«Laut der türkischen Regierung gibt es überhaupt keine Probleme»

Seit dem Putschversuch in der Türkei Mitte Juli hat die Regierung über 100'000 Staatsangestellte entlassen oder suspendiert, zuletzt auch 13'000 Polizisten. «Im Land herrscht eine grosse Depression und Frustration», stellt NZZ-Korrespondentin Inga Rogg fest.

Erdogan sitzt vor türkischen Flaggen.

Bildlegende: Präsident Erdogan reagiert mit einer wahren Säuberungswelle auf den Putschversuch. Reuters

SRF News: Zehntausende Lehrer, Richter, Beamte und Polizisten sind seit dem Putschversuch entlassen oder verhaftet worden. Funktioniert der Staat überhaupt noch?

Inga Rogg: Tatsächlich sollte man meinen, der Staat sollte angesichts des Ausmasses der «Säuberungen» zusammenbrechen. Doch gegen aussen funktioniert er wie gehabt.

Spürt man etwas von den Entlassungen im Alltag? Sieht man zum Beispiel weniger Polizisten?

Am ehesten spürt man es an den Schulen. Dort gibt es teilweise einen Lehrermangel. Bei den Polizisten dagegen merkt man kaum etwas. Sie fahren ihre Patrouillen wie immer. An vielen Orten, wie etwa Flughäfen, wurden die Sicherheitsvorkehrungen verstärkt. Es sind also sogar mehr Polizisten präsent als noch vor einiger Zeit.

Wie sieht es hinter den Kulissen aus? Herrscht bei der Polizei oder in der Verwaltung nicht ein Chaos?

Diese Frage stellen wir uns hier auch, haben aber keine gesicherte Antwort. Wir wissen beispielsweise von der Luftwaffe, dass dort die Hälfte der Kampfpiloten suspendiert oder sogar festgenommen wurde. Wenn man aber bei der Regierung nachfragt, welche Folgen dieser Kahlschlag hat, erfährt man nichts darüber.

«  Die Regierung sagt, man müsse die Demokratie schützen und die Hinterleute des Putschversuchs deshalb mit Stumpf und Stiel ausrotten. »

Was genau sagt die Regierung zu den Entlassungen und Suspendierungen?

Zu den Suspendierungen sagt sie, dies sei eine Massnahme, damit die Ermittlungen nicht behindert würden. Wer suspendiert sei, werde nicht in jedem Fall seinen Job verlieren. Die Betroffenen erhalten vorläufig weiterhin zwei Drittel ihres Lohnes. Auch könnten die Lücken, die dadurch entstehen, problemlos gefüllt werden, heisst es. Tatsächlich gab es in jenen Bereichen des Militärs viele Beförderungen, in denen der Putsch einen Grossteil der Führung Kopf und Kragen gekostet hatte. Und was die Schulen betreffe, sagt die Regierung, würden rasch 20'000 neue Lehrer eingestellt. Laut der Regierung gibt es also überhaupt keine Probleme.

Tatsache ist aber, dass wegen Lehrermangels etliche Schulen geschlossen wurden. Welchen Plan hat die Regierung in diesem Bereich?

Sie sagt nichts dazu. Gemäss den Bildungsgewerkschaften ist von den Schulschliessungen vor allem der kurdische Osten des Landes betroffen. Davon, was dort passiert, kriegt man hier im Westen des Landes überhaupt nichts mit. Es wird alles unter den Teppich gekehrt. Kritische Medien, die darüber berichten, werden unverzüglich dichtgematcht. So kommt die Regierung ganz gut damit durch. Sie sagt, man müsse die Demokratie schützen, deshalb müsse man die Hinterleute des Putschversuchs mit Stumpf und Stiel ausrotten.


«Laut der Regierung gibt es überhaupt keine Probleme»

4:22 min, aus SRF 4 News aktuell vom 05.10.2016

Welche weiteren Folgen des Putschversuchs von Mitte Juli spürt man im Alltag?

Man merkt es vor allem unter der Hand, etwa, wenn man mit kritischen oder vom Kahlschlag betroffenen Türken sprechen will: Sie reden nicht mit einem, weil sie Angst haben. Viele versuchen, ins Ausland zu gehen. In der Türkei herrscht eine grosse Depression und Frustration.

Das Gespräch führte Salvador Atasoy.

Inga Rogg

Inga Rogg

ZVG

Inga Rogg ist NZZ-Journalistin und lebt zeitweise im Irak. Zurzeit ist sie in Istanbul. Seit 2003 berichtet sie für die NZZ und die «NZZ am Sonntag» aus dem Irak, seit 2009 ist sie auch für SRF im Einsatz.