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Krieg in Syrien «Der Abzug der US-Soldaten liegt nicht im Interesse des Westens»

Legende: Audio «Kurden wären die Verlierer eines Truppenabzuges in Syrien» abspielen. Laufzeit 4:32 Minuten.
4:32 min, aus Echo der Zeit vom 16.04.2018.

US-Präsident Trump will die 2000 US-Militärangehörigen in Syrien so bald wie möglich abziehen. Dies bestätigte Trumps Sprecherin Sarah Huckabee Sanders am Sonntagabend.

Sollten die US-Soldaten Syrien tatsächlich verlassen, dann könnte sich ein Konflikt zuspitzen: Jener zwischen Iran und Israel, wie Guido Steinberg von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin erläutert.

Guido Steinberg

Guido Steinberg

Islamwissenschaftler an der SWP Berlin

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Steinberg ist Sicherheitsexperte bei der Stiftung Wissenschaft und Politik, Link öffnet in einem neuen Fenster in Berlin. Bis 2005 arbeitete er als Terrorismusreferent für die deutsche Regierung. Jetzt forscht er zur Politik des Nahen Ostens und zum islamistischen Terrorismus.

SRF News: Wer profitiert davon, wenn die USA ihre Soldaten aus dem Nordosten Syriens abziehen?

Guido Steinberg: Davon würde zunächst einmal das Assad-Regime profitieren. Denn mit den USA wäre ein wichtiger Gegner abgezogen. Auch die Terrormiliz IS könnte profitieren und wieder erstarken. Profitieren würde sodann die Türkei, die damit in ihrem Vorgehen gegen die Kurden in Nordsyrien freie Hand hätte. Und profitieren würde auch Iran, der daran arbeitet, in Syrien eine neue Basis für den Kampf gegen Israel zu schaffen.

Iran arbeitet daran, in Syrien eine neue Basis für den Kampf gegen Israel zu schaffen.

Und wer verliert beim Abzug der US-Militärs aus Syrien?

Kurzfristig verlieren vor allem die Kurden im Norden Syriens. Sie verliessen sich in den letzten drei, vier Jahren darauf, von den USA Waffen zu erhalten und gemeinsam mit den US-Soldaten den IS in der Region zu zerschlagen. Sie werden jetzt ganz offensichtlich geopfert. Auch der Westen insgesamt dürfte Schaden nehmen – denn die Bekämpfung des IS und die Eindämmung der Iraner in Syrien liegt durchaus in unserem Interesse. Schliesslich sind es aber die Syrer, die sowieso für alles zu bezahlen haben. Bis zu sieben Millionen Syrer haben das Land in den letzten Jahren verlassen, bis zu 500'000 Menschen starben im Zuge der Kriegswirren.

Jeep in der Wüste, daneben steht ein Mann in Kampfmontur.
Legende: In Syrien befinden sich rund 2000 US-Soldaten. Trump will sie möglichst rasch abziehen. Reuters Archiv
Die Iraner haben in Syrien Raketenfabriken gebaut, welche die Israeli denn auch schon angegriffen haben.

Präsident Trump hat mehrfach betont, die Verbündeten der USA in der Region sollen sich stärker engagieren in diesem Konflikt. Wen meint er damit?

Er hat das nicht sehr genau gesagt. Zunächst dachte ich, er möchte, dass Saudi-Arabien eine Rolle spielen könnte. Allerdings ist das weitgehend unrealistisch. In den letzten Wochen lässt sich jedoch beobachten, wie Israel nach der Ankündigung des US-Rückzugs reagiert. Tel Aviv befürchtet, dass Iran nach einer Entscheidung des Konflikts in Syrien die Gelegenheit nutzen wird, den Kampf gegen Israel aufzunehmen. Dafür gibt es auch konkrete Hinweise: So haben die Iraner in Syrien Fabriken gebaut, in denen sie Raketen produzieren. In der Folge ist es denn auch schon zu ersten Angriffen durch Israel auf iranische Ziele in Syrien gekommen.

Droht also ein direkter Konflikt zwischen Israel und Iran?

Nicht ganz direkt. Zwar kämpfen die Israeli mit offenem Visier, die Iraner allerdings nicht. Teheran lässt bevorzugt von seinen Verbündeten kämpfen, etwa von der Hisbollah in Libanon. So ist das auch in Syrien. Die meisten der iranisch kontrollierten Truppen in Syrien sind schiitische Milizen. Dazu gehören Kämpfer der Hisbollah, aber auch Iraker, Afghanen oder Pakistani. Die Konfrontation mit Israel ist also nicht so ganz direkt, allerdings sind bei den letzten israelischen Luftangriffen iranische Soldaten und Offiziere zu Tode gekommen.

Man muss davon ausgehen, dass nach einem Abzug der Amerikaner iranisch kontrollierte Milizen das Gebiet übernehmen werden.

Das Gebiet in Nordsyrien, in dem die Amerikaner jetzt stationiert sind, ist ein strategisch wichtiges Gebiet. Es gibt dort Wasser und Erdöl. Wer hätte ein Interesse, nach einem Abzug der US-Soldaten in das Gebiet vorzustossen?

Das syrische Regime würde das Gebiet sicher beanspruchen und wäre dort auch präsent. Allerdings leidet das Assad-Regime unter grossem Personalmangel. Deshalb muss man davon ausgehen, dass vor allem iranisch kontrollierte Milizen aus Irak die Kontrolle über das Gebiet übernehmen würden. Das ist das nahe Ziel Teherans: Einen Korridor von der iranischen Grenze nordöstlich von Bagdad über Mossul nach Westen in den Libanon zu etablieren, wo Iran traditionell starke Verbündete hat. Dieses Szenario will allerdings Israel verhindern.

Das Gespräch führte Nicoletta Cimmino.

Syrien

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