Korruption blüht in Rom wie eh und je

Bestechung und Italien gehören untrennbar zusammen – zumindest wenn man nach Rom schaut, ist das kein abgehalftertes Vorurteil. Politiker und Unternehmer haben hier über Jahre gemeinsam die Stadtkasse Roms geplündert – mit noch heute sichtbaren Folgen.

Eigentlich sollte hier, im Südwesten Roms, die Città del Rugby – die Rugby-Stadt – entstehen. Doch man sieht nur eine Bauruine. Überall liegen Scherben herum. Federico Siracusa kennt das 22-Millionen-Euro-Projekt der Rugby-Stadt bestens.

«Die Stadt stellte das Land zur Verfügung und übernahm eine Defizitgarantie. Der Unternehmer, der hier baute, riskierte gar nichts», sagt er. Federico Siracusa sass über Jahre für den Partito Democratico von Italiens Ministerpräsident Matteo Renzi im römischen Gemeindeparlament.

Ein Mann steht auf dem Bauruinen-Gelände.

Bildlegende: Federico Siracusa: «Wir Bürger müssen Verantwortung übernehmen». SRF

«Einladung ans organisierte Verbrechen»

Dieses grosszügige Investitionsmodell sei auch anderswo angewandt worden. «Die Stadt wollte so Investoren anlocken, um die öde, vernachlässigte Peripherie aufzuwerten.» Dort hätten Sportplätze, Kinderhorte oder Kinosäle entstehen sollen. Tatsächlich kamen einige Investoren – skrupellose.

«Sie rissen sich die Projekte unter den Nagel und kassierten öffentliche Gelder für Bauten, die sie nie fertigstellten.» Darum stehe jetzt hier eine Ruine. Schuld sei der Unternehmer, sagt Siracusa – aber auch die Stadt: «Sie gab korrupten Unternehmern ein fantastisches Instrument in die Hand. Vor allem die Defizitgarantie war geradezu eine Einladung ans organisierte Verbrechen.» Und auch heute tue die Stadt nichts, um den Schaden zu begrenzen.

Die Stadt hat nicht einmal einen Zaun errichtet, um die Baustelle zu schützen. Deshalb weiden sie nun Diebe aus – und Vandalen erledigen den Rest. «Man muss nicht weit suchen, um die Verantwortlichen für diesen Schlamassel zu finden», so Siracusa weiter. Doch als er deren Bestrafung forderte, stellte ihn seine Partei bei den nächsten Wahlen nicht mehr auf.

Grosser Spielraum für Korruption von Links bis Rechts

«Die ursprüngliche Idee war, die Römer Peripherie aufzuwerten», sagt Senatorin Linda Lanzillotta. Vor 20 Jahren war sie Stadträtin und initiierte damals dieses Projekt. Sie sagt, die Idee sei gut gewesen. «Aber sie wurde zerstört und das tut weh.» Wie Siracusa politisiert auch Lanzillotta für den Partito Democratico, also in der linken Mitte.

Früher als andere merkte sie, dass das organisierte Verbrechen Teile der Stadtverwaltung unterwandert hatte, forderte Kontrollen. Die Auftragsvergabe sei in der Regel vollkommen intransparent. «Das begünstigt die Korruption, führt zu Bauruinen wie die Rugby-Stadt oder zu überteuerten Preisen», ist Lanzillotta überzeugt.

Die Senatorin forderte schon vor Jahren bei jeder Ausschreibung einen Wettbewerb. Doch ihre eigene Partei weigerte sich. Aber auch die politische Konkurrenz auf der rechten Seite weigert sich. Offenbar gibt es ein Interesse daran, den Spielraum für die Korruption gross zu halten.

Geld verloren, aber niemand verhaftet

In der Vorstadt zeigt Federico Siracusa ein weiteres Projekt, in das städtisches Geld verlocht wurde. Rostige Armierungseisen ragen in den Himmel. Dazwischen wuchern Gras, Unkraut, Büsche. Hier wollte ein Investor ein Altersheim bauen.

Mit fingierten Belegen kassierte er Millionen, ohne der Stadt je ein Gebäude zu übergeben. Niemand wurde verhaftet, das Geld ist verloren, aber auch das Land. Siracusa fordert von der Stadt, die Bauruine abzutragen, damit hier wieder eine Wiese entsteht, dann könnten wenigstens Kinder spielen.

Siracusa ist ein Einzelkämpfer: Nur wenn die Leute realisierten, dass sie Bürgerinnen und Bürger sind, könne sich hier etwas ändern. «Wir müssen Verantwortung übernehmen», sagt er. Ein Satz, den man in Italien nur sehr selten hört.