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Kritik an der Justizreform Klares Votum der EU gegen Polen

Polen soll zu unabhängigen Gerichten gezwungen werden: Das Europäische Parlament stellt sich hinter die EU-Kommission.

Legende: Audio Polen – ein Sorgenkind der EU abspielen. Laufzeit 3:44 Minuten.
3:44 min, aus Rendez-vous vom 01.03.2018.

Das Europäische Parlament hat sich mit grosser Mehrheit hinter das Strafverfahren gestellt, das die polnische Regierung zur Rücknahme ihrer umstrittenen Justizreformen bewegen soll. Eine entsprechende Resolution wurde in Brüssel mit 422:147 Stimmen angenommen.

Die Abgeordneten forderten die Regierungen der anderen EU-Staaten zudem auf, das von der EU-Kommission eingeleitete Verfahren nach Artikel 7 des EU-Vertrags schnell voranzutreiben. Dieses könnte im letzten Schritt sogar mit einem Entzug des Stimmrechts bei Abstimmungen im EU-Ministerrat enden.

EU fordert unabhängige Justiz

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Das Europäische Parlament und die EU-Kommission gehen davon aus, dass die Reformen der nationalkonservativen Regierung in Polen die Unabhängigkeit der polnischen Justiz beeinträchtigen und gegen EU-Standards verstossen. die Reformen geben zum Beispiel dem Justizminister die Möglichkeit, Einfluss auf einzelne Richter zu nehmen.

Das von der EU-Kommission im Dezember eingeleitete Strafverfahren sieht vor, dass zunächst offiziell festgestellt wird, dass in Polen die «eindeutige Gefahr einer schwerwiegenden Verletzung» von EU-Werten besteht. Dafür ist im Rat der Mitgliedstaaten eine Vier-Fünftel-Mehrheit erforderlich. Konkret müssen dieser Feststellung 22 von 28 Ländern zustimmen.

Eoine Hand in einem schwarzen Handschuh streckt vor dunklem Himmel eine EU- und Polenflagge in die Höhe.
Legende: Polen und die EU: Noch ist unklar, wie der Justizstreit ausgehen wird. Reuters

Es droht der Stimmrechtsentzug

Am Ende des Verfahrens könnte Polen dann wegen einer «schwerwiegenden und anhaltenden Verletzung» von europäischen Werten das Stimmrecht entzogen werden – falls alle EU-Mitgliedsländer dafür stimmen. «Bis dahin ist es allerdings noch ein weiter Weg», sagt SRF-Korrespondent Oliver Washington in Brüssel. Denn bereits hat Ungarns Premierminister Viktor Orban angekündigt, gegen einen solchen Antrag stimmen zu wollen.

Die erste Abstimmung soll frühestens im April erfolgen. Bis Ende März will die EU-Kommission noch versuchen, die polnische Regierung zu Gesprächen über eine Überarbeitung der Reformen zu bringen. Bislang lehnt diese Änderungen ab.

Das sagt SRF-Korrespondent Oliver Washington:

«Auch wenn die ‹nukleare Option› – der Entzug des Stimmrechts Polens in der EU – nicht zustande kommt, wäre allein der Antrag dafür eine grosse Belastung für das Land: Polen würde international an den Pranger gestellt und innnerhalb der EU isoliert. Auch würde das Investitionsklima in Polen beschädigt, was unweigerlich auf die Wirtschaft durchschlagen dürfte.»

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14 Kommentare

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  • Kommentar von H. Wach (H. Wach)
    Mir wurde der Kommentar über Polen u. EU-Strafe zensiert. Ich versuche es nochmals: Nicht nur in Polen haben deren jetzige Regierungen auch gegenüber der EU-Gerichtsbarkeit UND der "Verletzung von EU-Werten?!" grosse Bedenken ihrer eigenen demokratisch unabhängigen? Justiz? deshalb Schwierigkeiten, weil sie Angst haben, dass sie wieder von Ost-West Idiologien unterdrückt werden. Deshalb keine EU-Sanktionen! Erst die kommenden Generationen werden ihren demokratischen Rechtsstaat bilden. können.
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  • Kommentar von E. Waeden (E. W.)
    Nun, die ehem. Ostblockstaaten hat man sowieso nur als Pufferzone zu Russland & für billige Arbeitskräfte in die EU geholt. "Einen Weg der unterschiedlichen Geschwindigkeiten" hatte doch die Kanzlerin angeregt. Aber in Brüssel scheint dieser Weg nur aus Drohung, Erpressung & Sanktionen gegen Aufmüpfige zu bestehen. Wer weiss, vielleicht haben die Oststaaten mittlerweile auch festgestellt, dass "früher" auch nicht alles nur schlecht war & im Westen nicht alles Gold ist was glänzt.
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  • Kommentar von László Schink (Schink)
    Pole, Ungar, zwei Brüderlein ist der Anfang eines historischen Sprichworts, das sowohl in der ungarischen als auch polnischen Sprache seit dem Mittelalter existiert und eine tiefe Verbundenheit beider Völker ausdrückt, die bis heute andauert. Im SRF Bericht wird nämlich nicht gesagt, dass ein EU-Strafverfahren nach Artikel 7 gegen Polen durch ein Veto Ungarns verhindert werden kann, wie bereits von Orban angekündigt.
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    1. Antwort von Manuela Fitzi (Mano)
      "Denn bereits hat Ungarns Premierminister Viktor Orban angekündigt, gegen einen solchen Antrag stimmen zu wollen." Sogar im Radio habe ich es gehört.
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