Klimasünder Kanada? Stimmt nur bedingt

Kanada und Öl – das gehörte unter der politischen Führung von Premier Stephen Harper zusammen: Das Land setzte in den vergangenen Jahren voll auf die Ölindustrie – und handelte sich das Image eines Umweltfrevlers ein. Allerdings: Einzelne Regionen machen von sich aus vorwärts im Klimaschutz.

Öltanks trüben die Aussicht.

Bildlegende: Ölspeichertanks prägen das Bild. Sie stehen, wie in der Provinz Saskatchewan, mitten im Kornfeld. Reuters

Schon sein Vater arbeitete bei Imperial Oil. Und so kam es, dass auch Stephen Harper seine berufliche Karriere bei dem Ölkonzern machte. Seine politische Karriere machte Harper in Alberta im Westen Kanadas, wo der grosse Ölreichtum im Boden liegt und die Leute viel konservativer denken als im Osten des Landes. So verwundert es wenig, dass Harpers Wirtschaftspolitik voll auf den Öl-Boom im Westen setzte und die Industrie im Osten vernachlässigte.

«Harpers Leute waren immer sehr am Bau von Pipelines und an der Förderung von Rohstoffen interessiert», sagt David Macdonald vom Canadian Center for Policy Alternatives in Ottawa. «Auf der anderen Seite interessiert sich diese Regierung überhaupt nicht für die Klimaveränderung oder für eine CO2-Abgabe, um etwas gegen diese zu tun.» Sie habe die umweltpolitisch höchst umstrittene Gewinnung von Öl aus Teersand gefördert, wo sie nur konnte, und alles vermieden, was das Geschäft behindert hätte.

Provinzen haben grosse Kompetenzen

Trotzdem stimmt das Bild von Kanada als grossem Klima-Sünder nicht einfach so. Denn während Harper und seine Bundes-Regierung in Ottawa in der Umweltpolitik untätig bleibt, macht eine Reihe kanadischer Provinzen vorwärts; diese haben nämlich grosse Kompetenzen in der Umweltpolitik.

«Die Provinz British Columbia hat eine CO2-Abgabe eingeführt, die zu den erfolgreichsten Klima-Massnahmen weltweit gehört», sagt Douglas Macdonald, Klimaexperte an der Universität von Toronto. Die CO2-Abgabe von British Columbia sei wirksamer als das Emissions-Handelssystem der EU, das den Ausstoss von Klimagasen nur etwa halb so stark verteuere.

Auch die Provinzen Quebec und Ontario sind aktiv geworden. Sie gingen aber nicht so weit: Sie führten ein ähnliches Emissions-Handelssystem wie die EU ein.

«  Wenn man die Leistungen der umweltbewussten Provinzen und Städte Kanadas zusammenrechnet, kommen wir auch ohne die Bundesregierung auf ein erhebliches Resultat. »

David Miller
Chef von WWF Canada

Insgesamt leben heute rund drei Viertel der kanadischen Bevölkerung in einem Gebiet, in dem der CO2-Ausstoss finanziell gebremst wird. Einen wichtigen Beitrag leisten auch einzelne Städte. Zum Beispiel die Metropole Toronto: «Toronto hat bis 2012 seine Emissionen gegenüber dem Stand von 1990 um 15 Prozent gesenkt, das Kyoto-Programm hatte sechs Prozent verlangt.» Das sagt David Miller, er war bis vor 5 Jahren Stadtpräsident von Toronto und ist jetzt Chef von WWF Canada.

«Wenn man die Leistungen der umweltbewussten Provinzen und Städte Kanadas zusammenrechnet, kommen wir auch ohne die Bundesregierung auf ein erhebliches Resultat», sagt Miller. Und wenn die Bundesregierung mitmachen würde, könnte Kanada sogar zu einem klimapolitischen Vorreiter werden.

Die geplanten Fördermengen machen Einsparungen wett

Klima-Experte Douglas Macdonald weist aber darauf hin, dass da noch etwas fehlt. Auch die Erdöl produzierenden Provinzen müssten für die Klima-Politik gewonnen werden. Ohne sie gehe es nicht: «Berechnungen zeigen, dass die für die Zukunft geplanten Emissions-Steigerungen in Alberta und Saskatchewan die gesamten Einsparungen der anderen Provinzen wieder zunichte machen könnten», sagt der Professor in Toronto.

Das Ende der Pipeline, einer grossen Röhre, versinkt im Boden.

Bildlegende: Das Ende der Enbridge-Pipeline Nr. 9 in Montreal. Sie bringt das Öl aus Teersand aus dem Westen in den Osten. SRF/CHRISTOPH WUETHRICH

Vielleicht wird das aber nicht so schnell passieren, wie man noch vor einem Jahr befürchtete. Denn der Ölpreis ist inzwischen massiv eingebrochen, und die Ölprovinzen hat das hart getroffen. Die Ölkonzerne haben Ausbaupläne storniert, Stellen gestrichen, und die Steuereinnahmen sind stark zurückgegangen.

Rezession könnte Wende bewirken

Das hat zwei Folgen – eine direkte: Der CO2-Ausstoss wächst nicht mehr. Und eine indirekte politische: Das auf den Öl-Boom gebaute Wachstumsmodell der Regierung Harper funktioniert nicht mehr.

Kanadas Wirtschaft ist in eine Rezession geschlittert, und viele Wählerinnen und Wähler wenden sich von den Konservativen ab. Völlig überraschend hat ausgerechnet das konservative Alberta im Frühling eine fortschrittliche und umweltfreundlichere Regierung gewählt. Sollte es am 19. Oktober auch auf Bundesebene zum Machtwechsel kommen, könnte Kanada sein Image als grosser Klima-Sünder vielleicht sogar ganz abstreifen.