Lech Walesa: Eine Ikone unter Beschuss

Neu aufgetauchte Akten sollen belegen, dass Lech Walesa für die kommunistische Staatssicherheit gearbeitet hat. Auch wenn an den Vorwürfen etwas dran sei, müsse man die polnische Geschichte nicht umschreiben, sagt der Historiker Wlodzimierz Borodziej.

War ausgerechnet Friedensnobelpreisträger Lech Walesa, Führer des legendären Streiks der Danziger Arbeiter, Gründer der Gewerkschaft Solidarnosc, als «Agent Bolek» ein Spitzel des kommunistischen Sicherheitsapparates? Das Privatarchiv eines einstigen Innenministers scheint Walesa zu belasten.

Der ehemalige polnische Präsident hat in seinem Blog darauf reagiert und eingeräumt, dass er Fehler gemacht habe. Jedoch habe er nicht mit dem Sicherheitsdienst kooperiert. Der Historiker Wlodzimierz Borodziej ordnet die Vorwürfe ein.

SRF News: Wie glaubwürdig sind die Vorwürfe gegen Walesa?

Wlodzimierz Borodziej: Das ist schwierig zu sagen, weil ausser den paar Experten des «Instituts des nationalen Gedächtnisses» und ein paar anderen Personen, niemand diese Akten gelesen hat. Aber vieles deutet darauf hin, dass es sich um die komplette Akte des «informellen Mitarbeiters» Lech Walesa aus den frühen Siebzigerjahren handelt. Die Frage, ob er in der ersten Hälfte der Siebzigerjahre mit der polnischen Staatssicherheit zusammengearbeitet hat oder nicht, steht seit den frühen Achtzigern im Raum. Walesa war damals interniert und galt als Anwärter auf den Friedensnobelpreis. Seinerzeit hat der polnische Staatssicherheitsdienst gefälschte Akten über ihn angelegt und diese möglichst breit gestreut – unter anderem an die norwegische Botschaft in Warschau. Man wollte damit verhindern, dass Walesa den Nobelpreis erhält.

«  Walesa stand unter sehr grossem Druck. »

Walesa sagt, er habe Fehler gemacht. Aber er habe keine Informationen weitergegeben und kein Geld angenommen. Und dann fügt er etwas kryptischer an, er habe sein Wort gegeben, nicht darüber zu berichten. Aber der Täter, der das aufklären könnte, lebe noch. Was könnte dahinter stecken?

Das erinnert an die Äusserungen einiger anderer Politiker, die sowas behauptet haben, als sie sich in einer sehr peinlichen Lage befunden haben. Es klingt völlig unglaubwürdig. Das andere, was man unbedingt im Blick behalten soll: Wenn es stimmt, dass er 1971 angeworben worden ist, war er damals 28 Jahre alt – ein junger Mann vom Land und schlecht verdienend. Diese Arbeiter aus Danzig haben 1970 gesehen, wie Dutzende ihrer Kollegen während der Streiks im Dezember erschossen worden sind. Anfang 1971 hat es eine grosse Operation der polnischen Staatssicherheit gegeben, damit die sogenannten Rädelsführer der Streikenden weiterer Handlungsmöglichkeiten beraubt werden.

Das heisst, wenn er damals angeworben wurde, stand er unter sehr grossem Druck?

Ja. Das können wir uns als normale Menschen in einem demokratischen Staat überhaupt nicht vorstellen.

«  Ich glaube seit Jahren, dass an der Geschichte etwas dran ist. »
Lech Walesa.

Bildlegende: Lech Walesa hat gewisse Fehler eingeräumt. Keystone

Diese Vorwürfe kommen aufgrund von Aktenfunden des «Instituts des nationalen Gedächtnisses». Wie unabhängig ist dieses Institut?

Insgesamt ist es relativ unabhängig. Eine Zeit lang war es aber sehr politisiert und eindeutig auf Seiten der rechten Parteien engagiert. Das hat sich in den letzten Jahren gelegt. Aber wie weit die faktische Unabhängigkeit unter der neuen Regierung reicht, kann man aus der Ferne nicht wirklich beurteilen.

Der rechtskonservative PiS-Vorsitzende Jaroslaw Kaczynski behauptet, dass in Polen nach wie vor spätkommunistische Seilschaften wirken. Ist da was dran?

Ich denke, da ist längst nichts mehr dran. Aber natürlich passt diese Geschichte um Walesa wunderbar in diese Theorie.

«  Das ist auch eine Auseinandersetzung um die Legitimität des polnischen Übergangs aus der Diktatur in die Demokratie. »

Sollten sich diese Dokumente als echt herausstellen, würde das ein Stück weit sicher zu einer Umschreibung der polnischen Geschichte führen. Wie sehr würde das der Kaczynski-Partei heute nützen?

Das ist schwierig abzuschätzen. Hingegen glaube ich nicht, dass die polnische Geschichte damit umgeschrieben werden muss. Ich gehöre zu den Historikern, die seit Jahren glauben, dass an der Geschichte etwas dran ist. Wir wissen nicht genau was, aber ich halte sie zumindest für wahrscheinlich. Ich würde wegen dieser Episode die polnische Geschichte nicht umschreiben.


Ein Held gerät ins Wanken

6:00 min, aus Echo der Zeit vom 19.02.2016

Walesa selbst ist ja längst ein Elder Statesman. Wem schadet denn das politisch?

Es schadet all denen, welche die polnische Wende von 1989 für einen Glücksfall für ihr Land halten und glauben, dass 1989 ein neuer Abschnitt der polnischen Geschichte angefangen hat, der sich radikal von dem, was wir im Staatssozialismus erlebt haben, unterscheidet. Diese Auseinandersetzung um Walesa ist auch eine Auseinandersetzung um die Legitimität des polnischen Übergangs aus der Diktatur in die Demokratie.

Das Gespräch führte Roman Fillinger.

Wlodzimierz Borodziej

Wlodzimierz Borodziej

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Borodziej ist Professor für Neuere Geschichte und Vizepräsident der Universität Warschau.