Lauschangriff: «Was die NSA macht, übersteigt das Erlaubte»

Die US-Geheimbehörde NSA steht wegen einer gigantischen Überwachungsaktion im Feuer der Kritik. James Bamford kennt die NSA gut: Er hat mehrere Bestseller über Nachrichtendienste in den USA geschrieben. Im Interview erklärt er, wie die NSA funktioniert und wie sie zu dem wurde, was sie heute ist.

Luftaufnahme, darauf zu sehen: mehrere grosse Gebäude, riesiger Parkplatz.

Bildlegende: Das NSA-Hauptquartier in Fort Meade, Maryland. Reuters

SRF: Ist das Datensammel-Programm «Prism» der NSA legal?

John Bamford: Meiner Meinung nach nein. Die Behörden dürfen zwar auf Kommunikations-Daten zugreifen – bei begründetem Verdacht. Aber gleich von allen Amerikanern die Verbindungsdaten ihrer Telefonate sammeln: das übersteigt eindeutig, das Erlaubte.

Wenn wir die Geschichte der NSA anschauen, aber auch anderer Nachrichtendienste in den USA wie die des FBI: Haben sich diese Dienste je an das Gesetz gehalten? 

Es scheint, als hätten die Sicherheitsbehörden die Gesetze zwischen 1978 und 2001 befolgt. Vorher hatte die NSA eine lange Geschichte von illegalen Abhöraktionen. Erst als George W. Bush nach dem 11. September 2001 entschied, die Gesetze  und die zuständigen Gerichte zu unterlaufen, geriet das Ganze wieder ausser Kontrolle. Sie machten aus dem Abhörgesetz Fisa einen Blanko-Check, mit dem sie machen konnten, was sie wollten.

Die NSA begann als kleine Einheit in den 1950er Jahren. Heute ist die National Security Agency ein gigantischer Komplex. Wie konnte der Dienst derart anwachsen?

Die NSA ist proportional gewachsen mit dem Aufkommen von Telekommunikations-Angeboten in den USA. Die NSA war klein, als die Menschen nur mit dem Telefon kommunizierten, oder vielleicht mal ein Telegramm verschickten. Sie überwachte vor allem die Kommunikation, die aus Russland kam: Hochfrequenzsignale. Das war alles aber nicht sehr ausgeklügelt. Alles änderte sich nach dem Kalten Krieg, zu Beginn der 1990er Jahre. Die Technologie veränderte sich schlagartig: Computer wurden kleiner, das Internet wuchs an. Immer mehr Menschen erhielten Zugang zum World Wide Web. Die Telekom-Unternehmen  wechselten von Satellitenkommunikation auf Fiberoptik und Unterseekabel. Plötzlich hatte die NSA viel mehr Daten zu Verfügung, schon nur wenn sie eine Antenne irgendwo aufstellte oder ein Datenkabel anzapfte.

Wieso ist die NSA eigentlich in Fort Meade, Maryland, angesiedelt? Mit einer eigenen Autobahn-Ausfahrt? 

Die Behörden haben die NSA Mitte der 1950er Jahre dort installiert. Sie wollten den Dienst nicht in Washington selbst, aber auch nicht zu weit weg. In Fort Meade gab es damals schon eine grosse Armee-Basis. So konnte der Dienst auch gut beschützt werden.

Heute ist es ein riesiger Gebäudekomplex. Weiss jemand, was sich da drin versteckt?

Ich war ein paar Mal dort. Es ist eine eigentliche Stadt mit fünfzig oder mehr Gebäuden. Es gibt dort eine eigene Polizeieinheit. Eine Feuerwehr. Eine Post, die täglich 70'000 Briefe und Pakete ausliefert. Die Angestellten haben drei Aufgaben: Sie müssen Kommunikationskanäle anzapfen, fremde Verschlüsselungs-Codes brechen und sie müssen die amerikanische Verschlüsselungstechnologie verbessern.

Die NSA verarbeitet riesige Datenmengen. Sie müssen regelrecht nach relevanten Daten schürfen. Die britische Zeitung «The Guardian» spricht von einem Tool namens «Grenzenloser Informant». Kennen Sie dieses Programm?

Ich weiss nicht mehr über dieses Programm als Sie. Aber ich weiss, wie sie die Daten aufbereiten. Sie benutzen Super-Computer, um in den riesigen Datenmengen Verbindungen herzustellen – zwischen den Menschen. Wer ruft wen an? Wer hat Verbindungen mit wem? So zeichnen sie Netzwerke zwischen Personen, welche die NSA als Aufklärungs-Ziel erklärt hat. Meist sind das Personen, über die der Dienst mehr erfahren will oder noch nichts weiss.

Sie haben die NSA länger studiert. Was ist ihr Eindruck: Leben wir bereits in einer George-Orwell-Welt in welcher der «Grosse Bruder» uns ständig überwacht?

Bis zu einem gewissen Grad haben wir – in Bezug auf technische Möglichkeiten – George Orwell bereits hinter uns gelassen. Die offene Frage bleibt: Werden wir auch irgendeinmal in einem totalitären Staat leben, so wie es Orwell definiert hat? Bei ihm wird ja der Überwachungsstaat zum totalitären Staat. Meine Hoffnung ist, dass es mit dem Aufdecken dieses Überwachungsprogramms Änderungen gibt; dass wir nicht weiter in diese Richtung gehen. Es ist beängstigend, dass die Regierung diese Dinge im Geheimen tut.

Aber die Menschen heute legen ihre Daten ja freiwillig offen. Können Sie erklären, warum die meisten gegenüber dem Datenschutz so gleichgültig sind?

Das gehört hier in den USA zur menschlichen Natur. Die Menschen glauben, die Regierung handle nur im Guten; etwas Schlechtes könne nicht passieren. Doch es ist ein Fehler, zu glauben, die Regierung handle im besten Interesse aller. Wir hatten Richard Nixon, George W. Bush. Wir hatten Präsidenten, Abgeordnete, die Kriege begannen, die sie nicht hätten starten sollen. Viele Leute sind sehr naiv. 

Das Interview führte Isabelle Jacobi

Kenner der NSA

Kenner der NSA

Der studierte Jurist James Bamford ist ein ausgewiesener Journalist. In den 1990er Jahren war er während fast zehn Jahren Produzent der Abendnachrichten von ABC. Er schrieb mehrere Bücher über die NSA, die teilweise als Klassiker gelten. Heute lehrt der 66jährige u.a. als Gastdozent in Berkeley/Kalifornien.