Kurden-Demos: «Es ist mehr Gewalt zu erwarten»

Die Wut der Kurden über die passive Haltung der Türkei gegenüber der Schlacht um Kobane ist gross. Bei Demonstrationen sind 14 Menschen getötet worden. Die PKK hat gedroht, die Friedensgespräche abzubrechen. Beide Seiten hätten dabei viel zu verlieren, sagt Journalist Thomas Seibert in Istanbul.

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Tote bei Protesten in der Türkei

0:51 min, aus Tagesschau am Mittag vom 8.10.2014

SRF: Über ein Dutzend Tote sind die Bilanz der Proteste dieser Nacht: Wie konnte es soweit kommen?

Thomas Seibert: Die Wut der Kurden über die Haltung der türkischen Regierung hat sich im Fall Kobane über die letzten Tage aufgebaut. Viele Kurden sind ins Grenzgebiet gereist, um ihre Solidarität mit den syrischen Kurden zu zeigen. Dort sind türkische Sicherheitskräfte wiederholt gegen die Kurden vorgegangen. Die verstärkten Angriffe des sogenannten Islamischen Staates auf Kobane in den letzten zwei Tagen haben die Befürchtung geweckt, Kobane könnte in die Hand des IS fallen. Diese aufgestaute Wut hat sich nun in Gewalt entladen. Es gab flächendeckende Demonstrationen, und die türkische Polizei ist bekannt dafür, bei solchen Kundgebungen die Gewalt eskalieren zu lassen.

In Medienberichten heisst es, dass ein Teil der Opfer nicht von türkischen Ordnungshütern, sondern von islamistischen Gruppen getötet worden sei. Was ist an diesen Aussagen dran?

Das sind Vorwürfe von kurdischer Seite. Die türkische Hizbollah, eine islamistische Splittergruppe, hätte Demonstrationsteilnehmer mit Schusswaffen angegriffen. Das ist momentan nicht bestätigt. Ich halte es aber für möglich, dass militante Islamisten eingegriffen haben.

Die Kurden in der Türkei sind also extrem wütend. Steht damit der Friedensprozess zwischen den Kurden und der türkischen Regierung wieder auf dem Spiel?

Der türkisch-kurdische Friedensprozess ist in höchster Gefahr. Die PKK und ihr Chef Öçalan haben gedroht, die Gespräche mit der türkischen Regierung abzubrechen, sollte diese nicht zugunsten der Kurden in Kobane eingreifen. Die Regierung weigert sich aber nach wie vor, in Kobane etwas zu tun. Allerdings haben beide Seiten in den letzten zwei Jahren sehr viel politisches Kapital in diesen Friedensprozess investiert. Beide haben Zugeständnisse gemacht. Frieden nach 30 Jahren Krieg wäre für beide Seiten ein Segen. Deshalb glaube ich, dass sowohl die türkische Regierung als auch die PKK sich hüten werden, den Friedensprozess jetzt zu stoppen. Beide haben viel zu verlieren.

Wird der türkische Präsident Erdogan unter dem massiven Druck nun also doch in der syrischen Stadt Kobane eingreifen und die Kurden dort unterstützen müssen?

Möglicherweise wird Erdogan indirekt zu einem Eingreifen gezwungen. Es gibt Berichte, wonach die irakischen Kurden, die Peschmerga, Ankara gebeten haben, 2000 Kämpfer über türkisches Staatsgebiet nach Kobane zu lassen. Wenn die Türkei hier eine Genehmigung erteilt, wäre das zumindest eine indirekte Hilfe, die die Stimmung in der Türkei etwas beruhigen könnte. Eine direkte Hilfe kommt aber nicht in Frage.

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Ruth Bossart in Sanliurfa (Türkei)

0:53 min, aus Tagesschau vom 8.10.2014

Heute Morgen ist die Lage in der Türkei relativ ruhig, auch weil in vielen Städten seit heute Nacht eine Ausgangssperre herrscht. Was denken Sie: Werden die Menschen heute erneut ihrer Wut auf der Strasse Luft machen?

Auf jeden Fall. Die meisten der gestern getöteten Menschen werden heute bestattet und bei diesen Beerdigungen wird die Wut nochmals hochkochen. Die Polizei dürfte versuchen, die Kundgebungen bei den Bestattungsfeiern zu unterbinden. Damit ergibt sich neues Gewaltpotenzial. Mit Blick auf die Lage in Kobane ist eher mehr Gewalt zu erwarten, als Entspannung.

Das Gespräch führte Hans Ineichen.

Thomas Seibert

Thomas Seibert

Der Journalist Thomas Seibert ist USA-Korrespondent des «Berliner Tagesspiegels». Zuvor berichtete er während 20 Jahren für verschiedene Zeitungen und Radiosender aus der Türkei.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Zwei Kurden schauen von Suruc aus über die Grenze auf die kurdisch-syrische Stadt Kobane.

    Suruc - Festungsstadt für kurdische Flüchtlinge

    Aus Rendez-vous vom 8.10.2014

    Suruc, nördlich der umkämpften syrischen Grenzstadt Kobane, war früher eine türkische Provinzstadt. Heute leben fast nur noch Kurden dort, unter ihnen viele, die vor dem «Islamischen Staat» über die Grenze geflohen sind. Gespräch mit NZZ-Korrespondent Marco Kauffmann.

    Simon Leu