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Ukraine: Offene Häfen sind überlebenswichtig
Aus Echo der Zeit vom 05.08.2022.
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Kornkammer Ukraine im Krieg «Ohne Häfen überlebt die Hälfte der Bauern den Winter nicht»

Nicht mehr als ein Hoffnungsschimmer seien die ersten Getreidefrachter ab Odessa, sagt Agrar-Unternehmer Alex Lissitsa.

Alex Lissitsa ist ein prominenter Agrar-Manager in der Ukraine. Seit Kriegsausbruch reist er durchs ganze Land und besucht seine Angestellten. Sie bewirtschaften eine Fläche fast so gross wie der Kanton Aargau.

Anfang Woche war er im Norden, in der Region Sumy an der Grenze zu Russland. Dort musste er mitansehen, wie ganze Felder brannten: Fast täglich werden wir von der russischen Armee beschossen. Meist wenn die Mähdrescher auf den reifen Feldern stehen, die dann durch die Granaten zu brennen beginnen.»

Wichtig sei jetzt, die Sommerente so rasch möglichst einzufahren, betont Lissitsa. Die Ernte dürfte laut neuesten Zahlen um zehn Prozent besser ausfallen als erwartet. Bis zu 67 Millionen Tonnen Getreide und Öl-Saaten könnten es werden.

Gasmangel und volle Silos

Der Rohstoff wäre also vorhanden. Doch ob Mais und Sonnenblumenöl auf dem Weltmarkt landen, hängt von verschiedenen Faktoren ab: In regnerischen Jahr sei die Feuchtigkeit des Getreides sehr hoch, erklärt Lissitsa. Die Trocknung sei wegen der hohen Gaspreise und der Energieknappheit ein Riesenproblem: «Die meisten werden wohl nicht in der Lage sein, die Ernte durchzuführen.» Zugleich gebe es gerade beim Mais kaum noch Lagerkapazitäten, da viele Silos noch voll seien.

Die meisten werden wohl nicht in der Lage sein, die Ernte durchzuführen.
Autor: Alex Lissitsa Agrar-Unternehmer

Umso wichtiger sei es, dass die Häfen in der Region Odessa nun offenblieben: «Wir hoffen, dass die anderen rund 20 Schiffe um Odessa auch beladen werden können. Das wäre ein Rettungsring für die Landwirtschaft, die am Rand der Liquidität steht.»

Offene Häfen überlebensnotwendig

Offene Schwarzmeerhäfen sind also für die Landwirtschaft überlebensnotwendig. Zwar sind die Exporte in den letzten Monaten wieder gestiegen, denn Getreide wurde entweder per Bahn oder über die Donau via Rumänien verschifft. Doch um nur annähernd Vorkriegsniveau zu erreichen, braucht es offene Häfen.

Alex Lissitsa.
Legende: Der 48-jährige Alex Lissitsa ist Geschäftsführer einer Agrar-Holding und Vorstandsmitglied des grössten Fachverbands in der Ukraine. Diesen hatte er 2007 selbst gegründet, nachdem er zuvor in Deutschland doktoriert und gearbeitet hatte. ZVG

Lissitsa muss es wissen. Heute berät der Agrar-Experte auch den ukrainischen Landwirtschaftsminister. Sein Wort hat also Gewicht. Und dennoch liegt vieles ausserhalb seiner Kontrolle. Etwa die Frage, ob sich der Aggressor Russland auch wirklich an das Abkommen von Istanbul hält, das die Getreide-Exporte übers Schwarze Meer sicherstellen soll.

Wie sicher ist das Abkommen?

Vor zwei Wochen wurde der Vertrag in einer feierlichen Zeremonie unterzeichnet. Doch kaum war die Tinte trocken, griff Russland den Hafen von Odessa erneut mit einer Rakete an: «Das stellt sich die Frage, wie zuverlässig Russland ist. Wer traut schon einem Land, das am nächsten Tag schon wieder Raketen schickt», so Lissitsa.

«Razoni» verlässt Odessa.
Legende: Am 1. August verliess der Frachter «Razoni» als erster seit Beginn des russischen Angriffskriegs mit 26'000 Tonnen Getreide Odessa in Richtung Libanon. Drei weitere Schiffe mit insgesamt 58'000 Tonnen Mais liefen am 5. August aus den Schwarzmeerhäfen Odessa und Tschornomorsk aus. Keystone/EPA/STR

Und bei den Raketen auf Odessa liess es Russland nicht etwa bewenden. Erst am Sonntag wurde einer der wichtigsten Getreidehändler der Ukraine durch russischen Beschuss getötet. Lissitsa versucht, sich davon nicht einschüchtern zu lassen.

Stattdessen reist er täglich von Betrieb zu Betrieb und spricht dort seinen Angestellten Mut zu. Wohl wissend, dass sein Einfluss beschränkt ist: «Wir müssen zusammenhalten, um zu überleben. Es sieht nicht rosig aus. Wenn wir die ukrainischen Häfen nicht nutzen können, wird die Hälfte der Landwirte den Winter nicht überstehen. Das ist meine grosse Befürchtung.»

Echo der Zeit, 05.08.2022, 18:00 Uhr

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