Italien will toten Flüchtlingen eine Identität geben

Seit Anfang Jahr sind bei der Fahrt über das Mittelmeer mehr als 3000 Menschen ums Leben gekommen. Diese gilt es zu identifizieren, damit die Hinterbliebenen in Afrika und Nahost informiert werden können. Italien ist diesbezüglich im Verzug. Erst jetzt hat es ein entsprechendes System aufgebaut.

Flüchtlinge sitzen auf einer Plattform.

Bildlegende: Für viele Flüchtlinge aus Afrika und Nahost ist die gefährliche Fahrt übers Meer der einzige Weg. Keystone

Vor einem Jahr kenterte 600 Meter vor der süditalienischen Insel Lampedusa ein Flüchtlingsboot mit über 500 Passagieren an Bord. 363 Menschen, meist Somalier und Eritreer, haben dabei ihr Leben verloren. Ein ähnliches Drama ereignete sich acht Tage später.

Bis zum verheerenden Untergang der beiden Flüchtlingsboote vor einem Jahr unternahm Italien kaum etwas zur Identifizierung der toten Flüchtlinge. Die Angehörigen im fernen Afrika oder Nahost mussten sich selber einen Reim darauf machen, wenn sie monatelang nichts mehr von ihren geflüchteten Angehörigen gehört hatten.

Zusammenarbeit mit der Universität Mailand

Vor wenigen Tagen nun hat das Innenministerium ein Abkommen mit der Universität Mailand geschlossen. Die Universität fügt alle erhobenen Daten zusammen. Dazu gehören die erkennungsdienstlichen Fotos der Toten, allfällig gefundene Dokumente, Eheringe, Tätowierungen und andere Informationen, die in einer Datenbank zu einer Art Porträt des Verstorbenen zusammengefügt werden. In einigen Fällen werden auch DNA-Proben genommen.

Wichtig ist auch die Angabe, wo der oder die Tote begraben ist. Es sind zwar nur wenige Hinterbliebene, die nach Italien kommen können, um am Grab ihres Angehörigen Abschied zu nehmen. Zu arm sind die meisten, um aus Afrika oder Nahost nach Italien fliegen zu können. Nur gerade zwölf haben es zum Jahrestag des Untergangs der beiden Schiffe nach Lampedusa geschafft – die meisten von ihnen mit Unterstützung von Nichtregierungsorganisationen oder gar Fernsehstationen.

Mit der Datenbank, so das Innenministerium, werde nun aber immerhin die Möglichkeit geschaffen, dass nicht vergessen wird, wo die Flüchtlinge begraben sind.

Druck aus dem Ausland war nötig

Italien gibt sich erst seit dem Untergang der beiden grossen Schiffe im vergangenen Oktober Mühe bei der Identifizierung der toten Flüchtlinge. Aber auch erst seit die halbe Welt wenigstens für ein paar Tage auf das Flüchtlingsdrama im Mittelmeer geblickt hat – und seit das Ausland auch Druck auf die Regierung in Rom ausübt.

Vorher versuchten die Kirche und einige Nichtregierungsorganisationen so gut es ging, die Lücke zu füllen, indem sie die Überlebenden nach den Namen und Herkunftsländern der Vermissten befragten und die Hinterbliebenen über ihre Kanäle zu informieren versuchten.

Freilich sind die Probleme trotz des Einsatzes von High-Tech und DNA-Analysen gross. Viele Flüchtlinge werfen ihre Dokumente vor der Überfahrt nach Italien weg, damit sie nicht so einfach in ihr Herkunftsland zurückgewiesen werden können. Auch DNA-Analysen sind nur dann hilfreich, wenn von den Hinterbliebenen ebenfalls DNA-Proben vorliegen. Doch das ist selten der Fall, da diese irgendwo in Afrika, Nahost oder Afghanistan leben.

Also wird es auch in Zukunft so sein wie zum Beispiel im kleinen sizilianischen Dorf San Biagio Platani. Dorfbewohner sammelten dort Geld. Damit kauften sie schlichte Grabsteine für ein paar tote Flüchtlinge und begruben sie auf ihrem Friedhof nach katholischen Riten – einen Imam konnten sie nicht auftreiben.