«Kritik an Präsidentin Dilma Rousseff ist nicht fair»

Brasilien ist Fussball-Weltmeister! So hatte man sich das in Brasilien im Vorfeld ausgemalt. Doch statt WM-Lust herrscht eine Woche nach dem Final WM-Frust. Den bekommt auch Präsidentin Dilma Rousseff zu spüren. Viele Brasilianer sehen die Probleme auf einmal erstaunlich klar, meint unser Experte.

Rousseff übergibt Pokal an Lahm.

Bildlegende: Verkalkuliert: Statt nach Deutschland sollte der WM-Pokal nach Brasilien gehen, die Popularität der Präsidentin steigen. Keystone

Herr Achermann, die Fussball-WM in Brasilien ist seit einer Woche Geschichte. Wie ist die Stimmung im Land?

Die Stimmung in Brasilien ist derzeit eher ernüchternd. So einen Ausgang der Weltmeisterschaft haben sich vorher nur Wenige vorstellen können – und dann auch noch mit so einem brutalen Ergebnis (1:7 gegen Deutschland im Halbfinale). Das wirkt noch nach, aber langsam kommen wieder die Sachthemen in der politischen Diskussion wieder hoch.

Welche sind das?

Momentan stehen vor allem zwei Themen im Vordergrund. Das sind zum einen die anstehenden Präsidentschaftswahlen im Oktober und zum anderen die kriselnde Wirtschaft. So sind die Autoverkäufe gegenüber dem Vorjahr um 17 Prozent eingebrochen. Früher oder später wird es da zu Entlassungen kommen. In anderen Zweigen sieht es nicht besser aus. Sollte es auf breiter Front zu Entlassungen kommen, wird es richtig kompliziert. Denn viele Brasilianer haben sich in den letzten Jahren stark verschuldet, zum Beispiel für Wohnungen.

Das ist Zukunftsmusik. Aber was hat die WM für Präsidentin Dilma Rousseff gebracht?

Das kann man im Moment noch nicht wirklich sagen. Fakt ist: Während der WM, also lange Brasilien gut unterwegs war, haben auch die Sympathiewerte für Rousseff zugenommen. Ob und inwieweit der Frust nun auch in gleichem Masse auf sie zurückfällt, ist derzeit noch unklar. Doch unabhängig davon kann man schon jetzt davon ausgehen, dass die Wahlen für die Präsidentin kompliziert werden. Denn die Konkurrenz hat stark zugelegt.

Wird Rousseff möglicherweise sogar abgewählt?

Das glaube ich nicht. Aber die Opposition dürfte es schaffen, dass sie in eine Stichwahl muss.

Ist die Präsidentin vom fatalen Abschneiden gar nicht so betroffen, wie wir hier in Europa glauben?

Das kann durchaus sein. Dilma Rousseff steht nicht vor einer Wand der Ablehnung im eigenen Land. Da haben die Pfiffe in den Stadien ganz sicher getäuscht. Denn bei den Spielen waren vor allem Menschen aus der weissen Ober- und Mittelschicht, aber gewiss nicht die Anhänger der Präsidentin. Die sind eher in der Unterschicht zu finden.

Sie hat die WM ja eigentlich auch gar nicht ins Land geholt?

Das ist richtig. Eigentlich hat ihr Vorgänger Lula die WM und auch den Bau der zum Teil unnützen Stadien zu verantworten. Dass sie jetzt so starke Kritik einstecken muss ist eigentlich nicht fair. Aber viele Brasilianer registrieren eben erst jetzt, wie viel Geld in Stadien gesteckt wurde und nun bei Infrastruktur, Bildung und Gesundheit fehlen. Zudem wird einem Grossteil nun bewusst, wie viele Ungerechtigkeiten es bei der Verteilung der Vermögen im Land gibt.

Die erwarteten Ausschreitungen blieben aber dennoch aus. Warum?

Das hat mich nicht überrascht. Brasilianer mögen den Fussball doch und hatten erwartet, dass die Seleção weiterkommt. Jetzt herrscht natürlich die grosse Leere.

Was bedeutet das für Olympia 2016?

Das sind zwei Paar verschiedene Schuhe. Denn die Spiel konzentrieren sich auf Rio de Janeiro. Das macht vieles übersichtlicher und einfacher. Aber man sieht bereits jetzt, dass es wieder ähnliche Probleme geben wird. Zahlreiche Bauten sind nicht mehr im Zeitplan und vor einigen Herausforderungen hat man bereits kapituliert. So sollte das Segelrevier – derzeit noch einige schmutzige Kloake – saniert werden. Das wird man aber wohl nicht mehr schaffen.

Ulrich Achermann arbeitet seit 2003 als Südamerika-Korrespondent für das SRF. Er ist in Chile stationiert. Davor lebte er in Brasilien und Argentinien.

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