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International Krim-Annexion: Rentner froh, Junge arbeitslos, Zukunft ungewiss

Knapp ein Jahr ist es her, dass Russland die Krim annektiert hat. Für die Bewohner der Halbinsel hat sich einiges geändert. Doch nicht alle Träume sind in Erfüllung gegangen. Denn der Alltag ist nach wie vor problematisch, wie SRF-Korrespondent Peter Gysling weiss.

Viele Menschen auf der Krim begrüssen auch ein Jahr nach dem Anschluss an Russland die Entscheidung des Kremls. SRF-Korrespondent Peter Gysling begleitet die Geschehnisse auf der Halbinsel im Schwarzen Meer und das Leben der Menschen seit mehreren Jahren. Für SRF News zieht er ein Fazit der letzten 12 Monate und den damit einhergehenden Veränderungen.

Die Stimmung

Man ist hier vom Selbstverständnis her mehrheitlich russisch. Die Bindung an das russische Mutterland – auch wenn sie lange Jahre eigentlich gar keine grössere Rolle mehr spielte – ist stärker denn je. Da fällt es bisher auch nicht ins Gewicht, wenn die Preise steigen und die Versorgung sich zunehmend verschlechtert.

Viele schlagen sich als Selbstversorger durch und hoffen schlicht und einfach auf bessere Zeiten. Das ist die Grundstimmung. Daneben gibt es ein paar Intellektuelle, die unzufrieden sind. Aber das ist eine Minderheit.

Wirklich profitiert haben vom Anschluss bisher nur die Pensionäre. Deren Renten wurden an die russischen angepasst. Das Problem ist nur, dass die Erhöhung nahezu komplett von der Teuerung aufgefressen wird. Nichtsdestotrotz sehen sich viele von ihnen als Gewinner.

Die Verlierer

Vor allem die Titularnation, die Angehörigen der muslimischen krimtatarischen Minderheit, werden unter der neuen russischen Herrschaft zum Teil drangsaliert. Zahlreiche Krimtataren haben deshalb die Halbinsel verlassen. Sie fürchten, dass sie – wie einst unter Stalin – auch unter Putin deportiert oder zumindest noch stärker benachteiligt werden könnten.

Ähnlich geht es auch jenen ukrainischen Krimbewohnern. Viele verweigern sich der russischen Staatsbürgerschaft und haben deshalb bisher keinen russischen Pass beantragt.

Die Wirtschaft

Die Krim, das war schon vor dem Anschluss an Russland kein wirtschaftlich starkes Gebiet. Man arbeitete bei der Schwarzmeerflotte – egal ob russisch oder ukrainisch, in der Verwaltung, in der Landwirtschaft oder im Tourismus. Wobei Tourismus in dem Fall nur heisst, dass man als Kellner oder Angestellte in einem der vielen «Sanatorien» tätig war.

Tourismus, das hiess vielfach auch, dass man in der Saison Teile seiner Wohnung oder seines Hauses an Gäste vermietete. Das ist heute etwas schwieriger geworden, denn die Gäste bleiben zunehmend aus. Die internationalen sowieso, aber zunehmend auch jene aus Russland. Denn entweder gibt es nur den Luftweg – der ist aber teuer – oder aber man nimmt die Fähre von Kertsch.

Aber auch das ist mühsam. So waren im letzten Sommer Wartezeiten von bis zu zwei Tagen keine Seltenheit. Das wollen auch viele Russen – bei aller patriotischen Verbundenheit – nicht gerne auf sich nehmen. Zwar versucht man von Seiten Moskaus, durch Werbung Touristen auf die Krim zu bringen, doch diese Anstrengungen sind im vergangenen Sommer zum Teil verpufft.

Gewissermassen stellvertretend für die ausgebliebenen Touristen konnten im vergangenen Sommer viele Zimmer oder leerstehende Wohnungen an Vertriebene aus der Ostukraine vermietet werden, die vorübergehend auf der Krim Schutz suchten. Offiziell verkauft man das Ausbleiben der Touristen als Durststrecke. Bisher schlucken die Einheimischen die bittere Pille. Der nationale Taumel überdeckt bisher vieles.

Die Arbeitslosigkeit

Ich gehe von einer gestiegenen Arbeitslosigkeit aus. Viele Jüngere haben die Halbinsel inzwischen verlassen und sich anderswo eine Arbeit gesucht. Wenn man nicht beim Staat oder Flotte beschäftigt ist, oder seinen eigenen kleinen Landwirtschaftsbetrieb unterhält, sieht es düster aus.

Die Kosten

Die russische Propaganda tut alles, um die Bürger im Glauben zu lassen, man befände sich in einem kriegsähnlichen Zustand. Das muss dann als Rechtfertigung für vieles dienen. Im Moment kann Russland den Anschluss der Krim aus seinen Reserven bezahlen. Aber es ist klar, dass viele Kosten entstanden sind und noch weitere entstehen werden. Doch darüber spricht man ungern.

Hinzu kommt, dass die Wirtschaftspolitik unter Putin alles andere als ein Erfolgsprojekt ist. Er hat es verpasst, die Wirtschaft zu diversifizieren und zu modernisieren. Noch immer müssen Basisprodukte und Lebensmittel in grossem Umfang eingeführt werden.

Russland lebt vor allem von den Einnahmen aus dem Rohstoffexport. Jetzt allerdings, wo die Preise bei Gas und Öl fallen und die Sanktionen des Westens hinzukommen, zeigt sich die Wirtschaftsstagnation immer deutlicher. Aber noch überlagert die patriotische Stimmung alle für Jedermann ersichtlichen Engpässe.

Legende: Video 1 Jahr nach der Annexion der Krim abspielen. Laufzeit 07:23 Minuten.
Aus News-Clip vom 14.03.2015.

Die Zukunft

Wenn ich heute auf die Krim komme, sehe ich, dass fast alle Symbole, die an Ukraine erinnern könnten, demontiert sind. Überall flattern russische Wimpel. Und das wird sich wohl auf absehbare Zeit nicht ändern – zumindest glaube ich das.

Aber die Ereignisse der letzten Jahrzehnte haben uns auch gelehrt, dass der Lauf der Geschichte nur sehr schwer vorhersehbar ist und uns jederzeit immer wieder überraschen kann. Aber aus meiner Sicht ist die Krim für die Ukraine verloren.

(Sendebezug: SRF 1, 13.03., 21.50 Uhr)

Peter Gysling

Porträt von Peter Gysling.

Peter Gysling arbeitet seit 1980 als Journalist für SRF. Während des Mauerfalls war er Korrespondent in Deutschland. Von 1990 bis 2004 und erneut seit 2008 ist er Korrespondent in Moskau.

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154 Kommentare

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  • Kommentar von Weber Jean-Claude, Zinal
    @Belg Immer diese Geschichtsverzerrung Ihrerseits. Sie sollten in der RF bleiben, wenn dort alles besser ist. Die Krimtataren wurden 1944 von Stalin nach Sibirien, Usbekistan und anderen Orten deportiert wegen ihrer angeblicher Unterstützung der dt. Wehrmacht. Der Grund war ein anderer: Er wollte das aufmüpfige Volk erniedrigen! Unter der UdSSR durften sie die zugeteilten Orte nicht verlassen. Die Rückreise begann 1999 unter Jelzin und die Ukraine akzeptierte diese Leute als vollwertige Bürger
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    1. Antwort von m.mitulla, wil
      Jelzin hatte die Schürfrecht für Gas an die USA verscherbelt! Putin konnte das Blatt zugunsten des russischen Volkes und mit harter Hand wenden. DAS ist der Hauptgrund für das US-Putin-Bashing!
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  • Kommentar von Weber Jean-Claude, Zinal
    Der oberste Führer der Krimtataren Mustafa Dschemilew sagt ganz klar "Die Krim ist für uns wie ein zweites Nordkorea geworden", was wohl alles aussagt über das Klima auf der Krim gegenüber den Krimtataren. Da kann @Belg und andere noch lange behaupten, dass auf der Krim alles zum Besten bestellt sei. Das ganze Interview erschien in einer deutschen Zeitung. Der Name hat mit der Zeitmessung zu tun, einem Streckenpferd der Schweizer.
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    1. Antwort von Stanic Drago, Delemont
      W.J.Claude jetzt wird langsam schwer mit Ihnen zu diskutieren. Statt Argumente, benutzen Sie Halbwarheiten. Herr Dschemilew lebt in Ukraine und nicht auf Krim. Seit 1 Jahr war er nicht auf Krim. Sein Einfluss auf Krim Tatare ist sehr klein geworden. Wahrheit ist, dass ein Grösse Teil von Tatare sind zufrieden mit jetzigen Status. Leider unsere Presse und Sie müssen nach Kiew reisen um unzufriedene Tatare zu finden.
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    2. Antwort von H. Bernoulli, Zürich
      Was mit den Krimtartaren geschieht, ist ganz klar widerlich. Ob dieselbe Zeitung aber auch (so prominent) über die vielen angeblichen Selbstmorde von ukrainischen Oppositionspolitiker schreibt? Man beachte einfach die Selektion der Themen in den Medien: wie prominent die Artikel welche Putin in ein schlechtes Licht stellen im Vergleich zu kritischen Artikel über die Kiewer Regierung, den USA und der EU.
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    3. Antwort von N.Belg, Luzern
      Die Krimtataren sind nicht gleich wie Mustafa D... Die waren auch unter westlichen und Kiewer Propaganda, dass sie wieder deportiert werden. Unter krimaufständischen die gegen Junta waren auch Krimtataren. In der Sowjiet Zeiten war nie so wie in Nordkorea...
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    4. Antwort von Weber Jean-Claude, Zinal
      @Drego Haben Sie überlegt, warum er in Kiew lebt? Ganz einfach weil die neuen Herren der Krim ihn ausgesperrt haben. Er ist aber immer noch ihr oberster Führer! In jedem Volk gibt es Menschen, die kollaborieren. Die grosse Masse aber duckt sich und schweigt. Diejenigen, die den Mut haben aufzustehen findet man später ermordet am Strassenrand.
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    5. Antwort von H. Bernoulli, Zürich
      @ S. Drago: "Leider unsere Presse und Sie müssen nach Kiew reisen um unzufriedene Tatare zu finden." Wenn das stimmt, was Sie schreiben, wäre dies einmal mehr eine unglaubliche Verschaukelung der Leser. Wo bleibt der Respekt gegenüber diesen?
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    6. Antwort von Weber Jean-Claude, Zinal
      @Bernoulli Ich vermute Ihre Muttersprache ist russisch oder ukrainisch, denn Ihr Text ist total verfänglich. Er kann pro oder contra ausgelegt werden. Für mich ist Deutsch auch meine erste Fremdsprache. Denken tue ich auf Französisch und da gibt es manchmal auch ein Gewirr im Fadenkörbchen ;-) Schlage vor, dass Sie Ihren Text nochmal überarbeiten, damit er klar verständlich ist. Ich habe das Gefühl, dass ich Sie richtig verstanden habe.
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  • Kommentar von Marcel Chauvet, Neustadt
    Wen Russland einverleibt, dem gehts immer schlechter als vorher, wirtschaftlich und was Menschenrechte anbelangt..Russland hat da wenig zu bieten und kümmert sich in keiner Weise um seine Kolonien.Abgesehen davon ist die Krim zu 90 % von der Ukraine abhängig was die Energieversorgung oder auch die Versorgung mit Nahrungsmitteln betrifft. Und würde es die Ukraine darauf anlegen, hätte die Krim schon morgen keinen Tropfen Trinkwasser mehr.Von "nationalem Taumel" kann man eben nicht runterbeißen.
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    1. Antwort von H. Bernoulli, Zürich
      Die Chilenen erhielten von den USA Pinochet vor die Nase gesetzt, die Iraner den Schah. Den Vietnamesen, Afghanen, Iraker, Lybier u.a. wurde ihr Land kaputt gebombt und z.T. mit Uranmunition verstrahlt. Der Westen hat Russland keine Lektion in Sachen Menschenrechte, "Entwicklungshilfe" usw. zu erteilen. Es gibt auf keiner Seite nur Gutes oder Schlechtes. Man kann weder für oder gegen die einen noch die anderen sein.
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    2. Antwort von Marcel Chauvet, Neustadt
      @H. Bernoulli, Zürich: Gebe Ihnen insoweit recht, dass Sie mit dem was Sie hier zum Besten geben auch in Russland in der Tat nichts zu befürchten hätten. Schlimmer sieht's natürlich aus, wenn man sich mit Putin in der Opposition anlegt. Den Mord vor wenigen Tagen und all die vorherigen schon vergessen? Manche Leute haben ein kurzes Gedächtnis und sind unbelehrbar, selbst wenn's Hunde und Katzen regnet.
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    3. Antwort von H. Bernoulli, Zürich
      @ M. Chauvet: Irgend welche Hinweise, dass Putin den Mord an Nemzow mit zu verschulden hat? Sehen Sie, solche Anschuldigungen ohne Hinweise wirken nicht glaubwürdig. Vor allem auch, weil es viele andere plausible Erklärungen gibt zu diesem Mord, welche Putin entlasten.
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