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International «Kitsch und immer mehr Stalin-Kult»

Mit einer Militärparade feiert Russland heute den Sieg über Nazi-Deutschland. Doch das Gedenken an die Opfer der Kriegsveteranen und ihrer Nachfahren ist längst zur unerträglichen und anti-westlichen Politpropaganda mit wachsendem Stalin-Kult verkommen, sagt die Historikerin Irina Sherbakova.

Legende: Video «Tag des Sieges» in Moskau abspielen. Laufzeit 02:07 Minuten.
Aus Tagesschau am Mittag vom 09.05.2016.

Wer sich kritisch zur Rolle der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg kritisch äussert, hat es heute schwer in Russland. Eine solche Stimme ist die Historikerin und Publizistin Irina Sherbakova, die unter anderem für die Menschenrechtsorganisation «Memorial» arbeitet.

SRF: Ist der «Tag des Sieges» als wichtigster Feiertag Russlands auch für Sie ein Grund zum Feiern?

Irina Sherbakova: Für mich und meine Familie war es einst der wichtigste Tag des Jahres. Denn mein Vater war 19 Jahre alt, als er in Stalingrad zum Kriegsinvaliden wurde. Es war das Hauptereignis seines Lebens. Entsprechend war es kein Feier-, sondern ein Trauertag. Er sass mit Freunden zusammen, die auch in der Armee waren, wobei alle seine Kameraden gefallen sind. So war es überall; schon vor 1965, als der 9. Mai zum offiziellen sowjetischen Feiertag erklärt wurde. Damals waren noch viele Frontsoldaten am Leben. Sie alle wussten, dass es ein tragischer Tag ist, weil der Preis für jede Familie so unermesslich hoch war.

Marsch zum 71. «Tag des Sieges» auf dem Roten Platz in Moskau.
Legende: Marschieren zum 71. «Tag des Sieges» auf dem Roten Platz in Moskau. Keystone

Wird die heutige Militärparade den damaligen Ereignissen noch gerecht?

Es ist ganz klar ein Missbrauch dieses Datums, der so massiv bereits in den Siebzigerjahren angefangen hat. Und zwar als Ersatz für alles, was zusehends verschwand: Der Glaube an den Kommunismus und an eine glückliche kommunistische Zukunft. Der Sieg im Zweiten Weltkrieg wurde zum eigentlichen Kitt angesichts der Erkenntnis, dass diese Sowjetunion sehr leicht zerfallen könnte. Heute ist das Ereignis propagandistisch vollständig ausgehöhlt. Noch viel stärker als zu Zeiten Breschnews ist der Anlass zum kitschigen Ersatz für die fehlenden Perspektiven der heutigen Gesellschaft geworden.

Für meine Generation ist die Verkitschung unerträglich – etwa die Kinder in Uniformen und die als Panzer geschmückten Kinderwagen.
Autor: Irina SherbakovaHistorikerin und Publizistin

Geschichte wird in Russland allgemein stark instrumentalisiert. Wie zeigt sich das im Alltag?

Äusserlich vor allem in der Verkitschung von Kriegssymbolen an Tagen wir heute. Innerlich konzentriert sich propagandistisch wirklich alles auf diesen Krieg, auf den Nationalstolz und auf die Beschwörung vom starken Russland. Dazu spürt man überall eine sehr starke anti-westliche Stimmung. Ein Tag lang russisches Fernsehen mit seinen politischen Talkshows und Nachrichten umschreibt es am besten.

Dazu kommt die schleichende Wiederbelebung des Stalin-Kults. Das zeigt sich gerade in diesen Tagen mit den Kundgebungen der marschierenden Kommunisten und ihren Stalin-Bildern.

Auch gibt es viele Plakate mit dem Stalin-Konterfei und kleinere und grössere Denkmäler. Das sind ganz gefährliche Signale, die wir als Historiker wahrnehmen müssen. Denn wir wissen, was Stalin tatsächlich symbolisiert. Es ist ein regelrechter Kampf in der Gesellschaft, schon fast wie vor 50 Jahren zwischen Stalinisten und Anti-Stalinisten.

Das Gespräch führte Roger Aebli.

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41 Kommentare

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  • Kommentar von David Rothen (EinLinkerundmehr)
    Was ist nur mit unseren Nationalkonservativen und Bürgerlichen los? Bis vor ein paar Jahren waren noch alle die grössten Ami-Fans (kaum ein paar Kilometer ins Land und überall hing die Stars-and-Stripes, heute sind die alle weg...) und heute verehren sie ein Land, welches Stalinkult betreibt? Die Verwirrung muss gross sein!
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    1. Antwort von m. fischbacher (mifi)
      Nun ist es ja nicht so, dass anstelle der Ami-Fahne überall eine Russlandfahne weht! Vielleicht wurden ja diesen Leuten (Nationalkonservativen, Bürgerlichen und all den anderen) im Laufe der Zeit die Augen geöffnet und somit auch der "Amikult" ein wenig eingedämmt! Die Verwirrung kann sich deshalb nur verlagert haben! Wäre dies nicht eventuell eine plausible Erklärung für das verschwinden der US Fahnen ...?
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  • Kommentar von B. Häfeli (xxx)
    Lasst doch die Russische Föderation den Gedenktag so feiern, wie sie es für gut hält. SRF berichtet und kommentiert den 1. August auch nicht nur mit Negativmeldungen und interviewt ausschliesslich Schweiz- Kritiker!
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  • Kommentar von Peter Mueller (Elbrus)
    Dass SRF einer Organisation das Wort redet die nicht einmal in der Lage ist einen qualifizierten Jahresbericht und Rechnung abzuliefern egal ob nach Schweizer oder Russischem Recht. Frau Sherbakova sollte sich um die Basics bei Memorial kümmern und nicht das Russische Volk und Regierung im Ausland anschwärzen. Wir verdanken diesen 27 Mio Toten Russen, Weissrussen und Ukrainer unsere Freiheit. Dass Schweizer Lehrer dies in Geschichte mit bestenfalls einer Viertelstunde würdigen ist eine Schande.
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