Kritik an den Göttinnen von Bollywood

Die Vergewaltigung und Ermordung einer jungen Frau in Delhi hat Indien aufgerüttelt. Auch am Literaturfestival in Jaipur war ihr Tod ein Thema. Im Fokus der Kritik: Die Rolle der Frau in indischen Filmen.

Die Schauspielerin Shabana Azmi in einer Aufnahme aus dem Jahr 2009.

Bildlegende: Die Schauspielerin Shabana Azmi. Sie war früher auch Abgeordnete im indischen Parlament. Reuters

Trauer, Wut, landesweite Demonstrationen. Das alles und noch mehr haben die Vergewaltigung und der Tod einer jungen Inderin Ende des letzten Jahres ausgelöst.

Am Literaturfestival in Jaipur diskutierten Schriftstellerinnen und Aktivisten, Gelehrte und Filmschauspielerinnen am Freitag über die Rolle der Frau in Indien. Besonders kritisch beurteilen die Kulturschaffenden dabei die Filmindustrie in Bollywood.

Eine der Superstars der indischen Traumfabrik ist Shabana Azmi. Die 62-Jährige hat in mehr als 140 Hindi-Filmen mitgespielt. Oft in sozialkritischen, unkonventionellen Rollen. Zum Beispiel, als sie 1996 im Film «Fire» die erste lesbische Frau im indischen Kino darstellte.


Bollywoods sexistisches Frauenbild

3:21 min, aus Echo der Zeit vom 25.01.2013

Bollywood zeigt antiquiertes Frauenbild

Sie ging heute in Jaipur an einer öffentlichen Diskussion mit den «Göttern» vor und hinter der Leinwand hart ins Gericht.

Im traditionellen indischen Kino spiele die indische Mythologie eine wichtige Rolle. Der Gott Ram als idealer Ehemann und seine folgsame Frau Sita hätten das Frauenbild in Iniden geprägt. «Bollywood hat es verpasst, die neue, moderne indische Frau zu zeigen», sagte Azmi.

Doch das Frauenbild in den Filmen habe sich verändert. Von der anständigen Ehefrau zur Hure, das sei der Sprung in Bollywood gewesen, kritisierte die Schauspielerin. weiter. «Wiegende Brüste, rotierende Bäuche, wackelnde Hintern, das sind die Bilder, die uns heute in den Tanzszenen der Bollywood-Filme vermittelt werden.» Frauen würden als Ware dem männlichen Blick ausgesetzt.

Tanzendes Lustobjekt

Auch die Feministin und Professorin Malashri Lal von der Universität Delhi kritisiert das Frauenbild in den Filmen.

Die Tanzeinlagen und die Songs würden von den Leuten kopiert und an Parties und Hochzeiten wiedergegeben. «So fliessen sie in unseren Alltag und unser Rollenverständnis ein.»

Die Frau als tanzendes Lustobjekt. Gejagt, angemacht und nicht selten auch vom Helden vergewaltigt. Das mache Gewalt gegen Frauen auch in der Gesellschaft akzeptierbar, ist die Professorin überzeugt.

Bollywoods Stars zeigten sich deshalb beschämt und solidarisch nach der Vergewaltigung in Delhi im vergangenen Dezember. Viele von ihnen nahmen an den landesweiten Trauermärschen teil. Das reiche nicht, sagte Shabana Azmi. Die Rollen müssten sich ändern.

Frauen arbeiten, aber das sieht niemand

«Wieso werden Frauen auf der Leinwand in gelben Nylonsaris gezeigt, die auf Alpenwiesen tanzen?»  Indiens Frauen arbeiten und so sollen sie auch in den Filmen gezeigt werden und in unsere Wahrnehmung einfliessen, forderte Azmi.

Das sei der erste Schritt zur Gleichstellung. Dann werde niemand mehr sagen können: «Es ist besser, Knaben zu zeugen, weil die arbeiten und für uns sorgen. Frauen arbeiten auch, nur sieht das niemand.»