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Leben in Manilas Müllhalde Wie aus Abfall Essen für die Ärmsten wird

Auf den ersten Blick scheint der Slum von Tondo chaotisch, wild und unbezähmbar. Doch die Menschen auf den Philippinen haben sich auf der Müllhalde von Manila mit viel Unternehmergeist bestens organisiert.

Die Hähne krähen früh im Slum. Um vier Uhr morgens beginnt das Konzert in Tondo, einem Quartier der philippinischen Megastadt Manila. Abfallsammler wie Eduardo Ardo, genannt Suhe, sind zu dieser Stunde noch bei der Arbeit. Sie sortieren, was die reichen Quartiere wegwerfen. Hier in Tondo ist rund um den Müll eine ganze Ökonomie entstanden, organisiert durch die Ärmsten der Armen, die sich jeden Tag Pesos zum Überleben zusammenkratzen.

Slum.
Legende: Der Slum von Tondo liegt zwischen Hafen und Grossstadt. Hier sortieren Filipinos und Filipinas den Müll von Manila. SRF/Lukas Messmer

Wir sind unterwegs für zwei Nächte. Unser Interesse gilt Pagpag. Das ist ein Begriff für Fleischreste, weggeworfen in den Fastfood-Restaurants der Stadt. Restaurants verpacken den Müll in Säcke, die im Slum landen. Im Quartier Happyland treffen wir Suhe und seine Frau. Sie graben sich jede Nacht, zehn Stunden lang, durch die Essensreste. Er ist 74-jährig und lebt seit 20 Jahren hier. Für seine Arbeit zahlt ihm sein Chef 1500 Pesos (29 Franken) pro Woche.

Essen.
Legende: Suhe durchwühlt Essensabfälle. Der Abfall stammt von Ketten wie KFC, Jollibees oder der Supermarkt-Kette Ministop. SRF/Lukas Messmer

Suhe arbeitet für einen Kleinunternehmer, der hier eine Recyclingstelle betreibt. Karton, Plastik und Flaschen füllt er in verschiedene Säcke. Abfallreste wie Reis landen in grossen Wannen. Die sind für die Schweine des Chefs. Chilis und Limetten kommen definitiv in den Abfall. Pagpag, die gefundenen Fleischreste – etwa 200 Kilogramm pro Nacht – darf Suhe behalten und weiterverkaufen.

Frau isst.
Legende: Suhe sortiert jede Nacht den Müll der aufstrebenden Mittelschicht von Manila. Die Fleischreste kann er behalten. SRF/Lukas Messmer

Manchmal findet Suhe Geld, oft zusammen mit Quittungen. Einmal fand er ein Mobiltelefon. «Das sind die Abfälle der reichen Leute», sagt Suhe, «wenn sie genug haben, werfen sie das einfach weg, ich weiss nicht warum.» Wir fragen, wie gefährlich das Essen des Fleischs aus dem Abfall ist. Er beisst darauf in einen Hühnerschenkel. «Es ist sauber, nicht dreckig», sagt er. «Wenn man daran sterben würde, wären schon viele gestorben.» Suhe ist Händler, das erste Glied in der Pagpag-Handelskette. Er verkauft das Fleisch ins nächste Quartier.

Essen.
Legende: Zum zweiten Mal zubereitet: Diese Abfallreste haben Sammler eine Nacht zuvor im Müll von Manila zusammengesucht. SRF/Lukas Messmer

Adoraction Doring Bernacer, 64 Jahre alt, wohnt ein Quartier weiter, im Barangay 128. Sie kauft jeden Morgen einen Sack Pagpag von Suhe. Dreissig Kilogramm für 250 Pesos. Um fünf Uhr morgens schickt sie ihren Sohn los, der mit einem klapprigen Veloanhänger eine halbe Stunde durch den Slum fährt. Ihre Spezialität: Frittiertes Huhn. Sie wäscht die Fleischreste gründlich und dreht und wendet sie dann in heissem Öl, um die Keime abzutöten. Jeden Morgen von fünf Uhr bis um Mittag steht sie vor der Pfanne mit heissem Öl und frittiert Fleischreste.

Frau und Kind.
Legende: Doring frittiert jeden Tag abgegessene Pouletschenkel neu und verkauft sie im Quartier. Ihre Tochter beobachtet das. SRF/Lukas Messmer

Auch Doring stammt aus der Provinz – wie viele im Quartier. Die Megastadt Manila wächst ungebremst und hat für viele Menschen auf dem Land eine unwiderstehliche Anziehungskraft. Sie ziehen in die Stadt, wollen Geld verdienen, suchen ein besseres Leben. Dorings Slum steht nicht mehr. Er wurde abgerissen. Zu acht wohnt sie mit ihrer Familie nun in einer kleinen Sozialwohnung. «Meine Kunden sagen das Pagpag sehr lecker und billig ist», sagt Doring. «Wenn ich einen Tag nichts koche, fragen gleich alle, warum nicht.»

Junge an PC.
Legende: In Tondo vertreiben sich Kinder die Zeit in Internetcafés. Die Filipinos nennen sie Pisonets. SRF/Lukas Messmer

Im so genannten Permanent housing wohnen 27'000 Menschen. Die Plattenbauten sind schon baufällig und alt, aber voll belegt. Auf fünf Etagen brummt das Leben: kleine Läden, Internetcafés, Kinder überall. Die Menschen hier sind Abfallsammler oder Taxifahrer. Ihre Kinder arbeiten im Ausland, als Haushaltshilfen in Übersee oder als Matrosen.

Spielplatz.
Legende: Hier spielen die Kinder des Barangay 128. Über 27’000 Menschen leben in Sozialwohnungen. Sie stammen aus Slums. SRF/Lukas Messmer

Sofort fällt auf: So viele Kinder! Die Menschen hier sind alle jung. Viele haben keine Arbeit. In den Seitengassen sehen wir junge Männer und Frauen, die an Säcken mit Leim schnüffeln. In Gesprächen merkt man schnell: Präsident Dutertes Drogenkrieg ist hier ein brisantes Thema – und sehr real. Im Barangay 128, erzählt uns eine Verkäuferin, seien schon zehn Personen durch Polizeiaktionen gestorben. Es seien die Falschen gewesen, sagt sie.

Mann schöpft.
Legende: Norbing ist der berühmteste Pagpag-Koch in Tondo. Seine Kaldereta, ein Eintopf aus Poulet und Gemüse, ist beliebt. SRF/Lukas Messmer

Wer die Geschichte des Pagpag erforscht, kommt nicht an Norbert Norbing Luciano vorbei. Wir finden ihn in einer Gasse des Slums. Die Strasse ist voller Abfall, dreckig, die Häuser aus Holz und Wellblech. Mittendrin betreibt er mit seiner Frau ein kleines Restaurant. Sie kamen aus der Provinz Bulacan. Dort war Norbing Hilfskoch. Um seine Familie durchzubringen, wollte er mehr Geld verdienen und zog in die Stadt.

Mann auf Fahrrad.
Legende: Happyland heisst dieser Teil des Barangay 105. Die Menschen überleben dank dem Handel mit Müll aller Art. SRF/Lukas Messmer

Im Jahr 1999 hatte er als Erster die Idee, das rohe Pagpag neu zu kochen. Heute ist er der berühmteste Koch im Slum. Kurz vor Mittag steht seine Kaldereta, ein Eintopf mit spanischen Wurzeln, auf dem Tresen. Kinder und Erwachsene kaufen sich für einen Bruchteil eines Frankens eine Portion. Durch das Kochen hat Norbing das Essen von Pagpag sicherer gemacht. Als Profit bleibt ihm etwa einen Franken pro Tag. «Ich habe keinen anderen Job», sagt Norbing. «Ich mache das, um etwas zu Essen zu haben.»

Verkauf.
Legende: Slum-Ökonomie: Für winzige Beträge wechseln Güter die Hände. SRF/Lukas Messmer

Auf den ersten Blick scheint der Slum von Tondo chaotisch, wild und unbezähmbar. Doch die Menschen hier haben sich auf der Müllhalde von Manila mit viel Unternehmergeist bestens organisiert. Sie verwerten, was die aufstrebende Mittelschicht wegwirft.

«Die Erfahrung, Pagpag zu kochen, hat mein Leben besser gemacht», sagt Norbing. «Dazu habe ich mich aus freien Stücken entschieden. Wenn du solche Erfahrungen machst, dann kannst du überleben.» Mit einem Lächeln schöpft er seinen Kunden Kaldereta aus Pagpag.

Legende: Video Essen aus Abfall abspielen. Laufzeit 09:01 Minuten.
Aus 10vor10 vom 27.12.2017.

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10 Kommentare

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  • Kommentar von A. Keller (eyko)
    Essensreste verwerten finde ich gut. Was da aber in den Slum von Tondo vorgeführt wird sicher eine gute Idee. Wie sieht es aber mit dem Nährwert dieser wieder verwerteten Speisen aus. X-mal gekocht und frittiert. Ausgelaugt? Fehlen das nicht die Vitamine, Mineralien etc. was unser Körper zum Leben braucht? Traurig ist, dass so viele Menschen zu wenig zum Essen haben, während andere im Überfluss leben.
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    1. Antwort von Lukas Messmer
      Das sehen sie ganz richtig, Herr Keller. In den mehrmals gekochten Pouletstücken sind fast keine Nährstoffe mehr drin -- aber eben doch noch ein kleines bisschen. Einige haben mir gesagt, dass sie Pagpag kaufen, weil es ihnen trotzdem das Hungergefühl nimmt. Es ist ein Snack für zwischendurch und etwas, das man sich gönnt, das sich vom Alltagsessen abhebt. Das Kochen ist aber unbedingt nötig, um Keime abzutöten.
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  • Kommentar von Rolf Bolliger (rolf.bolliger@quickline.ch)
    Wer die vergangenen Weihnachtstage mit den voll gedeckten Tischen, (nur das feinste vom Feinen in den Tellern), mit diesem Bericht vergleicht, ist schockiert! Es macht alle von uns nachdenklich und der Blick in den Spiegel wird zum "Albtraum"! Die vor einigen Tagen bekannt gewordenen Zahlen der Weltbevölkerung und wo sie am schnellsten zunimmt, zeigt aber auch eine andere bedenkliche Realität: Warum werden ausgerechnet in den ärmsten Länder am meisten Kinder gezeugt und geboren........?
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    1. Antwort von kurt trionfini (kt)
      Herr Bolliger: "Warum werden ausgerechnet in den ärmsten Ländern am meisten Kinder gezeugt und geboren....?" Sie und ich, wir haben die AHV (Holz aalänge...). Eltern in wirtschaftlich schwachen Regionen haben als einzige Altersversicherung Ihre Kinder. Gebt den Menschen Arbeit- anstatt grosser Familien gibt es soziale Sicherheit; anstatt Beten und Bitten den Konsum.
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    2. Antwort von Niklaus Bächler (sensus communis)
      Ihre Frage am Ende ihres Post's macht mich nachdenklich.Nachdenklich deshalb,weil ich hieraus schliessen muss,dass ihnen gerade diese Zusammenhänge verborgen geblieben sind,um die Not dieser Welt richtig einordnen zu können.Wie Herr Trionfini richtig schreibt,sind wir in der CH bestens abgesichert.In vielen Ländern sind Kinder die Altersvorsorge.Sie werden verkauft oder als billige Arbeitskräfte gesehen.Bedenklich ist u.a.dass in unserer reichen CH genau diese Realität nicht gesehen werden will!
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    3. Antwort von Rolf Bolliger (rolf.bolliger@quickline.ch)
      Herr Bächler, diese zusätzlich von Ihnen dargelegten Punkte, wie (vorallem in Afrika) mit den vielen hilflosen Kinder umgegangen wird, stützt eben meine obige Meinung zusätzlich! Es ist einfach unmenschlich, wie mit all diesen Kindern umgegangen wird (verkaufen oder als billige Arbeitskräfte eingesetzt!). Mir sind diese unglaublichen Machenschaften (besonders in Afrika) ganz sicher nie verborgen geblieben! Abgemagerte, unterernährte und zukunftslose Kinder, das ist niemals eine "Altersfürsorge"!
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    4. Antwort von Niklaus Bächler (sensus communis)
      Nundenn R.Bolliger,gerne kläre ich sie über die Realitäten in Afrika auf,welche vielen offensichtlich verborgen geblieben sind.Leider sind genau diese Kinder noch immer in den Augen vieler mittelloser Afrikaner die Versicherung fürs Alter.Um diesen Entwicklungen entgegen zu treten hilft es eben nicht,mit falschen Vorstellungen über diesen Kontinent träfe Sprüche zu klopfen(Blogger/Politiker),sondern nur mühsame,langwierige Aufklärung VOR ORT.Ich lade sie hierzu herzlich ein.Es gibt viel zu tun!
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  • Kommentar von Niklaus Bächler (sensus communis)
    Danke für diesen bedrückenden Bericht der unter die Haut geht!Solches geschieht auf unserem Planeten,dies sollten wir uns alle bewusst sein.Der Artikel wäre Anschauungsunterricht für so manchen Rechtspolitiker in der CH,aber auch für all jene,welche immer wieder herablassende Kommentare gegen Asylsuchende & Flüchtlinge platzieren.All jene,welche in ihrem Selbstgefälligkeitsgefasel nicht müde werden,die Not dieser Welt nicht als unser Problem zu sehen,sollten nur einen Tag dort verbringen müssen.
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    1. Antwort von Fabienne Uhlmann (Cueni)
      Vow,ist doch wieder eine Gelegenheit, Andersdenkenden Ihre Meinung zu predigen, deren Ansichten als Gefasel (Netiquette?) abzutun, anstatt endlich mal einem konstruktiven und realisierbaren Lösungsvorschlag. Ich muss mich jetzt also auch für dieses traurige Elend in Manila verantwortlich fühlen? Sind Sie auch Nutzniesser vom Geschäft mit dem schlechten Gewissen? Weiter frage ich mich auch immer wieder, ob Sie sich gegenüber den Menschen in anderen Ländern auch so herablassend verhalten.
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