Kroatiens Herz für (durchreisende) Flüchtlinge

Seit Ungarn die Grenze zu Serbien dicht gemacht hat, wählen Flüchtlinge und Migranten neue Wege, um nach Nord- und Westeuropa zu kommen – etwa über Kroatien. Rund 175'000 Menschen haben das Land seither durchquert, sie werden freundlich behandelt auf ihrer Reise. Ein Augenschein vor Ort.

Migranten kommen im Flüchtlingscamp in Opatavac an (20.9.15).

Bildlegende: Die Weg nach Europa ist entbehrungsreich. In Opatovac wird den Flüchtlingen menschlich begegnet. Reuters

Hinter dem verschlafenen Dorf Bapska steht ein Dutzend kroatischer Polizisten an einer Abzweigung. Das schmale Strässchen, das von Serbien her kommt, wurde wohl noch selten so rege benutzt. In Gruppen von jeweils rund 50 Leuten kommen die Flüchtlinge in unregelmässigen Abständen von drüben. Ein offizieller Grenzübergang ist es nicht.

«Die serbischen Busse stellen sie auf der anderen Seite der Grenze ab. Die Flüchtlinge kommen dann die 700 – 800 Meter von drüben zu Fuss», sagt einer der Polizisten. Fast alle Flüchtlinge, die nach Kroatien kommen, betreten hier das Land.

Vor ein paar Ständen und Zelten stauen sich die Flüchtlinge in einer langen Reihe. Freiwillige verschiedener Hilfsorganisationen geben den Erschöpften zu essen und zu trinken. Die Polizisten schauen zu, halten Journalisten auf Distanz und rufen die Flüchtlinge in Gruppen zu den Bussen, die bereit stehen, um sie weiter zu transportieren.

Professionell und durchorganisiert

Ein junger Mann mit zu grossen Schuhen trägt seine ganze Habe in einem Müllsack zum Bus. Eine Familie schiebt ihren Grossvater im Rollstuhl vor sich her. Ein Grüppchen von Flüchtlingen trägt gelbe Regenschutze, ein anderes weiter hinten in der Schlange grüne.

Flüchtlinge besteigen bei Ilok einen Bus Richtung Ungarn (24.9.2015).

Bildlegende: Die Flüchtlinge werden per Bus weitertransportiert. Der Andrang ist gross. Keystone

«31 Männer, 13 Frauen und 12 Kinder» über Funk teilt der Polizist der Zentrale mit, wie viele Leute der Bus nach Opatovac ins grosse Flüchtlingscamp bringen wird. Eine Viertelstunde braucht der Bus für die Fahrt.

Das Camp steht an der Hauptstrasse kurz vor Opatovac. Auf dem grossen Parkplatz steht eine ganze Reihe von Bussen. Gestern kamen über 9000 Flüchtlinge hier an und heute werden es vermutlich wieder so viele sein.

Erhard Krieger kommt aus Bayern, sein Hilfswerk verteilt im Camp Kleider und Schuhe. Er zeigt auf die Flüchtlinge, die durch ein langes Militärzelt hindurch Schlange stehen. «Jeder, der ankommt, wird hier registriert. Das Rote Kreuz verteilt Essen und Getränke und jeder bekommt eine Decke.»

Ein junger Mann trägt eine Baseball-Mütze mit der Aufschrift Lesbos – da ist er wohl in Griechenland an Land gegangen. Ein anderer Flüchtling fotografiert die Journalisten, die von der anderen Seite des Platzes die Flüchtlinge fotografieren. Er lacht und winkt. Polizisten lenken die Menge. Einige von ihnen tragen weisse Atemschutzmasken.

Kroatien als Durchgangsstation in den Norden

Auch hier halten sie die Medien von den Ankommenden fern. «Das Hauptproblem ist die Aufregung darüber, wie es weitergeht», sagt Krieger. Die Flüchtlinge wollten möglichst schnell weiter. In den grossen Militärzelten im Lager könnten sie über Nacht eigentlich ausruhen: «Aber die wenigsten machen das. Die Leute laufen dauernd.» Auch Leute, die krank sind, wollten oftmals lieber sofort weiter, ohne ärztliche Hilfe anzunehmen.

Im Moment sind rund zweieinhalbtausend Flüchtlinge im Camp. Es ist in vier Sektoren geteilt. Sie werden nach einander gefüllt und in der gleichen Reihenfolge wieder geleert. Kaum jemand bleibt länger als 24 Stunden im Camp. Trotz des schlechten Wetters der letzten Tage ist es in den Zelten sauber und trocken. Freiwillige Putztrupps reinigen die Sektoren jedes Mal, wenn sie wieder leer sind.

Vorbereitungen für die kalte Jahreszeit

Um für noch kältere Zeiten gerüstet zu sein, bekommen die Zelte jetzt eins nach dem anderen einen Holzboden – eine Lage von Paletten und darauf grosse Spanplatten. Nur mit dem Heizen klappt es noch nicht. General Juric war eben noch in Afghanistan, jetzt hat er hier in wenigen Tagen mit seinen Soldaten das Camp aufgebaut. «Wir haben ein Problem mit dem Strom – wir haben nicht genügend Spannung, um zu heizen», sagt Juric. Aber es werde dran gearbeitet.

Im Camp in Opatovac warten Flüchtlinge auf die Registrierung.

Bildlegende: Im Camp in Opatovac warten Flüchtlinge auf die Registrierung. Für sie ist es nur ein Zwischenhalt. Keystone

Neben den Containern mit Duschen und WC's ist ein besonderer Bereich für speziell schutzbedürftige Flüchtlinge eingerichtet – für allein reisende Kinder und Jugendliche, für Schwangere und Frauen mit Babys. «Einige Kinder sind unter furchtbarem Stress», sagt Antonia Spajic vom Kinderhilfswerk Unicef. Sie bräuchten Liebe und Aufmerksamkeit, und manchmal seien die Eltern einfach überfordert. Gestern habe ein Baby zwei Stunden lang geschrien und der Mutter sei es einfach nicht gelungen, das Kind zu beruhigen.

Quälende Ungewissheit, erschöpfte Menschen

Grund für den Stress der Flüchtlinge, ist die Ungewissheit. Wie lange nimmt Deutschland sie noch auf, wie lange dauert es noch, bis Ungarn seine Grenze auch zu Kroatien schliesst. Ein Sektor wird gerade geleert. Vorbei an den Dusch-Containern führen Polizisten eine lange Menschenschlange aus dem Camp zu den Bussen für die nächste Etappe. Sie fahren die Flüchtlinge zum Bahnhof.

Auf dem Platz steht Verteidigungsminister Ante Kotromanovic höchst persönlich. «Im Laufe des Tages werden wir zwei Züge füllen und in der Nacht nochmals zwei», sagt der Minister. Mit den Zügen bringen die kroatischen Behörden die Flüchtlinge direkt an die ungarische Grenze.

Viele Kroatinnen und Kroaten waren vor 25 Jahren selber Flüchtlinge. Das Land gibt sich grosse Mühe, ein menschliches Gesicht zu zeigen, den Leuten zu helfen, sie nicht mit Zäunen und Schikanen fernzuhalten. In Griechenland, Serbien und Mazedonien müssen die Flüchtlinge für den Transport selber bezahlen, oftmals auch zu überteuerten Preisen. Kroatien garantiert ihnen die Fahrt von Grenze zu Grenze gratis.