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Krise in Honduras «Sollte Hernandez geschummelt haben, wird er nochmals schummeln»

Legende: Audio Honduras kommt nicht zur Ruhe abspielen.
5:34 min, aus Echo der Zeit vom 09.12.2017.

Vor zwei Wochen wurden die Hondurianer zur Präsidentschaftswahl an die Urnen gerufen. Seither kommt das zentralamerikanische Land nicht mehr zur Ruhe. Gemäss offiziellen Zahlen wurde der bisherige Amtsinhaber Orlando Hernandez wiedergewählt. Doch die Opposition wirft ihm Wahlbetrug vor. Seither sind bei Protesten im ganzen Land mindestens 14 Menschen ums Leben gekommen. Nun hat der Oppositionsführer Salvador Nasralla formell die Annulierung der Wahl beantragt.

SRF News: Michael Castritius, für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass die durchgeführte Präsidentschaftswahl in Honduras tatsächlich annuliert wird?

Michael Castritius: Wenn sich die politisch Beteiligten einig sind, dann ist in Honduras alles möglich – egal was in der Verfassung steht. Das konnten wir bereits bei der Kandidatur des amtierenden Präsidenten Hernandez beobachten. Gemäss Verfassung durfte er nicht kandidieren – eine zweite Amtszeit ist ausdrücklich verboten. Doch Hernandez beherrscht das Oberste Gericht und dieses hat entschieden, dass er doch noch einmal kandidieren darf. Auf die Verfassung brauchen wir also nicht zu schauen. Wenn sich die Beteiligten einig sind, dann machen diese in Honduras traditionell, was sie wollen.

Könnte sich Amtsinhaber Hernandez mit der Annulierung einverstanden erklären? Schliesslich sieht er sich ja als Sieger.

Die Frage ist, ob er tatsächlich der reale Sieger ist oder ob er geschummelt hat. Wurden Wahlunterlagen gefälscht? Wir wissen es nicht. Es gibt aber Anzeichen dafür. Sollte er geschummelt haben, wird er einfach nochmal schummeln. Wenn er aber nicht geschummelt hat, wird er wahrscheinlich noch einmal gewählt. Daher könnte ich mir vorstellen, dass es dem Präsidenten relativ Wurst ist, was geschieht. Der einzige Nachteil ist, dass es länger dauert, bis der neue Präsident ins Amt kommt. Da es aber wahrscheinlich Hernandez sein wird, ist ihm das wohl egal.

Wenn sich die Beteiligten einig sind, dann machen diese in Honduras traditionell, was sie wollen.

Hätte Hernandez aber nicht diskreter die Wahl verfälschen können?

Auf jeden Fall will er an der Macht bleiben. Dass am Anfang bereits nach wenigen Stunden nach der Wahl die Wahlbehörde bekanntgab, dass sein Gegner mit fünf Prozentpunkten in Führung liegt, bleibt ein grosses Rätsel. Dann kam es zum berühmten Computerabsturz bei der Wahlbehörde. Es wurde nicht weiter ausgezählt. Als der Computer dann wieder hochgefahren wurde, lag plötzlich Hernandez ganz nahe an seinem Oppositionskandidaten und in den nächsten Stunden ist er in Führung gegangen – und bis heute in Führung geblieben. Ein endgültiges Wahlergebnis liegt immer noch nicht vor.

Ist es vorstellbar, dass diese Resultatumkehr auch ohne Manipulationen zustandegekommen ist?

Ja, es gibt eine Möglichkeit: Die schnelle Auszählung geschieht in den grossen Städten, in der Hauptstadt Tegucigalpa und im Wirtschaftszentrum San Pedro Sula. Da kamen die ersten Ergebnisse und Hernandez sagte selbst, dass sein Gegner in den Städten stark sei. Deshalb sei er zu Beginn des Auszählungsprozesses in Führung gegangen. Die Wahlurnen vom Land auf den schwierigen Wegen in die Hauptstadt zu bringen ist ein viel langsamerer Prozess. Zudem verfüge Hernandez auf dem Land über die Mehrheit. Deshalb habe sich das Wahlresultat im Verlaufe der Zeit gedreht.

Als der Computer dann wieder hochgefahren wurde, lag Hernandez plötzlich ganz nahe an seinem Oppositionskandidaten.

Die Wahlkommission hat jetzt die Neuauszählung von 5000 Wahlurnen angeordnet. Könnte das die Situation beruhigen?

Die Skepsis der Wahlbehörde gegenüber ist dafür zu gross. 77 Prozent der Hondurianer trauen laut einer Umfrage der Wahlbehörde nicht. Tatsächlich ist diese mit mehr Leuten von Präsident Hernandez besetzt. Es gibt keine unabhängige Wahlbehörde wie wir das von Europa kennen. Doch das ist nicht nur eine Krux in Honduras. Vielmehr ist das zu einem lateinamerikanischen Phänomen geworden. Egal ob Venezuela oder Nicaragua: Wahlbehörden sind parteinah. Die vielleicht beste Möglichkeit, die sich derzeit in Honduras bietet, steht aber ebenfalls nicht in der Verfassung: Eine Stichwahl. Bisher gewinnt derjenige, der die meisten Stimmen holt. Eine Stichwahl würde bedeuten, dass Hernandez und Oppositionsführer Nasralla gegeneinander antreten und dieser Ausstich dann entscheidet. Diese Stichwahl wäre besser zu überwachen oder man könnte sie so schnell durchführen, dass es schwieriger wird zu schummeln.

Könnte die Stichwahl verhindern, dass das bereits instabile Land nach dieser Wahl noch instabiler wird?

Kaum. Dafür spielen zu viele Kräfte hinein: Die reiche Oberschicht. Ein paar Familien, die das Land beherrschen – zumindest die Wirtschaft und die Landwirtschaft. Andererseits die Jugendbanden. Diese beherrschen die Armenviertel und dann gibt es noch 70 Prozent der Menschen in Honduras, die arm sind. An dieser Situation wird sich vorerst nichts ändern. Das Oppositionsbündnis will aber, dass das Land weniger autoritär regiert wird. Das Land grundsätzlich um 180 Grad zu wenden? Dafür würde dem Oppositionsbündnis zumindest zu Beginn die Kraft fehlen.

Das Gespräch führte Roman Fillinger

Michael Castritius

Michael Castritius

Castritius war während vieler Jahre Mittelamerika-Korrespondent der ARD und ist nun als freier Journalist in Mexiko tätig.

3 Kommentare

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  • Kommentar von m. mitulla (m.mitulla)
    Hernandez ist der Präsident, der nach dem Militärputsch 2009 an die Macht kam. Danach hat er die Reichen privilegiert und die Armen, insbesondere die indigene Bevölkerung, noch mehr entrechtet, als dies vorher schon der Fall war. Er beispielsweise hat Flüsse privatisiert, an denen Indigene leben. Diese werden nun vertrieben.
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  • Kommentar von M. Roe (M. Roe)
    Wir sollten doch so vernünftig sein, und endlich einsehen, dass es eben einfach ganz anders läuft in diesen Ländern. Die zivilisierten Länder sollen endlich aus diesen Ländern abziehen und diese Menschen in Ruhe lassen. Es muss ohne unsere Einmischung gehen, sonst macht man den Menschen dort dauernd falsche Hoffnungen. Es ist auch nicht jedermanns Sache, so zu leben wie wir es tun. Wir sind doch eigentlich völlig gefangen in all den Vorschriften die wir befolgen müssen. Keine Spur von Freiheit
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    1. Antwort von m. mitulla (m.mitulla)
      Der Militärputsch 2009 fand statt, weil die damals linke Regierung nochmals zur Wahl hatte antreten wollen... Seiher regiert Hernandez mit harter Hand gegen die Armen - zum Vorteil der wenigen superreichen Familien im Land.
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