Terror in London «Kritik ist laut geworden, die vor den Wahlen nicht leiser wird»

Zum dritten Mal innert wenigen Monaten geriet Grossbritannien ins Visier von Terroristen. Eine Einschätzung von SRF-Korrespondentin Henriette Engbersen.

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«Diesmal haben die Täter primitivere Mittel verwendet»

2:42 min, aus Tagesschau am Mittag vom 4.6.2017

SRF News: Weiss man Konkreteres über die Hintergründe der jüngsten Terror-Attacke?

Henriette Engbersen: Es ist die dritte Tat seit März in Grossbritannien. Auffällig im Vergleich zu Manchester, wo eine professionelle Bombe eingesetzt wurde, ist, dass die Täter diesmal wieder primitivere Mittel verwendet haben. Sie haben sich Messer und ein Fahrzeug besorgt. Besorgniserregend ist, dass es drei Täter waren. Bei den letzten beiden Malen waren es Einzeltäter.

Bisher hat sich niemand zum Attentat bekannt. Experten sprechen dennoch schon davon, dass die Muster und die Vorgehensweise der Täter daraufhin deuten, dass sie Kontakt zur Terrororganisation IS hatten, oder zumindest davon inspiriert wurden.

Wie geht die Bevölkerung in London mit diesem erneuten Terroranschlag um?

Viele Menschen sind trotzdem in den Strassen und den Cafés, ganz nach dem Motto «Keep calm, carry on», also «bleib ruhig, mach weiter». Diese Menschen möchten den Tätern nicht die Macht geben, ihren Alltag zu verändern. Doch wenn man mit Leuten spricht, spürt man, sie sind schockiert – und beunruhigt

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So äusserte sich Theresa May zum jüngsten Anschlag

1:00 min, vom 4.6.2017

Premierministerin May sagte «genug ist genug» – was heisst das konkret, was will sie tun?

Theresa May hat in ihrer Rede ganz klar den Ton verschärft. Im Vergleich auch zu ihrer Rede nach Manchester. Es gäbe zu viel Toleranz für Extremismus. Damit reagiert sie auf Kritik der letzten Tage. Es gab Stimmen, die sagten, es werde zu wenig getan. Die bisherigen Präventions- und Deradikalisierungs-Programme nützen zu wenig.

«  Theresa May hat in ihrer Rede ganz klar den Ton verschärft. »

Henriette Engbersen
SRF-Korrespondentin

Nach Manchester ist diese Kritik lauter geworden, wo man diesen Täter trotz mehreren Hinweisen nicht aufhalten konnte. Ich denke, Theresa May wollte mit dieser Rede nun zeigen, dass sie da nun genauer hinschauen will.

Was May heute angekündigt hat, reicht das, um ein arg lädiertes Sicherheitsgefühl der Bevölkerung wiederherzustellen?

Das ist fraglich: Es war die Rede davon, dass man radikale Internetseiten ins Visier nehmen will oder ganz konkret möchte man Stein- oder Betonblöcke an die Strassenränder stellen, um die Fussgänger zu schützen.

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Die Kritik an May wird lauter

0:50 min, aus Tagesschau vom 4.6.2017

Theresa May war heute sehr darum bemüht, entschlossen und stark zu klingen. Denn Kritik ist laut geworden in den letzten Tagen. Kritik, dass die bisherigen Präventionsprogramme, die bisherigen Deradikalisierungsprogramme zu wenig effektiv seien.

Und bei Manchester kommt immer mehr heraus, dass die Behörden vor dem Täter schon lange gewarnt waren und nichts ist geschehen. Man wusste, dass der Täter radikalisiert ist, und doch wurde die Tat nicht verhindert. Und das wirft hier immer mehr Fragen auf und die Kritik wird lauter. Und diese Fragen werden in den kommenden Tagen vor der Wahl nicht leiser sondern lauter.

Grossbritannien steht kurz vor den Parlamentswahlen. Die Kandidaten fürs Amt des Premiers haben ihre Kampagnen unterbrochen. Kann diese Tat etwas ändern am Wahl-Ausgang?

Vor einem Jahr vor der Brexit-Abstimmung gab es ein Attentat auf eine Politikerin und man dachte, es würde die Wahl beeinflussen. Das ist nicht passiert.

Nach Manchester sagte man das Gleiche. Es gab zwar Wählerveränderungen, aber die werden nicht im Zusammenhang mit Manchester gesehen. Deswegen glaube ich nicht, dass sich das Wählerverhalten nach dieser Attacke verändern wird. Aber das Attentat ist auch erst einige Stunden her. Deswegen ist es noch zu früh, diesbezüglich Aussagen zu machen.

Die Parlamentswahl findet am Donnerstag wie geplant statt

Mays Aufruf zur Einigkeit im Kampf gegen den Terrorismus und ihr Versprechen, die Gangart zu verschärfen, kam nicht überall gut an. «Ihre politischen Gegner haben die Stellungnahme als parteipolitisch motiviert gerügt und daran erinnert, dass May sechs Jahre lang als Innenministerin für die Terrorbekämpfung verantwortlich gewesen war, bevor sie vor einem knappen Jahr Premierministerin wurde», erklärt Grossbritannien-Korrespondent Martin Alioth. Der Wahlkampf auf nationaler Ebene wurde suspendiert, soll aber morgen normal weitergehen. Die Wahl selbst findet am Donnerstag wie geplant statt. «Für einen Aufschub müsste der nationale Notstand ausgerufen werden, was bisher noch niemand ins Auge gefasst hat», so Alioth. Die Alarmstufe der Terrorabwehr bleibt vorläufig auf ihrer zweithöchsten Stufe («ernst»).

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