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Der Mekong, Südostasiens grösster Fluss, führt immer weniger Wasser
Aus International vom 07.11.2020.
abspielen. Laufzeit 28:38 Minuten.
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Klimawandel und Gier Der Mekong – Südostasiens Lebensader versiegt

Der Mekong fliesst von China bis nach Vietnam und ist die Lebensader von 60 Millionen Menschen. In Kambodscha nährt der Fluss den Tonle Sap See, ein einzigartiges Ökosystem. Doch der Mekong und der Tonle Sap See sind bedroht: durch Dämme und den Klimawandel.

Bis zu den Hüften steht Rous Sary neben seinem kleinen Boot im Tonle Sap See. Der 61-jährige drahtige Mann greift mit beiden Händen nach der Fischreuse, die unter der Wasseroberfläche an Stangen befestigt ist. Als er sie hochhebt, ist er enttäuscht: «Das sind nur wenige Fische! Früher haben wir viel mehr gefangen: Schlangenkopffische, Welse, Karpfen.»

Kambodschanischer Fischer im Tonle Sap See in Kambodscha.
Legende: Wegen des Wildwuchs der Dämme bleiben immer weniger Fische im Netz von Fischer Rous Sary hängen. SRF / Karin Wenger

Der Tonle Sap See in Kambodscha ist der grösste Süsswassersee in Südostasien. Zudem hat er eine spezielle Eigenschaft: Er hat einen Flutpuls, der wie ein pulsierendes Herz den Mekong mit Wasser speist oder von ihm gespeist wird.

Der Mekong

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Blick aus einem Einbaum auf den Fluss Mekong in Laos.
Legende:keystone

Der Mekong ist der längste Fluss Südostasiens, der siebtlängste in Asien und der zwölftlängste der Welt. Er hat eine Länge von etwa 4350 km. Er entspringt in der südöstlichen Provinz Qinghai in China und fliesst durch die Autonome Region Tibet und die Provinz Yunnan. Danach bildet er die Grenze zwischen Myanmar und Laos sowie zwischen Laos und Thailand. Danach fliesst der Fluss durch Laos, Kambodscha und Vietnam, bevor er südlich von Ho-Chi-Minh-Stadt in das Südchinesische Meer mündet. Der Mekong entwässert mehr als 810'000 Quadratkilometer Land.

Die Quellen des Mekong entspringen in einer Höhe von mehr als 4900 Metern am Nordhang des Tanggula-Gebirges.

Die mittlere jährliche Durchflussmenge des Flusses bei Krâchéh in Kambodscha beträgt etwa 14'200 Kubikmeter pro Sekunde. Das aufgezeichnete Minimum bei Krâchéh beträgt etwa ein Zwölftel des Mittelwertes und der jährliche Spitzenfluss etwa das Vierfache des Mittelwertes.

So fliesst in der Trockenzeit Wasser aus dem See über einen Verbindungsfluss in den Mekong. Wenn der Mekong während des Monsuns viel Wasser führt, dann ändert sich die Fliessrichtung des Verbindungsflusses und das Wasser aus dem Mekong füllt den Tonle Sap See und schwemmt Fische, Fischeier und Sedimente in den See.

200 Fischarten bevölkern den See

Ein weltweit einzigartiges System, sagt der US-Amerikaner Taber Hand, der seit gut zwanzig Jahren in Kambodscha lebt und arbeitet und seine Doktorarbeit über das komplexe Ökosystem des Sees geschrieben hat. «Dieser saisonale Flutpuls macht den See zu einem der produktivsten Fischgründe unseres Planeten. Rund 200 verschiedene Fischarten leben im See und jährlich werden hier mehr Fische gefangen, als in allen Süsswasserseen und -flüssen Nordamerikas.»

Ein Juwel der Biodiversität

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Tiger im Unterholz des Mekong in Kambodscha.
Legende:keystone

Trotz der intensiven forst- und landwirtschaftlichen Nutzung gilt die Region rund um den Mekong aufgrund ihrer biologischen Vielfalt als Juwel Asiens. Die Region vereint verschiedene wertvolle Waldtypen, Überschwemmungslandschaften sowie Mangroven auf engstem Raum.

Die einmaligen Landschaften um den Mekong sind gemäss WWF Heimat für 20'000 Pflanzenarten, 1200 Vogelarten, 800 Reptilien und Amphibien sowie über 400 Säugetierarten. Auch mehrere asiatische Elefantenarten und Tiger beheimatet das Gebiet. Für Artenforscher ist die Region ein wahres Eldorado. Zwischen 1997 und 2017 wurden hier durchschnittlich alle drei Tage eine neue Art entdeckt 2500 neue Arten insgesamt. Nirgendwo in Asien gibt es eine grössere Artenvielfalt als in und um den Mekong, die «Mutter aller Wasser». Meist handelt es sich dabei um Pflanzen und Insekten, doch regelmässig werden auch neue Wirbeltierarten gefunden.

Doch in diesem und im vergangenen Jahr war alles anders. Der Mekong führte zu wenig Wasser, der Verbindungsfluss zwischen Mekong und See änderte deshalb zum ersten Mal in der Geschichte seine Richtung nicht. Der See wurde nicht gefüllt. Der Pegel des Tonle Sap Sees sank auf ein historisches Tief. Fischer klagten über massive Einbussen beim Fischfang und die kambodschanischen Fischexporte sanken um über 80 Prozent in den ersten neun Monaten dieses Jahres.

Kriegserklärung an den Fluss

Schuld daran ist eine Jahrhunderttrockenheit in den Ländern entlang des Mekong, die bereits im letzten Jahr begann. Doch das sei nur ein Grund, die Hauptschuldigen am ausbleibenden Flutpuls und dem Fehlen der Fische seien die Dämme in China und Laos, glaubt Taber Hand: «Ihre Auswirkungen auf Kambodscha sind wie eine Kriegserklärung.»

Leerer Bewässerungskanal aus dem Mekong in Kambodscha.
Legende: Schliesst China die Schleusen, verlieren flussabwärts auch die Zuflüsse des Mekong ihr Wasser. Keystone

11 Dämme hat China seit den 1990er Jahren in seinem Gebiet am Oberlauf des Mekong gebaut, um seine schnell wachsende Industrie mit Strom zu versorgen, Dutzende weitere an den Nebenflüssen. Das sei besorgniserregend, sagt Brian Eyler. Der China- und Südostasien-Experte hat den Mekong von der Quelle bis zum Delta in Vietnam bereist und ein Buch über den Fluss geschrieben. Es trägt den alarmierenden Titel «Die letzten Tage des mächtigen Mekong».

Wildwuchs der Dämme

«Die Dämme in China am Hauptfluss des Mekong gehören zu den grössten der Welt», sagt Eyler. Der Xiaowan Damm beispielsweise ist 300 Meter hoch, so hoch wie der Eiffelturm. Er hält gigantische Wassermengen zurück. Wenn China die Schleusen am Oberlauf öffne, verändere das den Pegel am Unterlauf dramatisch. Die Bauern am Unterlauf würden jedoch nicht informiert und wenn das Wasser auf einmal ansteige, verlören sie ihre Ernte und auch ihre Tiere, die entlang des Flusses weiden. «Oder ihre Traktoren, die sie dort abgestellt haben», erzählt der Südostasien-Experte.

Text der die Postergrafik beschreibt

Doch China lässt den Mekong nicht nur plötzlich anschwellen, sondern schliesst auch die Schleusen nach eigenem Gutdünken. So hielt China just in den Monaten der Dürre die Schleusen seiner Dämme geschlossen. Und das in diesem und im vergangenem Jahr, in denen Millionen von Menschen das Wasser des Mekong so dringend gebraucht hätten, um ihre Felder zu bewässern.

Buddhistische Mönche schreiten im kambodschanischen Dorf Trapang Chhouk durch ein vertrocknetes Feld.
Legende: Wo früher in Kambodscha der Mekong war, bricht wegen der Dämme und des Klimawandels nun staubige Erde auf. Keystone

Wegen seiner strategischen Position am Oberlauf behält China die Kontrolle über den Fluss. Die Konsequenzen spürten die Länder am Unterlauf, Länder wie Kambodscha, sagt Anoulak Kittkhoun, der Chefstratege der Mekong River Commission, die bei Konflikten um den Mekong vermittelt. «Es gibt immer diese Dynamik zwischen den Ländern am Ober- und am Unterlauf des Mekong.»

Reisbauer Tui auf seinem Feld in Laos.
Legende: Dürre in Laos, September 2019: Bauer Tui zeigt, wie hoch der Reis eigentlich sein müsste. Wegen des Wassermangels sind nur kümmerliche Stauden gewachsen. SRF / Karin Wenger

Vietnam und Kambodscha seien besorgt wegen der laotischen und chinesischen Dämme und Kraftwerke, sagt Kittkhoun. «Auch unsere Studien zeigen, dass die Auswirkungen von Wasserkraft gewaltig sind. Die Dämme in China haben den Wasserstand und den Fluss selbst bereits verändert.» Mehr Dämme bedeutet, dass es weniger Fische gibt und dass der Fluss weniger Sedimente transportiert.

Die Batterie Südostasiens

Auch das arme Laos baut Dämme. Es hat sich zum Ziel gesetzt zur Batterie Südostasiens zu werden und die Region mit Strom zu versorgen. Über hundert Wasserkraftwerke und Dämme wurden in Laos in den vergangenen Jahren an den Nebenflüssen des Mekong errichtet, sind im Bau oder in Planung. Zwei Wasserkraftwerke wurden inzwischen am Hauptstrom des Mekong fertiggestellt – auch das umstrittene Xayaburi Kraftwerk, das im Dezember 2019 den Betrieb aufnahm.

Das Xayaburi Kraftwerk in Laos unter einem regenverhangenen Himmel.
Legende: Das Xayaburi Kraftwerk ist eines von zwei Kraftwerken in Laos am Hauptstrom des Mekong. Seit Dezember 2019 liefert es Strom. SRF / Karin Wenger / archiv

Umweltorganisationen, aber auch Kambodscha und Vietnam, versuchten den Bau des Kraftwerks zu verhindern. Sie kritisierten, dass das Flusskraftwerk die Wanderung von Fischen gefährden könnte und dass sich die Sedimente ablagern würden, statt weiterzufliessen. Den Bau des Xayaburi Kraftwerks konnten sie trotzdem nicht verhindern. Denn die Länder am Unterlauf können zwar protestieren, aber ein Vetorecht haben sie nicht.

Es wird zu viel Strom produziert

Bis 2030 will Laos jedes Jahr Kraftwerke mit einer Gesamtleistung von 1000 Megawatt in Betrieb nehmen. Das entspricht fast der Leistung der Pumpspeicherkraftwerkgruppe an der Grimsel. Gebaut werden die Kraftwerke in Laos meist von ausländischen Investoren, auch der grösste Teil des Stroms soll ins Ausland verkauft werden. Doch die Dämme und Kraftwerke sind weit weniger ertragreich, als die Regierung erwartet hatte.

Heute produziere Laos mehr Strom durch Wasserkraft, als es verkaufen könne, sagt der Mekong-Experte Brian Eyler. Doch noch halte die Regierung an ihrer Energiepolitik fest. Wird die Corona-Pandemie etwas an der Energiepolitik von Laos verändern? Vielleicht sagt der Experte. «Denn mit der Pandemie ist die Nachfrage nach Strom gesunken, was bedeutet, dass man weniger Dämme braucht.» Aber auch die Nutzung von billigeren, erneuerbaren Energiequellen, Solar und Wind, könnten eine Veränderung bringen, glaubt Eyler.

Erneuerbare Energiequellen als Ausweg?

Es waren wirtschaftliche Gründe, die zu einem Wildwuchs von Wasserkraftwerken und Dämmen am Mekong und seinen Nebenflüssen führten. Es könnten wirtschaftliche Gründe sein, die diesen Wildwuchs stoppen: So wird etwa die Technologie, um Energie aus erneuerbaren Quellen zu nutzen, immer günstiger. Die teurere Wasserkraft könnte bald nicht mehr gefragt sein. Die Regierungen in Vietnam und Kambodscha haben das erkannt und setzen immer stärker auf erneuerbare Energien. Kambodscha hat zudem in diesem Jahr entschieden, bis 2030 keine Wasserkraftwerke am Mekong mehr zu bauen.

Aber die Abkehr von Wasserkraft hin zu erneuerbaren Energien reiche nicht aus, um den Mekong zu retten, sagt Jake Brunner von der International Union For Conservation of Nature: «Der Fluss kann nur überleben – falls es eine gute und transparente Kooperation zwischen China und den Ländern am Unterlauf des Mekong geben wird.»

Bislang war das nicht der Fall. Doch unlängst hat China versprochen, die Wasserdaten seiner Dämme mit den Ländern am Unterlauf zu teilen. Das ist ein Anfang, um den Mekong und die Menschen, die von ihm abhängig sind, zu retten.

International, 7.11.2020, 9:00 Uhr

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9 Kommentare

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  • Kommentar von Bendicht Häberli  (bendicht.haeberli)
    Sehr interessant: Praktisch keine Kommentare, wenn es einmal nicht um den Westen geht. Und dabei: Der Mekong ist nicht das einzige Gewässer Asiens, welches geopfert wird. Der Jangtsekiang könnte das gleiche Schicksal erleiden und - durch die gewaltige Entwaldung der Berghänge in Ost-Tibet erfolgen durch Hangrutschungen (Muren) gewaltige Sedimenteinträge in den Fluss. --Eine weitere Tragik ist der Aral-See, welcher von Menschenhand ausgetrocknet wurde und eine der grössten Umweltkatastrophen ist.
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    1. Antwort von Martin Lehmann  (Herr Lehmann)
      "von menschenhand" suggeriert, dass mehr als nur ein land daran schuld gewesen wäre, dabei hat die austrocknung des einst fünftgrössten sees der welt, dem aralsee, die sovjetunion im alleingang hingebracht. genau wie die volksrepublik china ihre flüsse und sogar den rest ihrer umwelt ins verderben reisst. und das nicht durch rücksichtslose kapitalisten, wie das gerne dargestellt wird, nein, das ist alles auf dem buckel der kommunistischen parteien der jeweiligen länder gewachsen.
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  • Kommentar von Andy Gasser  (agasser)
    Und wieder einmal ist China der Hauptschuldige. Rücksichtslos, arrogant und auf Kosten seiner Nachbarländer und der Umwelt setzt dieses Regiem sich durch. China ist die grösste Gefahr für unseren Planeten!
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  • Kommentar von Bendicht Häberli  (bendicht.haeberli)
    "Doch der Mekong und der Tonle Sap See sind bedroht: durch Dämme und den Klimawandel." Genau. Zuerst waren die Dämme und jetzt kommt der Klimawandel obendrauf. Erkenntis: 1. Es hat zuviele von uns auf der Kugel. 2. Jene , welche das Sagen haben, missbrauchen den Denkapparat. 3. Wegen der Zunahme des Pazifismus (Abkehr von jeglicher Gewalt) wird sich auch nichts ändern.
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