Jemen ringt um eine Friedenslösung

Die Waffenruhe in Jemen scheint bislang einigermassen zu funktionieren, Huthis und Saudis halten sich an die Vereinbarung. Allerdings sind mittlerweile nicht die beiden grossen Kriegsparteien das Problem im Bürgerkriegsland, wie Jemen-Kennerin Mareike Transfeld im Interview erklärt.

Eine Gruppe Frauen, Kinder und Männer vor Zelten in einem Flüchtlingslager.

Bildlegende: Fast 2,5 Millionen Jemeniten befinden sich ein Jahr nach Beginn der saudischen Luftangriffe auf der Flucht. Keystone

Nach Monaten verheerender Kämpfe gilt in Jemen seit Sonntagnacht eine von der UNO vermittelte Waffenruhe. Kurz vor Inkrafttreten hatten sowohl die Huthis als auch das saudische Militärbündnis mitgeteilt, diese achten zu wollen.

Ihre Einhaltung wäre ein wichtiges Signal für die geplanten Friedensverhandlungen am 18. April in Kuwait. Im Interview erklärt die Jemen-Kennerin Mareike Transfeld, wieso es so schwierig ist, den blutigen Konflikt zu beenden.

SRF News: Es ist nicht der erste Anlauf, um den Bürgerkrieg in Jemen zu beenden. Sind Sie zuversichtlich, dass es diesmal klappt?

Mareike Transfeld: Alle grossen Konfliktparteien haben sich für den Waffenstillstand ausgesprochen und wollen ihn auch einhalten. Tatsächlich wird am Boden zum Teil aber weitergekämpft. Denn die regionalen Milizen werden nicht zentral kontrolliert.

Für den 18. April sind Friedensgespräche geplant, doch offenbar hält nicht einmal eine Waffenruhe. Wie stehen die Chancen, dass sich die Parteien unter diesen Voraussetzungen auf einen Frieden einigen können?

Zu Beginn gab es Gründe für Optimismus, weil die Huthis und die Saudis erstmals miteinander gesprochen haben. Doch im Moment gibt es auch Kräfte, welche die Friedensverhandlungen sabotieren und auf Aggression setzen. Es ist zwar gut, dass die Verhandlungen stattfinden, denn so können Gesprächsstrukturen gestärkt werden. Allerdings glaube ich nicht, dass dabei eine konkrete politische Lösung herauskommen wird.

Würde es etwas bringen, wenn die internationale Gemeinschaft Saudi-Arabien stärker unter Druck setzen würde?

Ja, allerdings lässt die internationale Gemeinschaft ausser acht, dass am Boden sehr fragmentierte Gruppen gegeneinander kämpfen, die nicht unter einer zentralen Kontrolle stehen. Wenn diese Gruppen nicht in den Friedensprozess und die Verhandlungen um einen Waffenstillstand eingebunden werden, kann es bezüglich der Kämpfe am Boden kaum Fortschritte geben. Ich denke dabei nicht primär an Al-Kaida und die Terrormiliz «Islamischer Staat», sondern vor allem an Stammesmilizen und Gruppen, die von Saudi-Arabien unterstützt werden. Sie agieren lokal und selbständig.

Wie schnell kann es unter diesen Voraussetzungen zu einer dauerhaften Befriedung Jemens kommen? Schliesslich eilt es, denn über 80 Prozent der Bevölkerung ist auf Nothilfe angewiesen...

Es eilt in der Tat. Die Menschen leiden unter den täglichen Bombardierungen der saudi-geführten Koalition und den Aggressionen der Huthi-Rebellen. Das hat dazu geführt, dass es nur noch wenige Medikamente und Lebensmittel gibt, ausserdem fehlt es an Trinkwasser. Die humanitäre Lage im Land ist katastrophal. Trotzdem reicht dieser Druck noch nicht aus, damit die jemenitische Elite und die saudische Regierung Kompromissbereitschaft zeigen. Es gibt zwar auf beiden Seiten Fraktionen, die zu Gesprächen bereit sind. Trotzdem braucht es noch mehr vertrauensbildende Massnahmen, bevor man konkrete Lösungen wird sehen können.

Das Interview führte Ivana Pribakovic.

Bürgerkrieg in Jemen: Die wichtigsten Akteure

Die Huthi-Rebellen
Der schiitische Volksstamm aus Nordjemen erhob sich gegen die Regierung, weil er ihr Benachteiligung, Korruption und Vetternwirtschaft vorwarf. 2014 überrannten die Huthis dei Einheiten von Präsident Abed Rabbo Mansur Hadi. Sie zogen in die Hauptstadt Sanaa ein und eroberten zwischenzeitlich auch Teile der Südküste mit der Hafenstadt Aden. Verbündet sind die Aufständischen mit Truppen von Ex-Präsident Ali Abdullah Saleh. Iran wird vorgeworfen, die Huthis zu unterstützen, was Teheran bestreitet.
Abed Rabbo Mansur Hadi
Auf Druck der verbündeten Golfstaaten machte der ehemalige Machthaber Ali Abdullah Saleh seinen Stellvertreter Abed Rabbo Mansur Hadi 2012 zu seinem Nachfolger. Hadi, den eine Wahl ohne Gegenkandidaten im Amt bestätigte, erwies sich als schwach. Als die Huthis das Land eroberten, floh er nach Saudi-Arabien, von wo aus er bis heute regiert.
Die saudische Militärkoalition
Das sunnitische Militärbündnis unter Führung Riads fliegt – offiziell nach Hilfeersuchen Hadis – seit einem Jahr Angriffe in Jemen. Sie richten sich gegen Stellungen der Huthi-Rebellen, treffen aber auch immer wieder Zivilisten. In dem Bürgerkrieg sind im vergangenen Jahr laut UNO etwa 9000 Menschen ums Leben gekommen – mehr als 3000 davon Unbeteiligte. Teil der Allianz sind unter anderem die Vereinigten Arabischen Emirate, Kuwait, Bahrain und Katar.
Ali Abdullah Saleh
Der bei den arabischen Aufständen gestürzte Langzeitpräsident Ali Abdullah Saleh weiss immer noch Teile der jemenitischen Armee hinter sich. In den Jahrzehnten seiner korrupten Herrschaft hatte er immense Reichtümer angehäuft. Das verschaffte ihm Zahlungsfähigkeit und Einfluss auf lange Dauer. Saleh verbündete sich schliesslich mit den Huthis, deren Aufstände er als Präsident noch niedergeschlagen hatte, gegen seinen Nachfolger Hadi.
Terrororganisationen
Al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel, der mächtigste Ableger des weltweit agierenden Terrornetzwerkes, sowie die Terrormiliz «Islamischer Staat» (IS) gelten als heimliche Gewinner im Machtpoker um Jemen. Sie gewannen zuletzt vor allem im Süden des Landes an Einfluss.

Mareike Transfeld

Mareike Transfeld

Mareike Transfeld ist Jemen-Kennerin. Sie doktoriert an der Berlin Graduate School Muslim Cultures and Societies und an der Freien Universität Berlin. Vorher war sie bei bei der Stiftung für Politik und Wissenschaft in Berlin (SWP) als Spezialistin für das Land im Süden der arabischen Halbinsel tätig.