«Kolumbien war zu wenig vorbereitet auf den historischen Schritt»

Das Friedensabkommen zwischen der kolumbianischen Regierung und der linken Farc-Guerilla sollte nach 52 Jahren Bürgerkrieg zeigen, dass Frieden möglich ist. Doch das Volk sagte hauchdünn Nein. Ein Scherbenhaufen, würde man glauben. Aber vielleicht ist das letzte Wort noch nicht gesprochen.

Kolumbien.

Bildlegende: Wie weiter in Kolumbien? Das Friedensabkommen scheiterte auch an der niedrigen Stimmbeteiligung. Keystone

Nur Feinde können Frieden schliessen: Kolumbiens Präsident Juan Manuel Santos war ein Feind der Farc-Guerilla. Er war Verteidigungsminister und hat die Farc militärisch geschwächt. Als Hardliner wurde er zum Präsidenten gewählt. Erst aus dieser Position hat er zu verhandeln begonnen. Sein Wahlkampf für ein zweites Mandat sollte dann zu einer Art Abstimmung über den Friedensprozess werden. Santos gewann sie deutlich.

Aber – und hier treffen sich die damalige Wahl und die gestrige Abstimmung: Mehr als die Hälfte der Stimmberechtigten blieb zu Hause. Das Ergebnis vom Wochenende zeigt darum nicht eine in exakt zwei gleich grosse Teile der Gesellschaft gespaltene Bevölkerung. Es zeigt vor allem, dass ein grosser Teil der Gesellschaft auf diesen historischen Schritt nicht oder zu wenig vorbereitet war.

Grosses Misstrauen ist geblieben

Das Nein war in den bevölkerungsreichen nördlichen Provinzen Antioquia und Santander besonders stark und überwog das Ja in der Hauptstadt Bogotá. Antioquia ist die Hochburg des früheren Präsidenten Uribe, der mit aller Macht gegen das Abkommen zu Felde gezogen war. Aber auch in Provinzen im Landesinnern, die vom Krieg besonders betroffen waren, traute man der Guerilla nicht. Sie lehnten das Abkommen mehrheitlich ab, wohl vor allem wegen der Straffreiheit der Guerilla-Führer.

Trotz harter und hartnäckiger Verhandlungen hat die Regierung es offenbar versäumt, die Vorteile des Friedens zu erklären und glaubhaft zu machen, dass die Friedensdividende wirklich allen zugutekommen würde. Insbesondere jenen, die immer schon zu kurz gekommen waren und unter dem Krieg weitab am meisten zu leiden hatten. Um diese Spaltung der Gesellschaft geht es letztlich. Sie hat nicht nur zum Krieg geführt, sondern auch zur Macht der Drogenbarone. Wie wenig man das in Kolumbien akzeptiert, zeigt die minimale Beteiligung an der Abstimmung.

Der Friedensprozess muss weitergehen

Der Präsident schickt nun seine Unterhändler nach Havanna zurück, um die Guerilla-Führung zu informieren. Das heisst: Um Möglichkeiten für weitere Gespräche zu sondieren. Santos hatte solche Nachverhandlungen bisher immer ausgeschlossen. Das musste er, sonst hätte der seinen Gegnern schon im Abstimmungskampf die Türen geöffnet. Aber er und die Guerilla wollen und brauchen sie.

Wenn der Friedensprozess scheitert, wird es nie zu Gesprächen mit der zweiten Guerilla-Bewegung kommen, der marxistisch orientierten Nationalen Befreiungsarmee ELN. Und die Farc-Obersten wissen, dass sie nicht so schnell wieder offeriert bekommen, was sie heute in Händen halten. Neue Verhandlungen stehen jetzt aber unter dem Druck politischer Kräfte, die einen Frieden der Sieger diktieren wollen.

Das kann zu neuer Gewalt führen, die noch einmal zeigen wird, dass es hier keine Sieger geben kann.

Friedensverhandlungen Kolumbiens – Eine Chronologie

19. November 2012Beginn zu Friedensverhandlungen in Havanna, Kuba.
26. Mai 2013Die Parteien einigen sich über das erste von fünf Themen auf der Verhandlungsagenda: Die Landfrage.
20. August 2013Die Farc räumen erstmals eine Teilverantwortung für die Opfer des bewaffneten Konflikts ein.
6. November 2013Die Unterhändler erzielen eine Einigung im zweiten Verhandlungspunkt, der politischen Beteiligung der Rebellen.
16. Mai 2014Die Verhandlungsparteien einigen sich über die Drogenfrage.
22. Juni 2014Kolumbiens Präsident Juan Manuel Santos wird wiedergewählt. Er hatte vor allem mit dem Friedensprozess für sich geworben.
16. November 2014Die Gespräche werden abgebrochen, weil die Farc einen General entführen.
10. Dezember 2014Nach der Freilassung des Generals werden die Verhandlungen wieder aufgenommen.
7. März 2015Die Regierung und die Farc einigen sich darauf, gemeinsam Landminen zu räumen.
24. Mai 2015Die Farc starten eine militärische Offensive gegen die Streitkräfte und die Infrastruktur des Landes.
4. Juni 2015Die Unterhändler einigen sich auf eine Wahrheitskommission, die nach der Unterzeichnung des Friedensvertrags ihre Arbeit aufnehmen soll.
20. Juli 2015Die Farc verkünden eine einseitige Waffenruhe.
25. Juli 2015Die kolumbianische Regierung stellt die Luftangriffe auf die Farc ein.
23. September 2015Präsident Santos und Farc-Kommandeur Rodrigo Londoño verkünden die Einigung im kritischen vierten Punkt, der juristischen Aufarbeitung des Bürgerkriegs.
22. Juni 2016Die Unterhändler beider Seiten einigen sich auf eine beiderseitige Waffenruhe.
24. August 2016
Erfolgreicher Abschluss der Friedensgespräche.
29. August 2016
Der Waffenstillstand ist in Kraft.
26. August 2016
Präsident Juan Manuel Santos und FARC-Kommandant Rodrigo Londoño alias «Timochenko» unterzeichnen den Friedensvertrag. Die beiden unterschrieben das historische Abkommen mit einem aus einer Gewehrkugel gefertigten Kugelschreiber.
2. Oktober 2016
Die Volksabstimmung zum Abkommen scheitert mit 50.2 Prozent Nein, bei einer Stimmbeteiligung von 37,4 Prozent..

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • Das Volks-Nein schmerzt – nach einem halben Jahrhundert Bürgerkrieg mit 220'000 Toten, 45‘000 Verschwundenen und fast sechs Millionen Vertriebenen.

    Kolumbien zwischen Krieg und Frieden

    Aus Echo der Zeit vom 3.10.2016

    Nach einem vier Jahre dauernden, komplizierten Prozess unter internationaler Beteiligung schien der Frieden zwischen der kolumbianischen Regierung und der FARC-Guerilla Ende letzter Woche greifbar. Am Sonntag haben nun 50,2 Prozent der kolumbianischen Stimmbürger das Friedensabkommen abgelehnt.

    Was ist falsch gelaufen? Gespräch mit dem Südamerika-Experten Günther Maihold von der Stiftung für Wissenschaft und Politik.

    Isabelle Jacobi

  • Ulrich Achermann.

    Im Tagesgespräch: Ulrich Achermann aus Kolumbien

    Aus Rendez-vous vom 3.10.2016

    War der Schritt zum Frieden zu gross? Die kolumbianische Bevölkerung sagt Nein zum Friedensvertrag mit der FARC-Guerilla. Was nun? Darüber spricht Ivana Pribakovic mit SRF-Lateinamerikakorrespondent Ulrich Achhermann in Bogotà.