Karadzic weist alle Vorwürfe als Lügen zurück

Er sei die treibende Kraft beim Massaker von Srebrenica gewesen. Dafür soll der bosnische Serbenführer Radovan Karadzic lebenslang hinter Gitter. So will es die Anklage. Karadzic selbst wies erneut alle Vorwürfe zurück. In Den Haag sind nun die Schlussplädoyers zu Ende gegangen.

Radovan Karadzic – ehemaliger Präsident der «Republika Srpska» – und Kriegsverbrecher?

Ankläger Alan Tieger gab sich souverän und siegessicher. Er zitierte in seinem Plädoyer mehrere Zeugen, die den 69-jährigen Karadzic schwer belasteten. Wie jenen Geheimzeugen, der die Massenexekution von Srebrenica im Jahr 1995 überlebte.

Tieger nannte Karadzic einen Lügner, weil dieser bis heute abstreitet, etwas mit dem Massaker von Srebrenica zu tun zu haben. Für ihn steht fest, dass der ehemalige Chef der Republica Srpska die treibende Kraft hinter dem Plan war, Bosnien-Herzegowina ethnisch zu säubern. Er und sein Team hätten dafür genügend Beweise vorgelegt, sagte der Ankläger und forderte die Richter auf, Karadzic für den Rest seines Lebens hinter Gitter zu schicken.

Radovan Karadzic.

Bildlegende: Trotz erdrückender Beweise: Der bosnische Serbenführer Radovan Karadzic pocht auf seine Unschuld. Keystone/Archiv

Karadzic: Falsche Beweise

Das Wort Lügner kam auch im Schlussplädoyer von Karadzic vor. Ankläger Tieger sei ein Lügner, weil er versucht habe, ihn mit falschen Beweisen anzuschwärzen. Zum Beweis las Karadzic, der sich selbst verteidigt, minutenlang Seitenzahlen aus den Prozessakten vor, auf denen er Unwahrheiten gefunden haben will. Allerdings führte er nicht aus, was er an diesen Aussagen bemängelt.

Auch in seinem streckenweise wirren Schlussplädoyer blieb Karadzic, der Psychiater, bei seinen alten Behauptungen: Er sieht sich als Unschuldslamm, und die Serben waren die Opfer der Jugoslawien-Kriege in den 1990er-Jahren.

«Mütter von Srebrenica» hoffen auf Gerechtigkeit

Mehr als 70 Kriegsverbrecher haben die Richter am Jugoslawien-Tribunal in den letzten 20 Jahren abgeurteilt. Aber noch immer wurde noch niemand wegen Völkermords verurteilt. Der ehemalige jugoslawische Präsident Slobodan Milosevic ist gestorben, bevor sein Prozess zu Ende war. Nun bleiben noch Karadzic und sein General Mladic, dessen Verfahren in Den Haag noch immer läuft.

Für die Organisation «Mütter von Srebrenica» ist es unerträglich, dass das Massaker, das juristisch längst als Genozid eingestuft wurde, bisher ungesühnt blieb. Die Mütter reisten für die Schlussplädoyers nach Den Haag. Es ist ihre Hoffnung, dass die Richter Karadzic wegen Völkermords verurteilen. In etwa einem Jahr wissen sie, ob ihre Hoffnung erfüllt wird.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Fotos von Opfern des Bosnienkrieges 1992-1995.

    Schmerzhafte Vergangenheitsbewältigung

    Aus Echo der Zeit vom 2.10.2014

    Emir Suljagic war 17-jährig, als sein Vater im Juli 1995 in Srebrenica ermordet wurde - als eines von 8000 Opfern. Suljagic selber hat überlebt, weil er für die UNO als Übersetzer arbeitete. Nun kandidiert der Srebrenica-Überlebende für das bosnischen Staatspräsidium.

    Walter Müller