«Jetzt braucht es exemplarische Strafen»

Das Ausmass der russischen Doping-Praktiken schockiert auch den Europäischen Leichtathletik-Verband. Der ehemalige Präsident Hansjörg Wirz hält den Ausschluss Russlands aus dem Weltverband für gerechtfertigt. Nur mit einer exemplarischen Strafe könne die Glaubwürdigkeit aufrechterhalten werden.

Hansjörg Wirz an einer Pressekonferenz.

Bildlegende: Früherer EAA-Präsident Hansjörg Wirz: Ausmass des russischen Dopings löste Schock aus. Keystone/Archiv

Der Bericht der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) ist vernichtend: Russische Leichtathleten haben systematisch gedopt. Das Doping-System wurde vom nationalen Leichtathletik-Verband, Laboratorien und staatlichen Stellen gestützt.

Das Ausmass und die Systematik des Dopings in Russlands Leichtathletik-Szene sei ein Schock, sagt der frühere Präsident des Europäischen Leichtathletik-Verbandes, Hansjörg Wirz. «Hier sind Dinge zutage gekommen, die in diesem Ausmass in unserem Sport noch nie vorhanden waren».

Der ehemalige Sportfunktionär hatte an der gestrigen EAA-Sitzung teilgenommen. Nach seinen Worten war allen Beteiligten sofort klar, dass der Welt-Leichtathletik-Verband (IAAF) nun sofort ein Signal setzen muss. Denn nur wenn sich die Leichtathletik hundertprozentig von solchen Praktiken abwende, könne sie glaubwürdig weiterentwickelt werden.


Russen-Doping schockt Leichtathletik-Welt

3:12 min, aus SRF 4 News aktuell vom 11.11.2015

Klares Signal nötig

«Wenn Übertretungen in solchem Mass mit systemischem Charakter auftreten, braucht es exemplarische Strafen», sagt Wirz zur Wada-Forderung, Russland auszuschliessen. Er geht denn auch davon aus, dass der Weltverband die nötigen Massnahmen ergreifen wird.

Bei der Korruptionsaffäre um den früheren Weltverbandspräsidenten Lamine Diack, handle es sich um das Vergehen einer Einzelperson, das entsprechend bestraft werden müsse, ergänzt Wirz. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hat Diack die Ehrenmitgliedschaft entzogen.

Zentrale Figur tritt zurück – Russland warnt jedoch vor pauschalem Ausschluss

Zentrale Figur tritt zurück – Russland warnt jedoch vor pauschalem Ausschluss
Nach dem grossen WADA-Report über das umfangreiche Dopingsystem im russischen Sport hat der Leiter des Moskauer Anti-Doping-Labors seinen Rücktritt erklärt. Das bestätigte das Sportministerium am Dienstagabend. Gregori Rodschenkow ist eine der zentralen Figuren in diesem Skandal. Er soll die Beseitigung von 1417 Dopingproben angewiesen zu haben.

Angesichts massiver Vorwürfe der WADA warnt Russland vor einem pauschalen Ausschluss russischer Leichtathleten von Olympia 2016. «Zweifellos sollten Dopingsünder hart bestraft werden – aber gleichzeitig darf ehrlichen Sportlern nicht das Recht auf Teilnahme an Wettbewerben genommen werden», heisst es in einem am Mittwoch verabschiedeten Beschluss des Nationalen Olympischen Komitees (NOK) Russlands.

Zudem bekräftigte der russische Sportminister Witali Mutko seine Zweifel an den Vorwürfen im Bericht der WADA. In dem Bericht befänden sich viele Widersprüche, sagte er der Agentur Interfax zufolge. So werde einmal empfohlen, der Staat solle sich aus der Anti-Doping-Arbeit heraushalten, dann wiederum werde eine unzureichende staatliche Kontrolle kritisiert. «Es ist lächerlich zu behaupten, dass wir Sportler reinwaschen – wenn wir gleichzeitig Milliarden in den Anti-Doping-Kampf stecken», so Mutko. Der russische Sportminister wies auch die Vorwürfe zurück, russische Athleten seien bei den Olympischen Sommerspielen 2012 in London gedopt gewesen. Damals seien die Sportler von britischen Kontrolleuren geprüft worden.