Jemen: «Ein Krieg mit verschiedenen Konflikten und Akteuren»

Die UNO spricht von mindestens 600 Toten und zehntausenden Vertriebenen im Jemen. Humanitäre Organisationen, darunter das Internationale Komitee vom Roten Kreuz, warnen vor einer humanitären Katastrophe. Cédric Schweizer ist Delegationsleiter des IKRK vor Ort.

SRF News: Was sind denn zurzeit die grössten humanitären Probleme?

Cédric Schweizer: Der Jemen hatte bereits vor der jüngsten Offensive grosse humanitäre Probleme, wegen der zahlreichen Konflikte in der Vergangenheit. Diese Probleme haben sich nun noch verschärft. Die Bombardierung durch die von Saudi-Arabien angeführte Koalition ist sehr intensiv. Und in gewissen Städten wie etwa in Aden gibt es heftige Strassenkämpfe. Das bedeutet, dass medizinische Hilfe das Dringendste ist. Es gibt eine riesige Zahl von Toten und Verletzten.

Die Spitäler sind voll und Transporte von einem Spital zum anderen sind sehr kompliziert, wegen der Bomben und der Kämpfe. Es gibt allerdings eine gute Nachricht: Am Wochenende sind zwei Flugzeuge mit mehr als 50 Tonnen medizinischen Hilfsgütern gelandet. Zudem ist ein Team von Chirurgen angekommen. Sie begeben sich nach Aden, wo die Situation am schlimmsten ist.

Es war offenbar sehr schwierig, Hilfsgüter in den Jemen zu bringen. Wo genau lag das Problem?

Wir haben hier eine Kriegszone mit verschiedenen Konflikten und verschiedenen Akteuren, das ist kompliziert. Wir mussten auch mit der arabischen Koalition das Gespräch aufnehmen, denn es wird Tag und Nacht bombardiert. Wir mussten Garantien für Kampfpausen erhalten, damit die Flugzeuge landen konnten. Das hat Zeit gebraucht.

Und wie verteilt man Hilfsgüter in einem solchen Kriegsgebiet?

Das IKRK ist seit 1962 im Jemen präsent. In den letzten Jahren und Monaten haben wir uns besonders stark darum bemüht, Kontakte zu all den vielen Akteuren im Jemen aufzubauen, zu den bewaffneten Gruppierungen und den Stämmen. Heute sind wir soweit, dass wir Zugang zum ganzen Land haben und uns alle Parteien akzeptieren. Das ermöglicht uns, Hilfe an die Orte zu bringen, wo sie am dringendsten gebraucht wird. Morgen zum Beispiel fahren drei Konvois los, einer in den Norden, einer in den Osten, nach Marib, und einer nach Aden. Wir haben die nötigen Garantien erhalten, damit die Lastwagen heil ankommen.

Sie haben es erwähnt: Sie müssen sich für Ihre Arbeit mit den verschiedensten Gruppierungen arrangieren. Wie funktioniert so etwas?

All diese Gruppierungen – die Huthi, die Anhänger des Ex-Präsidenten Saleh, die Bewegung des Südens und auch Al Kaida – haben in den letzten Jahren gesehen, was das IKRK tut und dass wir zuverlässig sind. Sie begreifen die Notwendigkeit unserer humanitären Arbeit. Unser Alltag besteht darin, im Kontakt mit diesen Gruppen zu erklären, was wir vorhaben. Wir kennen die Leute, wir haben ihre Telefonnummern und können so Garantien einholen.

Wir sprechen hier von einer Gesellschaft, die sich aus Stämmen und Unterstämmen zusammensetzt. Das heisst, wenn wir an einen Ort wie Marib reisen wollen, dann müssen wir mehr als 40 Anrufe tätigen um mehr als 40 Sicherheitsgarantien einzuholen. Das ist eine Arbeit, die einen langen Atem braucht. Aber so läuft es hier. Es ist kompliziert, aber auch faszinierend.

Gemäss Angaben der Uno ist die Mehrheit der Jemeniten von ausländischer Hilfe abhängig. Warum diese enorme Armut?

Der Jemen ist ein sehr fragiles Land, das seit Jahrzehnten immer wieder Konflikte erlebt hat. Durch die aktuellen Ereignisse verschlechtert sich die humanitäre Lage noch. Wenn es so weitergeht, kommt es zu einer riesigen Notlage, was die Lebensmittelversorgung anbelangt. Denn 90 Prozent der Nahrung im Jemen ist importiert. Und nun sind alle Importe blockiert. Man kann sich vorstellen, was das längerfristig bedeutet. Wir haben auch ein Problem mit dem Treibstoff. Denn der ist nicht nur strategisch wichtig, sondern spielt auch für die Spitäler eine entscheidende Rolle, denn Elektrizität wird hauptsächlich von Generatoren erzeugt. Nun stehen wir schon kurz davor, dass die Spitäler keinen Zugang zu Treibstoff mehr haben. Das würde heissen, dass die Maschinen nicht mehr laufen, die für das Überleben gewisser Patienten notwendig sind. Wir versuchen deshalb alle Kriegsparteien davon zu überzeugen, dass dem Jemen Zugang zu Treibstoff zugestanden wird. Sonst können die Jemeniten nicht überleben.

Das Gespräch führte Roman Fillinger

Cédric Schweizer

Cédric Schweizer

Schweizer ist Jurist. Er arbeitet seit 2001 beim Schweizerischen Roten Kreuz und hat diverse Einsätze in Krisengebieten hinter sich. Seit April 20013 ist Delegationsleiter des IKRK in Jemen.