«Keine Kraft für eine sinnvolle Offensive»

Pro-russische Separatisten und ukrainische Truppen kämpfen um den Flughafen von Donezk. Beide Seiten hätten sich daran festgebissen, sagt ORF-Korrespondent Christian Wehrschütz.

Halb zerstörtes Gebäude des Donezker Airports mit beschädigtem Schriftzug. Rauch steigt auf.

Bildlegende: Der Donezker Flughafen, heute schwer beschädigt, wurde kurz vor Beginn der Fussball-EM 2012 eröffnet. Reuters

SRF: Über die Kämpfe rund um Donezk kursieren widersprüchliche Angaben. Wer hat denn nun die Kontrolle über den dortigen Flughafen?

Christian Wehrschütz: Im Moment gibt es keine bestätigten Meldungen. Was Kommandanten der pro-ukrainischen Freischärler-Bataillone gesagt haben, ist, dass zwei Terminals in der Hand der Aufständischen sein sollen. Ein guter Teil des Flughafens wird aber offenbar noch von den ukrainischen Truppen kontrolliert.

Das ist das einzige, was man derzeit über den Flughafen sagen kann. Er war erst 2012 von Präsident Viktor Janukowitsch eröffnet worden. Der alte Teil des Flughafens verfügt über ein angeblich aus stalinistischer Zeit stammendes Tunnelsystem, und soll daher viel schwerer einzunehmen sein als der von Lugansk.

Warum ist dieser Donezker Flughafen so wichtig? Ist er militärisch entscheidend oder einfach nur symbolisch?

Der Flughafen ist derzeit weder militärisch entscheidend noch strategisch extrem wichtig. Dort wird über Jahre hinaus nicht geflogen werden können. Nicht nur weil der Flughafen weitgehend zerstört ist und das Geld für einen Wiederaufbau fehlt. Sondern auch, weil in der Gegend verschiedene Truppen stationiert sind, die Maschinen abschiessen könnten.

«  Der Flughafen ist weder militärisch entscheidend noch strategisch extrem wichtig. »

Wichtig ist der Flughafen höchstens in einem Punkt: Wenn man ihn und die angrenzende Stadt Awdijiwka kontrolliert, ist ein Beschuss von Donezk von dort aus noch möglich. Oder man drängt die ukrainischen Kräfte so weit zurück, dass Donezk von der ukrainischen Seite her kaum mehr beschossen werden kann. Es gab Gerüchte über einen Tausch des Flughafens gegen andere Gebiete, die den Ukrainern wichtiger sind. Aber diese Gerüchte haben sich nicht bestätigt.

Es gab in den letzten Wochen immer wieder Kämpfe, aber kaum je so heftige. Weshalb nun diese Eskalation?

Das hat damit zu tun, dass das Ganze eine Eigendynamik bekommen hat. Man beisst sich an etwas fest. Der Flughafen ist der letzte grosse Punkt, um den gekämpft wird. Wenn man sich die anderen Gebiete anschaut, sieht man, dass es in Lugansk viel ruhiger ist. Auch in den anderen Stadtteilen von Donezk ist es ruhiger.

Wir haben es zudem mit sehr unpräzisen Waffensystemen zu tun. Wenn in die zwei Bezirke, von denen aus der Flughafen beschossen werden kann, hineingeschossen wird, passiert so eine Katastrophe wie gestern: Eine Artilleriegranate hat einen Kleinbus getroffen und es gab viele Tote. Auch in einer Schule in der Nähe gab es Tote. Das reisst das mediale Interesse wieder hoch. Wäre die Granate irgendwo eingeschlagen, hätten wir nicht weniger Kämpfe gehabt, nur weniger Tote.

Ist damit die vereinbarte Waffenruhe hinfällig?

Nein, überhaupt nicht. Ich glaube, dass die ukrainische Seite in letzter Konsequenz keine Alternative zum Waffenstillstand sieht. Und zwar deswegen, weil sie einfach nicht mehr die Kraft hat, eine sinnvolle Offensive durchzuführen. Die pro-russischen Rebellen wären vor einem Monat besser nicht stehen geblieben, da sie kein Territorium kontrollieren, aus dem man einen Staat machen kann. Sie haben nicht einmal einen Hafen.

Aber ich glaube, dass der internationale Druck gross genug ist, und auch das Bewusstsein, dass jetzt der Winter kommt. Winterkriege sind sehr verlustreich, und die Zivilbevölkerung muss geschützt werden, damit es einen Wiederaufbau gibt. Ich glaube, dass der Waffenstillstand – mit allen Einschränkungen – eine Chance hat.

Das Gespräch führte Susanne Schmugge.

Christian Wehrschütz

Porträt von Christan Wehrschütz

Reuters

Christian Wehrschütz arbeitet seit 1999 als Korrespondent für den ORF. Davor schrieb er für die NZZ und war als Radiojournalist tätig. Der Österreicher spricht acht Sprachen, darunter Russisch, Ukrainisch, Serbisch, Slowenisch, Mazedonisch und Albanisch. Für seine journalistischen Leistungen wurde er mehrfach ausgezeichnet.