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International Kobane: «Die Türkei will den ersten Schritt nicht allein tun»

Es gibt bereits Kämpfe in den Strassen von Kobane. Die Panzer der Türkei stehen zwar bereit. Doch sie werden nicht eingesetzt – zur grossen Empörung der 15 Millionen Kurden in der Türkei und all jener im Ausland. ARD-Korrespondent Thomas Bormann erklärt die Gründe für die Zurückhaltung.

Ein türkischer Panzer auf einer Anhöhe nahe der Grenzstadt Kobane, wo Rauch aufsteigt.
Legende: Bald könnten die schwarzen Fahnen der Dschihadisten auf jedem Dach flattern, trotz des beherzten Widerstands der Kurden. Keystone

SRF: Die Türkei hat Panzer an der Grenze zu Syrien auffahren lassen. Wieso wartet Präsident Recep Tayyip Erdogan mit dem Einsatzbefehl?

Thomas Bormann: Er wartet auf die internationale Gemeinschaft, dass diese den Startschuss gibt für seinen ganz grossen Wurf, eine sogenannte Schutzzone auf nordsyrischem Boden einzurichten. Erdogan will auf keinen Fall, dass seine Armee im Alleingang in Syrien einmarschiert. Sondern er fordert sowohl eine Flugverbotszone im Norden Syriens als auch eine Schutzzone. Die soll eine Art Puffer sein zwischen dem türkischen Staatsgebiet und dem Kriegsgebiet. Dort sollen auch syrische Flüchtlinge untergebracht werden.

Aber wie diese Schutzzone irgendwann mal besetzt werden soll, das hat Präsident Erdogan noch nicht gesagt. Er will aber sicher nicht in die jetzigen Kämpfe eingreifen, schon gar nicht in dieser umkämpften Stadt Kobane. Denn das würde ja bedeuten, dass türkische Soldaten in den Strassenkampf verwickeln lassen würden.

Die USA haben heute einmal mehr klar betont: Bodentruppen müssten aus der Region kommen. Aber türkische werden das wohl nicht sein?

Das werden vielleicht auch türkische sein, wenn es da eine internationale Verabredung gibt. Aber noch ist es ja nicht erkennbar, welche anderen arabischen Truppen oder besser noch Nato-Truppen bereit sind, dieses Risiko eines Einmarschs einzugehen. Denn so eine Besetzung wäre eine ganz neue Form des Krieges, der bisher ja eher ein syrischer Bürgerkrieg ist, allerdings mit Luftschlägen der Amerikaner und ihrer arabischen Verbündeten. Bodentruppen nach Syrien zu schicken, wäre eine Internationalisierung des Konfliktes. Da möchte die Türkei nicht alleine den ersten Schritt tun.

Wenn die Stadt Kobane tatsächlich fallen würde, wäre die Grenze zur Türkei unkontrollierbar. Erdogan muss doch ein Interesse daran haben, dass der IS nicht die Kontrolle über die Stadt gewinnt. Wieso beharrt er auf die Schutzzone?

Weil das aus Sicht der türkischen Regierung die einzige langfristige Lösung ist. Es ist jetzt schon so, dass die Terrormiliz IS dutzende Grenzkilometer kontrolliert. Der IS steht an vielen Punkten im Norden Syriens direkt an der türkischen Grenze. Aber die Türkei ist sich ihrer Sache ziemlich sicher, dass die IS-Kämpfer nicht über die Grenze schreiten werden. Denn das wäre dann tatsächlich ein Angriff auf Nato-Gebiet. Davor schrecken offenbar auch die IS-Kämpfer zurück. Deshalb haben auch viele Kurden in der Türkei den Verdacht, dass es Erdogan auch hinnehmen würde, wenn die Stadt Kobane fällt. Dann hätte die Türkei die Terrormiliz IS halt als Nachbar. Damit lebt die Türkei andernorts jetzt schon.

Aber diese syrisch-türkische Grenze ist ja nicht dicht?

Ja, es gibt in der Türkei tatsächlich einige, die mit dem IS sympathisieren. Angeblich wurden auch schon einige dieser IS-Kämpfer in türkischen Krankenhäuser behandelt – mit dem Wissen der türkischen Regierung. Weil, so die Gerüchte, die türkische Regierung diese Milizen durchaus auch eine Zeit lang unterstützt hat im Kampf gegen ihren Feind, den syrischen Diktator Baschar al-Assad.

Damit hat die Türkei ein eigenes Problem «herangezüchtet». Wie blutig das werden kann, haben wir gestern gesehen. Bei diesen Unruhen im Südwesten der Türkei waren es Anhänger der Islamisten, die auf kurdische Demonstranten geschossen haben.

Ankara will nicht, dass die Kurden in der Region gestärkt werden. Der Staat fürchtet die Konsequenzen für den internen Kurden-Konflikt. Was wären die Auswirkungen?

Die türkische Regierung hat Bedenken, dass sich im Norden Syriens ein starkes, autonomes Kurdengebiet bilden könnte. Und dass das dann Vorbild sein könnte für die Kurden in der Türkei, ihrerseits ein autonomes, ja vielleicht selbstständiges Kurdistan auszurufen. Das ist die grosse Angst der Regierung. Deshalb hatte sie die Strategie eines Friedensprozesses mit der Terrororganisation PKK gefahren.

Dieser Prozess läuft seit zwei Jahren und hat zum Ziel, dass die PKK die Waffen niederlegt und die Kurden mehr Autonomie bekommen. Dieser Prozess läuft jetzt Gefahr, wegen dieses Konflikts um Kobane zu scheitern. Denn die Kurden in der Türkei sagen sich, wenn die Türkei so wenig tut, um die Kurden dort zu schützen, dann hat sie ihre Glaubwürdigkeit als ehrlicher Partner im Friedensprozess verloren. Dann erklären die Kurden in der Türkei den Friedensprozess für beendet. Das würde bedeuten, dass der Terror auch zurückkommt in den Südosten des Landes, dass auch dort wieder mit Waffen gekämpft würde, zwischen Kurden und der türkischen Armee.

Das Gespräch führte Simone Fatzer.

Thomas Bormann

Porträt Thomas Bormann
Legende: SWR

Thomas Bormann arbeitete zuerst als Reporter für den Hessischen Rundfunk und für die SWR-Nachrichten. Seit 1992 bereist er den Nahen Osten und die Türkei und berichtet von dort. Seit November 2011 ist er als Radio-Korrespondent im ARD-Studio in Istanbul tätig.

14 Kommentare

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  • Kommentar von Felix Oernek, New York, NY
    Ist ja wieder toll, wie sich eine grosse Mehrheit der Schweiz ganz schnell die Finger wund schreiben kann, wenn es darum geht die Tuerkei zu kritisieren und als Faschisten zu beschimpfen. Zu Hause ist man stolz ueber die eigene Neutralitaet (made in CH), aber wehe die Tuerkei zieht nicht im Alleingang in einen Krieg der hunderte unschuldige Leben kosten, und mehrere Jahre andauern koennte. IS - ein Konstrukt aus dem Irak und Syrien? Egal, die Tuerkei darf wieder mal als Buhmann im Fokus stehen..
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  • Kommentar von Heinz Binggeli, Solothurn
    Mit Ferngläser sehen die Türkischen Moslems zu wie Kurdische Moslems zu Tausenden vertrieben und getötet werden! Wenn sich aber Israel nach Bomben Anschlägen verteidigt und dabei einige Moslems tötet gibt es einen Aufschrei als wären nicht alle Moslems gleich? Was ist das für eine Religion? Was aber noch schlimmer ist, wie sich der Islam bei uns verbreitet. Wenn ich an meine Kinder und Enkel denke macht mir dies extrem Angst!!!!
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  • Kommentar von Heiri König, Asan-si, Südkorea
    Die Türkei war früher einmal als osmanisches Reich, die führende Nation der islamischen Länder mit dem Kalifen (dem islamischen Papst) an der Spitze. Es könnte durchaus das unausgesprochene und geheime Fernziel von Erdogan und seiner islamischen Partei sein, dieses Reich in seiner alten Macht und Herrlichkeit neu erstehen zu lassen. Existieren vielleicht geheimen Absprachen der Türkei mit dem IS, die dahin gehen, dass der IS für die Türkei die dazu nötige Dreckarbeit der Eroberungen macht???
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    1. Antwort von Björn Christen, Bern
      @König - dass Erdogan ein neo-ottomanisches Reich und das Kalifat auferstehen lassen will, hat er längst laut ausgesprochen - daran ist schon lange nichts mehr geheim. Dieser grössenwahnsinnige Islamist hat erklärt, dass es das Ziel sei, wieder überall dorthin zu gelangen, "wo unsere Vorfahren waren." Das Zieljahr ist 2071, wenn sich der Sieg der Osmanen in der Schlacht von Manzikert gegen das byzantinische Reich zum 1000. Mal jährt. Bis dahin will die Türkei die Weltmacht Nr. 1 werden.
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    2. Antwort von Juha Stump, Zürich
      Etwas muss klargestellt werden: Die Muslime anerkennen keinen Papst oder Metropoliten wie wir, auch die Imame und hochgeachteten islamischen Gelehrten sind theoretisch gleich wie das Fussvolk, also "primi inter pares". Zudem spielt eine Rolle, dass im Koran bei genauem Lesen zu erkennen ist, dass nicht die Türken, sondern die Araber, die Söhne Ismaels, das "auserwählte" Volk sind (als Gegenpol zu den Juden und zu Isaak), so wie auch Muhammad DER Prophet ist (als Gegenpol zu Jesus).
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    3. Antwort von Milan Darem, Bern
      Ich bewundere euch alle dass ihr aus diesem Beitrag so einen Diskussionsstoff gefunden habt! Gratulation… Allerdings, Erdogans AKP ist nichts anderes als eine Partei mit rechtskonservativem Diskurs und neoliberalem Gedankengut. Im Diskurs wie SVP, im Gedankengut wie CVP-FDP-SVP… Macht ihr daraus keine Islamsdiskussion. Einen islamischen Staat wollen weder AKP noch seine Anhänger, ausser muslimische Extremisten, welche inzwischen offenbar mehr in Europa als in der Türkei sind…
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    4. Antwort von Hein Binggeli, Solothurn
      Milan Darem, genau wie aus ihrem letzten Satz zu lesen ist müssen wir in Europa den Islam in die Schranken weisen. Noch besser wäre verbieten!
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