Joseph S. Blatter: Der Fussball-Pate aus dem Wallis

Sepp Blatter gibt sich gerne als ein Mann der Berge. Vielleicht rührt daher seine Hartnäckigkeit, doch nun muss er sich der Fifa-Ethikkommission beugen. Der wohl mächtigste Fussballfunktionär aller Zeiten ist suspendiert.

Seine Hartnäckigkeit und seinen Durchsetzungswillen begründet Joseph S. Blatter – das S. steht für Sepp – gern mit den Umständen, unter denen er das Licht der Welt erblickt habe. Er wurde am 10. März 1936 zwei Monate vor dem Niederkunftstermin geboren. Seine Mutter sei gerade dabei gewesen, die Wäsche aufzuhängen, als es losging, erzählte er dem Fussball-Magazin «11Freunde». Von Geburt an sei klar gewesen: Friss oder stirb! Diesen Antrieb habe er zeitlebens gespürt.

Auf den Namen Joseph wurde der Bub übrigens getauft, weil seine Mutter gesagt haben soll: «Wenn er bis zum Josephstag überlebt, dann kommt er durch, und dann wird er getauft.» Solche Geschichten kursieren in den Gängen des Fifa-Hauptsitzes am Zürichberg. Ob sie wahr sind oder nicht, wisse niemand so genau, urteilt das Wirtschaftsmagazin «Bilanz», denn Selbstironie sei Blatter nicht fremd.

Nicht wie der Vater, so der Sohn

Ganz so «nahe dem Matterhorn», wie die Fifa auf ihrer Website suggeriert, ist Blatter im übrigen nicht aufgewachsen. Sein Elternhaus steht unten im Rhone-Tal an der Bahnhofstrasse in Visp. In diesem Städtchen besuchte er auch die erste bis sechste Klasse im heute nach ihm benannten Schulhaus, danach ging er in Sion sowie Saint-Maurice zur Schule.

Sein Volkswirtschaftsstudium an der Uni Lausanne schloss Blatter mit einem Diplom ab. Bei der Studentenverbindung «Helvetia», deren Wahlspruch «Vaterland, Freundschaft und Fortschritt» lautet, erhielt er den Kneipennamen Mi-Temps (Halbzeit). Inzwischen gehört er dort zum Klub der «Alten Herren».

Der Vater soll darunter gelitten haben, nie studiert zu haben. «Ich will meine Söhne nicht in einer blauen Uniform arbeiten sehen», soll er laut «Bilanz» einmal gesagt haben; aus denen solle «etwas Rechtes werden». Dies beherzigte Sepp. Nach dem Studium arbeitete er zunächst als Sportjournalist, dann beim Schweizer Eishockeyverband und bei der Uhrenfirma Longines. Zum Weltfussballverband soll er 1974 auf Initiative eines Zürcher Unternehmers gestossen sein.

Drei Wiederwahlen ohne Probleme

Von da an blieb er dem mächtigsten Sportverband der Welt treu. In die Direktionsetage hievte ihn Adidas-Chef Horst Dassler laut gut unterrichteten Kreisen persönlich. Zeitweise wurde Blatter sogar von Sponsor Adidas bezahlt. Erneut durch Dassler protegiert, wurde der Walliser 1981 Fifa-Generalsekretär.

Seine wohl grösste Glanzstunde erlebte der ehemalige Mittelstürmer des FC Visp am 8. Juni 1998, als er zum Nachfolger des Brasilianers João Havelange erkoren wurde. In einer Kampfwahl ums Fifa-Präsidium setzte er sich gegen den damaligen Uefa-Präsidenten Lennart Johansson mit gut 30 Stimmen Vorsprung durch. Von da an war er unbestritten: Die Wiederwahlen von 2002, 2007 und 2011 erfolgten entweder per Akklamation, oder die Gegenkandidaten erhielten nur geringe Stimmenzahlen.

Blatter geht unbeirrt seinen Weg

Fast schon schicksalhaft für den Oberwalliser war der Mai 2015. Der Fifa-Kongress in Zürich stand von Beginn an unter einem schlechten Stern. Am Morgen des 27. Mai wurden sieben hohe Fussballfunktionäre im Auftrag des Bundesamtes für Justiz und auf Ersuchen der US-Justiz im Hotel Baur au Lac wegen Korruptionsverdachts festgenommen.

Zunächst liess dieser schwere Schlag gegen den mächtigen Verband Blatter kalt. Jedenfalls kandidierte er unbeirrt für eine weitere Amtszeit. Trotz aller Nebengeräusche wurde der 79-Jährige am 29. Mai tatsächlich für eine weitere Amtsperiode bestätigt, nachdem sein Gegenkandidat Ali bin al-Hussein im ersten Wahlgang gescheitert war und seinen Rückzug erklärt hatte. Immerhin hatte Blatter erstmals um seinen Posten kämpfen müssen.

Nur vier Tage später kündigte er indessen überraschend seinen Rücktritt für den Tag an, an dem ein Nachfolger gewählt sei. Der ausserordentliche Kongress soll im kommenden Februar stattfinden. Unter dem Druck neuer Korruptionsvorwürfe hat die Fifa Blatter nun aber per sofort für 90 Tage seines Amtes enthoben.

Bonvivant mit gesellschaftlichem Auftreten

Privat gilt Blatter als eloquenter und humorvoller Mann. Dies zeigte sich schon früh, als er während seines Studiums für verschiedene Anlässe – von der letzten «Hundsverlochete» bis zur zweisprachigen Zeremonie – als Conférencier tätig war. Seine Mutter soll darunter gelitten haben, dass der zweitälteste Sohn an Weihnachten jeweils nicht zuhause war, sondern lieber irgendwo als Tafelmajor auftrat, wie die «Bilanz» weiter schreibt.

Porträt von Blatter an einem Steuer.

Bildlegende: Ein wohl wenig ruhmreicher Abgang: Sepp Blatter verlässt das Fifa-Hauptgebäude. Keystone/Archiv

Sein charmantes und eloquentes Auftreten begeisterte die Frauen und bescherte dem Walliser drei Ehen. Aus der ersten mit Liliana Biner, einer Jugendliebe, ging die einzige Tochter Corinne hervor. Sie hat ihren Vater stets bedingungslos unterstützt.

Die zweite Ehefrau war Barbara Käser, die Tochter von Helmut Käser, Blatters Vorgänger als Fifa-Generalsekretär. Käser soll strikt gegen die Heirat und bei der Hochzeit als einziger geladener Gast nicht anwesend gewesen sein. Seine Witwe verriet dem Magazin «11Freunde»: «Das war das erste Mal, dass ich meinen Mann weinen sah.»

Die dritte Ehe ging Blatter mit einer Delfin-Trainerin in Sizilien ein. Graziella Bianca ist eine Freundin seiner Tochter. Die Hochzeit wurde geheim geplant, selbst seine Brüder erfuhren davon erst zehn Tage vor dem Termin. Bizarr war auch die nachträgliche Einforderung der ehelichen Sakramente vom Papst. Aktuell ist Blatter mit der Armenierin Linda Barras liiert.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Ist Blatter als Fifa-Präsident noch im Amt?

    Aus 10vor10 vom 7.10.2015

    Verschiedene Meldungen machen am Mittwochabend die Runde, die Fifa-Ethikkommission habe Sepp Blatter für 90 Tage suspendiert. Dies wird jedoch von offizieller Seite her noch nicht bestätigt. Der ehemalige Fifa Direktor Guido Tognoni analysiert im «10vor10»-Studiogespräch die Situation.