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Sechs Jahre Bürgerkrieg Kriegsverbrechen in Syrien: Ärzte und Pfleger als Zielscheibe

Ärzte an einem Krankenbett
Legende: Ärzte und Pfleger in einem Spital nahe Damaskus. Gesundheitshelfer sind zunehmend selber im Visier der Kriegsparteien. Reuters

Das Wichtigste in Kürze

  • Seit Beginn des Bürgerkrieges vor sechs Jahren wurden über 800 Gesundheitshlfer Opfer von Kriegsverbrechen.
  • Mindestens 61 Gesundheitsmitarbeiter hingerichtet.
  • Etwa 15'000 Ärzte sollen das Land wegen des anhaltenden blutigen Konflikts verlassen haben.
  • Etwa ein Drittel der Syrer lebt inzwischen in Gebieten ohne Gesundheitsmitarbeiter, ein weiteres Drittel unter unzureichender medizinischer Versorgung.

Seit Beginn des Bürgerkriegs in Syrien vor sechs Jahren sind dort einer Studie zufolge mehr als 800 Mitarbeiter des Gesundheitswesens Opfer von Kriegsverbrechen geworden.

Gesundheitswesen als Waffe

Die Helfer seien bei Angriffen auf Spitäler, Kämpfen, durch Folter und Hinrichtungen gestorben. Diese «Kriegsverbrechen» seien hauptsächlich von Regierungstruppen und ihren Verbündeten verübt worden, heisst es in einer Untersuchung, die jetzt die Fachzeitschrift «The Lancet», Link öffnet in einem neuen Fenster veröffentlichte.

Die Studie kritisiert eine «Umwandlung» des Gesundheitswesens zur Waffe, die dazu geführt habe, dass «hunderte Gesundheitsmitarbeiter getötet, hunderte weitere eingekerkert oder gefoltert und hunderte Einrichtungen des Gesundheitswesens gezielt und systematisch angegriffen» worden seien.

Tausende Ärzte geflohen

Schätzungsweise rund 15'000 Ärzte - etwa die Hälfte des Vorkriegsstandes - seien aus Syrien vor der Gewalt geflohen. Dadurch fehle es an medizinischer Grundversorgung für hunderttausende Zivilisten. «Die internationale Gemeinschaft hat diese Verletzungen des internationalen humanitären Rechts und der Menschenrechte weitgehend unbeantwortet gelassen», kritisieren die Autoren der Studie.

In ihrem Vorwort in «The Lancet» beklagen sie ein «schweres Versagen der weltweiten Gesundheitsgemeinschaft und der internationalen Führungen». Es werde Jahrzehnte dauern, bis das syrische Gesundheitswesen sich erholen werde.

Strategisch eingesetzte Angriffe

Die dokumentierten Opferzahlen und Zerstörungen legten nahe, dass die syrische Regierung Angriffe auf Mediziner strategisch einsetze und das in einem für Konflikte bislang beispiellosen Ausmass.

Die Mehrheit der Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen, 94 Prozent, gehe auf das Konto der Regierungstruppen und mit ihnen verbündeter Gruppen. Die Statistiken wurden von Experten an Universitäten in Grossbritannien, den USA und Beirut sowie von der Syrian American Medical Society (Sams) und zahlreichen regierungsunabhängigen Organisationen zusammengetragen und erstellt.

Demnach wurden seit März 2011 bis September vergangenen Jahres 782 Gesundheitsmitarbeiter getötet, davon 247 Ärzte. Seit September starben mindestens 32 weitere Mitarbeiter; insgesamt also 814.

61 Gesundheitsmitarbeiter hingerichtet

An Folter seien 101 Gesundheitsmitarbeiter gestorben, durch Hinrichtungen 61, heisst es in der Studie. Durch Angriffe auf Spitäler seien 426 medizinische Mitarbeiter getötet worden. Die tatsächlichen Toten-Zahlen lägen jedoch vermutlich höher, schreiben die Autoren.

In dem seit März 2011 andauernden Gewaltkonflikt wurden der UNO zufolge insgesamt mindestens 320'000 Menschen getötet und Millionen weitere in die Flucht getrieben. Der Ausbruch des Konflikts jährt sich dieser Tage zum sechsten Mal.

Russlands Kriegseintritt verschlimmerte die Lage

Mit dem militärischen Eintritt Russlands in den Konflikt im September 2015 an der Seite der Regierungstruppen habe sich die Lage verschlimmert, heisst es in der Studie. 2016 sei das «schlimmste Jahr» des Konflikts im Hinblick auf Angriffe auf medizinische Einrichtungen in Syrien gewesen.

Sams berichtete von allein 194 dokumentierten Attacken im vergangenen Jahr - ein Anstieg um 89 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Konkrete Beispiele von Kriegsverbrechen

Etwa ein Drittel der Syrer lebe inzwischen in Gebieten ohne Gesundheitsmitarbeiter, ein weiteres Drittel unter unzureichender medizinischer Versorgung. Rund die Hälfte der Kliniken sei beschädigt. Die Studie nennt dafür Beispiele: Das Kafr Sita Cave Spital in Hama sei seit 2014 33 Mal bombardiert worden, allein sechsmal in diesem Jahr.

Das unterirdische Spital M10 Aleppo wurde demnach 19 Mal binnen drei Jahren attackiert, bevor es im Oktober 2016 völlig zerstört wurde. Während die Ärzte und Helfer dem Sturm bis zuletzt standgehalten hätten, habe die internationale Gemeinschaft sich bislang kaum darum bemüht, die dafür Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen.

18 Kommentare

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  • Kommentar von Jacqueline Zwahlen (Jacqueline Zwahlen)
    „The Lancet & die Amerik.Universität Beirut haben...ein Konzept für eine Syrien-Kommission gegründet: Gesundheit im Konflikt. Ziel der Kommission: Die Kalamität vor uns aus der Sicht von Gesundheit und Wohlergehen zu beschreiben,analysieren+ abzufragen.“ Eine Themengruppe dieser Kommission: Internat.Antworten auf die Krise. Vorsteherin: Sarah Leah Whitson,Geschäftsführerin HRW Naher Osten. Vor ihrem Eintritt bei Human Rights Watch arbeitete sie in NY für Goldman Sachs. Interessante Verbindungen!
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  • Kommentar von Kerzenmacher Boris (zombie1969)
    Es gibt immer noch genug Sympathisanten und Unterstützer und damit auch personellen Nachschub für den Daesh (IS). Die Ausrüstung holen sich die Daesh-Terroristen auf dem Schlachtfeld vom Gegner. Der Daesh ist noch lange nicht am Ende. Der Kampf wird sich noch lange hinziehen. Ob der Daesh pleite geht oder nicht, der Kampf ist dann beendet, wenn der letzte Daesh-Terrorist die Waffen streckt und der letzte europäische "gläubige Kämpfer" wieder in Europa auf dem Sozialamt steht.
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    1. Antwort von Stanic Drago (Putinversteher)
      Das stimmt nicht. IS bekommt Ausrüstung von Türkei und Saudis. Jetzt wo ihre Linie zu Türkei abgeschnitten sind, bleiben nur noch Saudis wie Lieferant übrig . Kroatien wie EU Land hat in Jahr 2016 Waffen und Munition in Wert von 86 Mio$ nach Saud Arabien geliefert. Es handelt sich in Waffen sowietische Bauart, welche Saudis gar nicht in ihren Arsenalen haben. Gleiche Export Bum bezeichnen Serbien, Bulgarien, Slowakei, Tchechei, Montenegro und Albanien.
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  • Kommentar von Vital Burger (Vital)
    Im Gegensatz zu den meisten SF Korrespondenten war ich im Dezember 2016 mit einem gültigen Journalistenvisum als Journalist in Syrien. Ich konnte mich eine Woche lang frei bewegen und filmen, was ich wollte. Die Regierung von Syrien macht alles Mölgliche, um die Kinder von der Strasse zu bekommen. So wird den Eltern, die auf das Einkommen der arbeitenden Kindern angewiesen sind, Unterstützung gegeben, damit sie in dei Schule gehen können. Das Hauptproblem ist das Embargo, auch von der Schweiz.
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    1. Antwort von Tamer Aboalenin (Tamer)
      Ich glaube Sie übertreiben sehr mit Ihrer Beschreibung vor allem wenn Sie schreiben "frei bewegen" in Syrien, denn die UNESCO, UNCEF, WFP, UNHCR und UNO Rat für Menschenrechte zeigen ein anderes Bild.
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    2. Antwort von Cherubina Müller (Fabrikarbeiterin)
      Herzlichen Dank für Ihre Einschätzung; ein Report der U.N. Independent International Commission of Inquiry weist die Unterstellung von Amnesty zurück, die Kurden begingen ethnische Säuberungen. Niemand berichtet und untersucht objektiv; die Foltergefängnisse, die ethnischen Säuberungen, die bestialischen Ermordungen von Zivilisten, die Zerstörung von Spitälern (z.B. Kindi-Spital) und Bombenanschläge der wichtigsten "Rebellengruppe" Tahrir al-Sham werden uns aus politischen Gründen verschwiegen.
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