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Kroatiens Rolle im Krieg Sauber wie eine Träne

Fünf kroatische Kriegsverbrecher wurden in Den Haag verurteilt. Das entspricht nicht dem Selbstbild des Landes.

Legende: Audio Kroatien ist mitverantwortlich abspielen.
4:16 min, aus Echo der Zeit vom 29.11.2017.

Alles beten hat nichts genützt. In verschiedenen katholischen Kirchgemeinden haben in den letzten Tagen kroatische Nationalisten Messen für die Freilassung von Jadranko Prlic und seiner fünf Mitangeklagten lesen lassen. Auch Kroatiens Präsidentin Kolinda Grabar-Kitarovic warf sich für die Kriegsverbrecher ins Zeug und wünschte einen Freispruch. Das Urteil besagt jetzt aber genau das, was man in Kroatien nicht hören will.

«Herceg-Bosna, der Satellitenstaat, den Kroatien auf dem Boden von Bosnien-Herzegovina eingerichtet hatte, diente zur ethnischen Säuberung und zur Vertreibung der Nicht-Kroaten aus diesem Gebiet. Er sollte später mit Kroatien vereinigt, oder möglichst eng an dieses angebunden werden», sagt Zoran Ivancic. Der Friedensaktivist ist selber Kroate, lebt aber heute in Bosnien. Während des Kriegs arbeitete er unter anderem für Ärzte ohne Grenzen. Die Kriegsverbrechen hat er selbst miterlebt.

Das waren nicht einfach Verbrechen einzelner Soldaten. Sie geschahen im ganzen Gebiet von Herceg-Bosna und es steht ein politischer Entscheid dahinter.
Autor: Zoran IvancicFriedensaktivist

Der tote Präsident

«Das waren nicht einfach Verbrechen einzelner Soldaten. Sie geschahen im ganzen Gebiet von Herceg-Bosna und es steht ein politischer Entscheid der Machthaber von Herceg-Bosna und der Führung Kroatiens dahinter», sagt Ivancic.

Darum wird im heutigen Haager Urteil der Name des damaligen kroatischen Staatspräsidenten Franjo Tudjman namentlich erwähnt. Der inzwischen verstorbene Staatsgründer wird zusammen mit den Verurteilten als Mitglied einer gemeinschaftichen kriminellen Unternehmung bezeichnet.

Muslimische Bosnier im kroatischen Gefangenenlager Dretelj.
Legende: Muslimische Bosnier im kroatischen Gefangenenlager Dretelj. Keystone

Ivancic macht auch darauf aufmerksam, dass es beim Zerfall Jugoslawiens eine Absprache gab, zwischen Tudjman und Slobodan Milosevic, dem starken Mann Serbiens. Die beiden wollten sich von Westen und Osten her möglichst grosse Teile des Drei-Völker-Staates Bosnien unter die Nägel reissen. Für die muslimischen Bosniaken sollte kaum etwas übrig bleiben.

Verstecke für Kriegsverbrecher

In den Tagen und Wochen vor dem heutigen Urteil waren die kroatischen Medien voll von Berichten, die diese historischen Fakten in einem anderen Licht darzustellen versuchen und die jetzt verurteilten Kriegsverbrecher als Helden darstellen. Von ihren Opfern war kaum ein Wort zu lesen.

«Dafür gibt es zwei Gründe», sagt der Ivancic. Erstens werde seit langem der Mythos aufgebaut, dass kroatische Kämpfer keine Kriegsverbrechen begehen könnten. Kroatien habe seine Unabhängigkeit in einem Verteidigungskrieg gegen die serbischen Agressoren errungen und dieser Krieg sei sauber gewesen. Sauber wie eine Träne, wie man auf dem Balkan sagt.

Zweitens wolle man verhindern, dass Kroatien als Staat für Kriegsverbrechen in Bosnien verantwortlich gemacht werde und dass ihm damit Schadenersatz-Forderungen drohen könnten. Aus diesen Gründen habe das Land seine Kriegsverbrecher nach dem Krieg auch lange versteckt.

Die kroatischen Kriegsverbrecher.
Legende: Angeklagt und verurteilt: Die kroatischen Kriegsverbrecher. Keystone

Praljak der Märtyrer

«Man gab ihnen falsche Identitäten und falsche Papiere. Als der Druck von aussen, zu gross wurde, musste Kroatien die Männer zwar nach Den Haag ausliefern, aber es hat ihnen aus Staatgeldern die besten Anwälte bezahlt und Beweismaterial verschwinden lassen», sagt Ivancic.

Er ist skeptisch, dass die kroatische öffentliche Meinung nach dem heutigen Urteil selbstkritischer wird. Eher sei zu erwarten, dass Slobodan Praljak, der sich im Gerichtssaal, nach Urteilsverkündung vergiftet hat, zum Märtyrer gemacht werde. Und es müsse auch damit gerechnet werden, dass viele Kroaten in Bosnien-Herzegowina weiterhin von einem eigenen Teilstaat Herceg-Bosna träumen – und dafür politische Unterstützung aus Kroatien bekommen.

10 Kommentare

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  • Kommentar von Daniel Meier (Danicam)
    Ich hoffe, dass dieses skandalöse Urteil keine bösen Auswirkungen in Bosnien zwischen den Bosniaken und den Kroaten haben wird. Letzteren werden die bereits stark eingeschränkten Rechte durch dieses Urteil noch weiter eingeschränkt. Ein neues Pulverfass ist dort am Entstehen.
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    1. Antwort von Alex Volkart (Lex18)
      Es entsteht kein neues Pulverfass, er war schon immer eins. Oder wie es einer meiner damaligen bosnischen Mitschüler sagte: . Das Zusammenleben sei schwierig zwischen Bosniaken (Deren Vorfahren waren Kroaten und Serben die unter den Osmanen/Türken muslimisiert wurden), Kroaten und Serben. Weil sie es selbst teilweise nicht wollen oder instrumentalisiert werden.
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  • Kommentar von Daniel Meier (Danicam)
    Also hat er sich nicht wegen der Gefängnisstrafe umgebracht, sondern, weil er das Urteil, ein Kriegsverbrecher zu sein, menschlich nicht akzeptieren konnte, weil er das nicht war. Vor 2400 Jahren hat sich der grosse Philosoph Sokrates ebenfalls wegen falscher Anschuldigungen vor Gericht das Leben genommen. General Praljak ist ein Opfer verdrehter Tatsachen und politisch motivierter Urteile. Recht ist eben nicht immer Gerechtigkeit.
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  • Kommentar von Daniel Meier (Danicam)
    Vor einer Woche wurde der Serbenführer Mladic zwar verurteilt, aber als Alleingänger! Der serbische Staat geht somit ungerechterweise als Unschuldslamm aus dem ganzen Konflikt in Bosnien und auch in Kro. hervor. Das spricht für eine erfolgreiche Diplomatie und Lobby-Arbeit der Serben. Noch ein letztes: General Praljak wurde zu 20 Jahren verurteilt. 13 Jahre davon hat er bereits abgesessen. Wenn man davon ausgeht, dass i.d. Regel 2/3 der Zeit abgesessen werden, wäre er demnächst frei gekommen.
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