Kandidatur im Schatten des grossen Bruders

Bei den Bushs ist Politik Familiensache. Nun will auch Jeb ins Weisse Haus. Aber ist Bush gleich Bush?

George W. Bush und Jeb Bush / 2006

Bildlegende: Vater George H. W. Bush und Bruder George W. Bush gehören zu den engsten Vertrauten von Jeb Bush (rechts). Keystone / Archivbild 2006

Jeb Bush will ins Weisse Haus. Dafür bringt er einiges Rüstzeug mit. Er spricht Spanisch, ist mit einer Mexikanerin verheiratet und geniesst den Rückhalt vieler Latinos in den USA. Als ehemaliger Gouverneur von Florida kann er auch Regierungserfahrung vorweisen. Dass sein Vater (George H. W. Bush) und sein Bruder (George W. Bush) bereits Präsidenten der USA waren, hat auch seine Vorteile: Jeb Bush geniesst ausgezeichnete Kontakte zu grossen Geldgebern.

Aber zwei Präsidenten in der Familie zu haben, hat auch seine Nachteile. Jeb wird verglichen – oft mit seinem Bruder, der 2003 die Irak-Invasion befahl.

Eiertanz um die Irak-Frage

So kam die Frage einer Reporterin nicht überraschend: «Hätten Sie mit dem Wissen von heute den Befehl zur Invasion im Irak gegeben?» – «Ja, das hätte ich», sagte Jeb Bush dem Sender Fox News.

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Jeb Bush: «Auch ich wäre in den Irak einmarschiert» (youtube)

0:55 min, vom 8.6.2015

Nach der klaren Antwort entwickelte sich in den folgenden Tagen aber ein PR-Desaster. Die Medien halfen Jeb auf die Sprünge. Denn aus heutiger Sicht ist klar: die angeblichen Geheimdienstinformationen über Saddam Husseins Massenvernichtungswaffen waren falsch.

Am Tag darauf versuchte Jeb Bush zu relativieren. «Ich weiss nicht, wie meine Entscheidung ausgesehen hätte. Das ist eine hypothetische Frage.» Erst zwei Tage später dann: «Hätte ich damals gewusst, was wir jetzt wissen, dann wäre ich nicht in den Irak einmarschiert.»

Die I-Frage aber musste kommen. Das Land will wissen, wie sehr Jeb Bush in den Fussstapfen seines Bruders wandelt und wie weit seine Politik Familiensache ist. «Politisch stehen sich die Brüder zweifellos nahe, was sich unter anderem auch darin zeigt, dass der Berater-Stab von George W. und Jeb Bush nahezu identisch ist», sagt SRF-Korrespondent Arthur Honegger.

Bush III. sollte kompromisslos sein

Rhetorisch allerdings orientiere sich Jeb eher an seinem pragmatisch auftretenden Vater als am hemdsärmeligen Bruder. Und er gilt allgemein als moderater Republikaner – insbesondere bei Themen wie Bildung und Einwanderung. Damit steht er wiederum seinem Bruder nahe. Arthur Honegger: «Auch George W. Bush zählte in den Bereichen Bildung und Einwanderung nicht zu den Hardlinern – das waren jedoch andere Zeiten.»

So konnte im Jahr 2000 Kandidat Bush noch punkten, indem er sich «mitfühlenden Konservativer» betitelte. «Heute sind illegale Einwanderer und nationale Bildungsstandards Reizthemen in der Republikanischen Partei. Punkten kann dort vor allem, wer sich kompromisslos gibt», ist Honegger überzeugt.

Einig sind sich die beiden Brüder in der Wirtschaftspolitik. Sie gelten als businessnah, sagt Honegger. Aber Finanzhilfen für die Wirtschaft stünden beide skeptisch gegenüber. Als Präsident musste George W. Bush jedoch in der Finanzkrise von seinen Prinzipien abweichen.

George junior oder George senior?

Zurück zur I-Frage. Nach der desaströsen Woche von Jeb Bush mit den drei verschiedenen Antworten zur selben Frage, sinniert die Öffentlichkeit über seinen aussenpolitischen Kurs. Ist er der interventionistische Hardliner wie sein Bruder? Oder der Realpolitiker wie sein Vater, der es 1991 nach der Befreiung Kuwaits im Golfkrieg abgelehnt hatte, Truppen nach Bagdad zu schicken.

«Die eigentliche, angewandte Aussenpolitik eines Präsidenten zeigt sich erst im Amt – dann, wenn er auf Krisen reagieren muss. Und diese Krisen kommen bestimmt», erklärt USA-Kenner Honegger. Jeb Bush hat allenfalls noch 17 Monate Zeit, die Wähler von sich und seiner Krisenfestigkeit zu überzeugen. Dabei werfen sein Bruder George und der auf Lügen gebaute Irak-Krieg lange Schatten.

Zwei Brüder im Vergleich


Jeb Bush
George W. Bush
Alter bei Amtsantritt als US-Präsident
63 (2016)
54
Gesagt ist gesagt
George W. über Jeb: «Jeb wäre ein guter Präsident, irgendwann.»Jeb über George W.: «Ich glaube, er war ein grossartiger Präsident.»
ParteiRepublikanische Partei Republikanische Partei
GouverneursamtFlorida 1999–2007Texas 1995–2000
TodesstrafeJaJa
AbtreibungNeinNein
Schwulen- und Lesbenehen
NeinNein
SteuererhöhungNeinNein
Höhere Militärausgaben
JaJa
Fall Terri Schiavo
Als Gouverneur ordnete Jeb Bush die künstliche Ernährung der Wachkoma-Patientin an
Als US-Präsident setzte sich George. W. Bush öffentlich für das Anliegen der Eltern ein, Terri Schiavo weiterhin künstlich zu ernähren
Geboren1953
drittes von sechs Kindern
1946
erstes von sechs Kindern
Glauberömisch-katholisch
methodistisch
Studium
Bachelor in Latin American Affairs an der University of TexasBachelor in Geschichte an der Yale-Universität. MBA (Master of Business Administration) an der Harvard Business School
StudentenverbindungΦΒΚ (Phi Beta Kappa, Abkürzung für die griechischen Wörter «Liebe zum Wissen sei des Lebens Leitlinie»)Skull & Bones (zu Deutsch: Schädel und Knochen)
Familieverheiratet seit 1974 mit der Mexikanerin Columba Garnica Gallo. Kinder: zwei Söhne und eine Tochterverheiratet seit 1977 mit Laura Welch. Kinder: Zwillingstöchter
Wert im Ideologie-Barometer des Wahlforschers Nate Silver; je höher der Wert, je konservativer. Durchschnitt der republikanischen Kongressabgeordneten: 513746

Arthur Honegger

Porträt Arthur Honegger

Von 2008 bis 2015 berichtete er als TV-Ausland-Korrespondent aus den USA – zuerst aus New York, später aus der Hauptstadt Washington. Seit dem Herbst 2015 bildet Arthur Honegger zusammen mit Daniela Lager und Andrea Vetsch das Moderationsteam von «10vor10».

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • Der dritte Bush

    Aus 10vor10 vom 15.6.2015

    Ja, er kandidiert. Wie Jeb Bush, der Bruder des früheren US-Präsidenten George W. Bush heute offiziell bekanntgegeben hat, will er der nächste Präsident der Vereinigten Staaten werden. «10vor10» hat die wichtigsten Teile seiner Ansprache zusammengefasst. Mit Einschätzungen von unserem Korrespondenten in Washington, Arthur Honegger.

  • Ein dritter Bush will US-Präsident werden

    Aus Tagesschau vom 15.6.2015

    Gehandelt wurde er schon lange, jetzt wird es offiziell: Jeb Bush, der Bruder von George W. Bush möchte der Kandidat der Republikaner bei der Präsidentenwahl im Herbst werden. USA-Korrespondent Arthur Honegger schätzt Bushs Chancen ein.

  • Eine der beiden Personen wird möglicherweise ins Weisse Haus einziehen. Jeb Bush (links) und Hillary Clinton.

    Politische Dynastien im Wahlkampf

    Aus Echo der Zeit vom 15.6.2015

    Falls sich Jeb Bush gegen seinen partei-internen Konkurrenten durchsetzt, dann wird er der republikanische Kandidat fürs Präsidentschaftsamt. Es könnte zu einem Duell Hillary Clinton vs. Jeb Bush kommen. Haben in den USA nur noch ein paar wenige Polit-Familien das Sagen?

    Beat Soltermann

  • Hillary legt los

    Aus Tagesschau vom 13.6.2015

    Der Wahlkampf ums Weisse Haus ist lanciert. Die demokratische Bewerberin Hillary Clinton ist in New York erstmals an einem Grossanlass aufgetreten. Nach einem Bad in der Menge hat sie sich als Kämpferin für den Mittelstand präsentiert.