pizzeria «Bella Italia» sitzen Gennaro Granato und sein Schwiegervater Salvatore beim Essen. Das Gespräch dreht sich um Politik. Für beide hat die alte Politikergarde abgewirtschaftet. Auch Gennaro und Salvatore wählen die 5-Sterne-Bewegung, obschon sie nicht mit allem einverstanden sind, was die einstige Protestbewegung rund um den Kabarettisten Beppe Grillo politisch durchsetzen will.

Wenigstens sind die Kandidaten der 5-Sterne-Bewegung nicht vorbestraft.
Autor: SalvatoreGast in einer Pizzeria in Neapel

«Ihnen fehlt die Erfahrung in der Politik. Aber wenigstens haben die 5 Sterne keine vorbestraften Kandidaten, wie es sie in allen anderen Parteien gibt. Und das ist für uns sehr wichtig», sagt Salvatore.

Die Süditaliener haben genug von Korruption

Neapel ist die Metropole des Südens, der stark unter der organisierten Kriminalität und korrupten Politikern leidet. Die Wirtschaft kann sich nicht entwickeln, wenn Schutzgeld erpresst und Lizenzen nur gegen Schmiergeldzahlungen ausgestellt werden.

Deshalb hat die 5-Sterne-Bewegung im Süden gute Chancen, stärkste politische Kraft zu werden. Ihre Sympathisanten sind heterogen, was Alter und Bildungsstand betrifft, aber einig in ihrem Wunsch nach einer neuen, sauberen Politikerklasse.

Pepe Grillo gestikuliert.
Legende: Der Komiker Pepe Grillo hat die 5-Sterne-Bewegung 2009 gegründet. Reuters

Die Politik braucht eine Verjüngungskur

Der Jurastudent Giuseppe Gaudino, im 3. Studienjahr an der Universität von Neapel, drückt aus, was hier viele denken: «Italien braucht eine Art Stromschlag.»

Das Land brauche neue Kräfte, auch in der Politik, so Giuseppe weiter. «Dieses ewige Hin und Her zwischen rechten und linken Parteien sind wir satt.» In 50 Jahren habe Italien mehr als 60 Regierungen gehabt. Er hoffe, dass in der neuen Regierung auch Vertreter der 5-Sterne-Bewegung sitzen werden: «Weil nur sie für etwas Neues stehen. Wir brauchen eine Verjüngungskur in der Politik.»

Renzi umgeben von Leuten auf einem Platz.
Legende: Ex-Premier Matteo Renzi von der Linken hat den Süden offenbar schon aufgegeben. Reuters

Viele kleine Parteien, kaum Mehrheiten

Italiens Parteienlandschaft ist stark aufgesplittert: Mehr als 20 Fraktionen sind derzeit im Parlament vertreten. Vor allem das linke Lager ist gespalten – und es wird dafür aller Voraussicht nach von den Wählern abgestraft.

Einen «Tag der Rache» nennt der Neapolitaner Alfonso Mottolo den Wahltag. Der traditionelle Linkswähler ist tief enttäuscht von den internen Streitereien. Seine Stimme bekommen diesmal die 5 Sterne.

Ob die bisherige Oppositionspartei tatsächlich nationale Regierungsverantwortung übernehmen wird, ist allerdings ungewiss. Dass sie auf der politischen Bühne Italiens eine immer grössere Rolle spielt, steht dagegen ausser Frage.

Linke hat den Süden aufgegeben

Die 5-Sterne-Bewegung stellt zwar die Bürgermeisterinnen in Rom und Turin, auf nationaler Ebene politisiert sie mit ihren insgesamt gut 160 Parlamentariern aber in der Opposition. Die Partei wurde 2009 vom Kabarettisten Beppe Grillo gegründet und ist inzwischen vor allem im Süden des Landes beliebt. Dort geniesst sie soviel Rückhalt, dass Matteo Renzi, der Spitzenkandidat der Linken, auf Wahlkampfauftritte in der Metropole Neapel komplett verzichtet hat. Ganz so, als hätte er den Kampf um den Süden bereits verloren. Gewählt wird am 4. März.

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3 Kommentare

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  • Kommentar von René Balli (René Balli)
    Korruption und Vetternwirtschaft wird man nicht so schnell los, die DNA eines Landes entsteht über eine längere Zeit. Vielleicht wäre die Einführung der Lira gar keine schlechte Idee, jedenfalls passt die Politik von Italien überhaupt nicht zum Wirtschaftsmotor Deutschland. Raus aus dem Euro und Italien könnte weiter wursteln wie eh und je.
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  • Kommentar von Manuel Pestalozzi (M. Pestalozzi)
    Bemerkenswert ist die "Besteller-Mentalität", die in diesen Wortmeldungen durchdringt. Man ist Kunde und will Leistung - möglichst günstig. Das Land braucht wohl eher Beständigkeit und Zuverlässigkeit anstatt eines Stromschlags (hatte Italien den nicht schon mit Tangentopoli in den 1990ern??). Der Aufbau von Vertrauen dauert lang und braucht Geduld. Ich wünsche dem Land, dass sich diese Erkenntnis durchsetzt.
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    1. Antwort von Erich Singer (liliput)
      ....Und Italien wird auch nach der Wahl unregierbar bleiben!!!
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