Japan als Vorbild für die Manager-Entlöhnung?

In der Schweiz ist die Lohnschere relativ gross. Anders in Japan. Es gilt als ein Land mit einer vergleichsweise egalitären Kultur. Und doch ist das Land wirtschaftlich erfolgreich – zumindest über längere Sicht betrachtet. Könnte Japan bei den Gehältern für Top-Manager als Vorbild taugen?

Japaner eilen durch einen Bahnhof.

Bildlegende: Könnte Japan ein Vorbild für die Schweiz sein bezüglich Löhne? Keystone

Toyota ist der weltgrösste Autobauer und Japans grösstes Unternehmen. Doch sein Chef Akio Toyoda hat im vergangenen Jahr nur umgerechnet 1,7 Millionen Franken verdient. Das sind rund vier Mal weniger als der Durchschnitt der Geschäftsleiter von grossen, an der Börse kotierten Unternehmen in der Schweiz.

Die Zahl zeigt, dass Japan bei der Entlöhnung von Führungskräften anders tickt. Das Gehaltsgefälle innerhalb einer Firma ist deutlich geringer als in anderen Ländern. In erster Linie liegt das am Prinzip der lebenslangen Beschäftigung im selben Unternehmen.

Wer nach dem Studium in eine Firma komme, fange zwar nur bei etwa 2000 Franken im Monat an, erklärt der Headhunter und Ex-Chef der Schweizer Handelskammer in Japan, Martin Stricker. Aber das Salär steige mit dem Alter bis zur Pensionierung automatisch an: «Es ist ein ungeschriebener Vertrag, dass man jedes Jahr etwas mehr verdient.» Alle wissen: Sie verdienen sehr viel, wenn sie 50 sind. «Daran halten sich wirklich alle, folglich gibt es keine grossen Exzesse nach oben. Man kann gar nicht viel abweichen bei diesem System.»

In wenigen Jahren verdoppelt

Allerdings sorgt die Globalisierung dafür, dass auch in Japan die Top-Gehälter seit einiger Zeit nach oben gehen. Die japanischen Unternehmen expandierten ins Ausland und ausländische Firmen in Japan zahlten ohnehin höhere Gehälter, berichtet Marco Ammann.

Er war dreizehn Jahre lang Japan-Chef des Schweizer Chemiekonzerns Sika und dann von Hilti. «Wenn ich vor zehn Jahren Geschäftsleitungsmitglieder rekrutiert habe, habe ich noch in Grössenordnungen von 120'000 bis 150'000 Franken bezahlt. Heute ist es fast das Doppelte.» Die Lohnschere hab sich also auch in Japan geöffnet, aber nicht so stark wie in Europa oder den USA.

Ein anderes Selbstverständnis

Viele Firmenchefs in Japan verstehen ihre Führungsrolle als «Erste unter Gleichen». Sie fühlen sich nicht allein für den Firmenkurs verantwortlich, sondern organisieren einen tragfähigen Konsens im Vorstand. Zu diesem Selbstverständnis passt kein exorbitantes Gehalt. Aber sie haben einen eigenen Fahrer und geniessen ein hohes gesellschaftliches Ansehen. Entlassung müssen sie nicht fürchten.

Ein anderer Unterschied zum Westen: Ihre Leistung als Manager wird weniger am Gewinn gemessen. Traditionelle japanische Firmen strebten eher nach höheren Umsätzen und Marktanteilen, weiss der erfahrene Japan-Manager Ammann. «Das heisst aber auch, dass die Unternehmen häufig stabiler und längerfristig orientiert sind.» In den westlichen Unternehmen werde viel mehr auf kurzfristigen Gewinn und auch Shareholder Value geschaut.

Trügt der Schein?

Dennoch öffnet sich auch in Japan die Lohnschere zum Nachteil der breiten Masse. Vielen Firmen sind die jährlichen Lohnsteigerungen der festangestellten Mitarbeiter nämlich zu teuer geworden. Daher beschäftigen sie lieber Teilzeit- und Leiharbeiter, oft zu Niedriglöhnen von acht bis neun Franken pro Stunde. Über ein Drittel der Japaner arbeitet inzwischen so.

Vor allem junge Leute finden keine feste Arbeit mehr. Oft verdienen sie so wenig, dass sie zuhause wohnen bleiben müssen. Wenn man diese Teilzeitarbeiter in Büros und Fabriken berücksichtigt, dann ist auch in Japan die Lohnschere sehr weit offen.

(basn;krua)

1:12-Initiative

Die 1:12-Initiative, die am 24. November zur Wahl steht, will nach eigenen Angaben Abzocker stoppen und gerechte Löhne schaffen. Der oberste Firmenlenker soll nur zwölfmal mehr verdienen dürfen als der am niedrigsten bezahlte Arbeiter des Unternehmens. Bei grossen Unternehmen ist die Differenz wesentlich höher.