Jeremy Corbyn – der «Tsipras der Briten» kann punkten

Nach der Wahlschlappe vom Mai sucht die britische Labour-Partei einen neuen Kopf. Nun sorgt eine Umfrage für Aufregung: Von den vier Kandidaten für das Amt des Oppositionsführers liegt der Alt-Linke Jeremy Corbyn klar vorn – ein britischer Alexis Tsipras, wenn auch ohne dessen jugendlichen Charme.

Jeremy Corbyn.

Bildlegende: Jeremy Corbyn: Der 66-Jährige aus dem Wahlkreis Nord Islington punktet mit klaren Prinzipien. Keystone/Archiv

Tony Blair, der frühere britische Labour-Premier und dreifache Wahlsieger, liess die letzten 18 Jahre Revue passieren: Labour habe herausgefunden, wie man mehrmals hintereinander Wahlen gewinne, und sich dann erinnert, wie man sie verliere.

Er selbst gewinne lieber. Und er wisse auch, wie man das macht. Wahlen würden im politischen Zentrum gewonnen, wenn man allen Schichten gefalle, Arbeitgebern wie Arbeitnehmern, so Blair. Mit einem traditionell linken Programm gehe das nicht.

«  We discovered winning successively and then, we re-discovered losing successively. Personally, I prefer winning.  »

Tony Blair
Ehemaliger britischer Premier (1997 bis 2007), Vorsitzender der Labour-Partei (1994 bis 2007)

Ein klassischer Blair: Gut ist, was funktioniert. Der Zweck heiligt die Mittel. Drei der vier Kandidaten für das undankbare Amt des britischen Oppositionsführers befolgen diese Maximen mehr oder weniger. Sie alle enthielten sich am Montag der Stimme, als die konservative Regierung ihre neuen Kürzungen der Sozialzuschüsse vorlegte.

«  We each care for all, everyone caring for everybody else – I think it's called socialism.  »

Jeremy Corbyn
MP im Unterhaus seit 1983, Kandidat für den Labour-Parteivorsitz

Ein Kandidat – der 66-jährige Jeremy Corbyn – stimmte dagegen: Die Sparpolitik der letzten fünf Jahre sei unnötig gewesen. Corbyn setzte sich bereits gegen den Irak-Krieg ein und gegen Atomwaffen, aber für die Anliegen der Palästinenser.

Alle seien für alle verantwortlich und fürsorglich; das nenne man wohl Sozialismus, betont Corbyn. Das kommt an. Er führt in der ersten Meinungsumfrage deutlich. Stimmberechtigt sind eine Viertelmillion Parteimitglieder sowie Gewerkschaftsmitglieder, die eine Stimme beantragen. Zehntausende haben das bereits getan.

Blair empfiehlt: Herztransplantation

Blair hat dafür bloss schneidende Verachtung übrig: Jene, deren Herzen derartigen politischen Anliegen zugeneigt seien, empfehle er eine Herztransplantation. Labours letzten Wahlkampf überzog er mit ätzendem Spott: Diese Wahl sei einem Drehbuch aus den Achtzigerjahren gefolgt: ein Rückfall ins Zeitalter von Star Trek.

Das ist zweifellos übertrieben. Aber Blair enthüllte unfreiwillig das Kernproblem von Labour: Corbyn ist zwar kaum mehrheitsfähig, aber er hat Prinzipien und Überzeugungen. Seine Rivalen wollen bloss gewinnen, egal womit. Labour-Veteran John Prescott findet das zum Verzweifeln: Vielleicht sollte man sich vermehrt Inhalten zuwenden. Corbyn sei erfolgreich, weil jeder wisse, woran er glaube.

Die Crux mit der gemässigten Sozialdemokratie

In der Tat. Ein noch älteres Fossil, ein Gemässigter aus den verfemten Achtzigerjahren, Roy Hattersley, brachte es heute auf den Punkt: Labour habe das Selbstvertrauen verloren und hege Zweifel an der Berechtigung einer gemässigten Sozialdemokratie. Wer seine Grundsätze verliere, habe echte Probleme.

Nur: Diese verwaschene, beliebige Sozialdemokratie ist just von Leuten wie Blair ausgekernt worden und bietet heute keine glaubwürdige Alternative zur strammen und bisweilen herzlosen Effizienz der Konservativen mehr an.