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International «Jemen kann nicht wieder ein Zentralstaat werden»

Ein Funken Hoffnung nach zwei Jahren Krieg mit tausenden Toten: Die Konfliktparteien Jemens treffen sich in Kuwait, um über Frieden zu verhandeln. Nötig sei eine föderalistische Lösung, sagt SRF-Auslandredaktor Fredy Gsteiger. Pläne dafür gibt es seit Jahren.

Legende: Video Trotz Waffenruhe wird in Jenem gekämpft abspielen. Laufzeit 0:23 Minuten.
Vom 22.04.2016.

SRF-News: Eigentlich hätten die Gespräche schon anfangs Woche beginnen sollen, doch es waren nicht alle Konfliktparteien anwesend. Wer ist denn jetzt alles am Verhandlungstisch?

Fredy Gsteiger: Bereits seit Sonntag am Verhandlungstisch sind die Delegierten der Regierung, das heisst, des jemenitischen Präsidenten Abed Rabbo Mansur Hadi. Noch unterwegs dorthin ist die Delegation der Huthi-Rebellen. Diese Verzögerung ist ein Protest dafür, dass die Waffenruhe, die eigentlich seit dem 10. April gelten sollte, nur begrenzt eingehalten wird: Immer wieder gab es vereinzelt Luftschläge, vor allem von Saudi-Arabien, das die Regierung von Hadi unterstützt.

Eines der kurzfristigen Ziele des Treffens ist ein dauerhafter Waffenstillstand. Ist das realistisch?

Die Chancen sind zumindest etwas grösser, als bei früheren Begegnungen. So hatte man zum Beispiel im vergangenen Dezember in der Schweiz in Magglingen bei beiden Parteien den Eindruck, dass sie immer noch an einen militärischen Sieg glauben. Inzwischen fand ein Sinneswandel statt. Die Huthis haben gemerkt, dass sie trotz Unterstützung jener jemenitischen Truppen, die immer noch loyal zum Ex-Präsidenten Ali Abdallah Saleh sind, nie das ganze Land erobern und auf Dauer kontrollieren können.

Saudi-Arabien dachte, der Militäreinsatz in Jemen sei eine kurze Sache.

Und Saudi-Arabien wirkt inzwischen kriegsmüde.

Ja. Die Saudis dachten zu Beginn ihres Engagements, dass es sich dabei um eine kurze Sache handle. Sie rechneten damit, rasch zu obsiegen und Hadi wieder an die Macht zu bringen. Das erweist sich aber nun als langwierig. Zudem kommen die Saudis international unter Druck. Schliesslich kommt sie die Operation finanziell extrem teuer zu stehen. In Zeiten des tiefen Erdölpreises spielt das für sie eine Rolle.

Jemen ist völlig zerrüttet. Wie könnte eine längerfristige Stabilisierung des Landes aussehen?

Nötig wären eine breit abgestützte Übergangsregierung, eine neue Verfassung und später auch Wahlen – alles Dinge, die eigentlich schon vor Jahren vorbereitet worden waren. Pläne dafür liegen in der Schublade. Wichtig ist vor allem aber eines: Jemen kann nicht wieder ein Zentralstaat werden, in dem alles von der Hauptstadt Sanaa aus gesteuert wird. Es braucht eine föderalistische Lösung, Minderheitsrechte müssen eingeführt und Rücksicht auf die sehr unterschiedlichen Befindlichkeiten in dem sehr heterogenen Land genommen werden.

Eine solche Lösung bräuchte viel gegenseitiges Entgegenkommen. Ist auf allen Seiten echte Bereitschaft spürbar?

Das ist die grosse Frage, die sich in den nächsten Tagen klären muss. Beobachter sagen, die Chancen stünden etwas besser. Das Problem ist aber, dass es im Land starke Kräfte gibt, die keine Einigung wollen: die Dschihadisten, das heisst Al-Kaida und der sogenannte «Islamische Staat» (IS). Sie profitieren davon, dass Jemen heute ein gescheiterter Staat ist.

Die Dschihadisten profitieren vom Konflikt in Jemen, sie wollen keinen Frieden.

Wäre eine Aufteilung des Landes nicht die bessere Option?

Es gibt viele Anhänger dieser Idee, vor allem liberale Kreise im Süden des Landes, in der Hafenstadt Aden. Sie möchten nicht wieder von Sanaa aus regiert werden. Es gibt aber auch starke Anhänger der Gegenthese, so zum Beispiel die Friedensnobelpreisträgerin Tawakkol Karman. Sie findet, es sei wichtig, dass der Jemen zusammenbleibe. Vor allem, weil eine Teilung viele Probleme, wie zum Beispiel den Islamismus, die extreme Armut und die ungleiche Verteilung des Reichtums – das Öl liegt im Süden –, auch nicht lösen würde.

Das Gespräch führte Brigitte Kramer.

Fredy Gsteiger

Portrait von Fredy Gsteiger

Der diplomatische Korrespondent ist stellvertretender Chefredaktor bei Radio SRF. Vor seiner Radiotätigkeit war er Auslandredaktor beim «St.Galler Tagblatt», Nahost-Redaktor und Paris-Korrespondent der «Zeit» und Chefredaktor der «Weltwoche».

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5 Kommentare

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  • Kommentar von Christian Szabo (C. Szabo)
    Man muss nur wissen, wer die andere (afrikanische) Seite der Wasserstraße kontrolliert. Dann braucht es ein wenig logische Kombination. Und schon geht einem ein Licht auf. Die Kontrolle der östlichen Seite ist oberste Priorität. Ob jetzt irgendwelche Menschen im Jemen darunter leiden oder sterben, ist völlig unwichtig.Vermutlich kommt es zu einer Teilung oder es entsteht eine Militärbasis. Wenn das erreicht ist, herrscht ganz schnell Ruhe. Mit Brief und Siegel.
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  • Kommentar von m. mitulla (m.mitulla)
    Die Saudis wollen sich den strategisch wichtigen Punkt im Golf von Aden sichern. Deswegen haben sie den Jemen bombardiert- und deswegen verlangen sie nun eine "föderalistische Lösung". Es geht hier weder um Religion, noch um Menschenrechte oder gar Demokratie, sondern um die Kontrolle der Wege der Öltanker und um die Ölquellen im Süden. Die Saudis und deren korrupte Marionette Hadi wollen sich diese Gebiete sichern. M.E. sollte die Uno auf die jemenitische Friedensnobelpreisträgerin Karman hören
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    1. Antwort von Bruno Vogt (b.vogt)
      Danke Herr Mitulla, dass sie diesen wichtigen Punkt erwähnen, der von Herr Gsteiger ausgelassen wurde. Der Konflikt lässt sich nicht durch eine Teilung des Landes beilegen. Dies nützt noch immer den gleichen Mächten, die bsw. schon vom Balkankrieg profitiert haben. Ein föderalistisches Staatswesen kann funktionieren, wenn es nicht immer von aussen destabilisiert wird. So lange die Saudis aber nicht zumindest den Süden kontrollieren, werden sie weiter eingreifen, direkt oder eben via Al-Qaida.
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  • Kommentar von Martin Holm (Marty)
    in diesem Konflikt geht es ja nicht um Jemen (Huthis) oder deren Bewohner selbst. Es ist der ewig geführte Kampf der Wahabiten gegen ihre Konkurenz die Shias (Shiiten), denn für die sunnitischen Wahabiten (erzkkonservative Moslems) sind Shias nämlich Kezer und müssen eliminiert werden, siehe auch die Ideologie der IS. Da aber das saudi-arabische Königshaus ohne die Wahabiten nicht regieren könnten und der Westen deren Rohstoffe dringenst braucht, werden sogar Waffen geliefert!!!
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    1. Antwort von Margot Helmers (Margot Helmers)
      Und den Saudis werden deswegen auch noch die roten Teppiche ausgerollt! Die gleichen Köpfe, die von wenigen europäischen Staaten die Aufnahme der Flüchtlinge und Siedler verlangen! So geht es nicht weiter, die Kriegsfürsten müssen endlich Verantwortung für ihr Handeln übernehmen. Aber bei der politischen "EU Elite" kann man das grad vergessen!
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