Linke Terrorgruppe steckt hinter Anschlag in Istanbul

In Istanbul hat eine Attentäterin einen Sprengstoffanschlag verübt. Der Anschlag geschah mitten im Touristenviertel unweit der Hagia Sophia und der Blauen Moschee. Er trägt die Handschrift der linksradikalen Volksbefreiungsfront DHKP-C.

Hagia Sofia bei Nacht, fotografiert von einer Quartierstrasse aus.

Bildlegende: Der Polizeiposten liegt ganz in der Nähe der Hagia Sophia. Die Polizei riegelte den Tatort ab. Keystone

In einem beliebten Touristenviertel in Istanbul hat eine Selbstmordattentäterin einen Polizisten mit in den Tod gerissen. Der Polizist erlag seinen schweren Verletzungen, wie die halbstaatliche Nachrichtenagentur Anadolu am Dienstagabend meldete.

Istanbuls Gouverneur Vasip Sahin sagte, ein weiterer Polizist sei bei der Detonation bei der Wache der Touristenpolizei in Sultanahmet leicht verletzt worden. Der Stadtteil wird jeden Tag von tausenden Touristen besucht. Sie besichtigen unter anderem die Blaue Moschee und die Hagia Sophia, die zum Weltkulturerbe gehört.

Angeblich verlorenes Portemonnaie

Die Selbstmordattentäterin habe die Polizisten auf Englisch angesprochen. Dies unter dem Vorwand, sie habe ihr Portemonnaie verloren. Dann habe sie ihren Sprengsatz gezündet. Die Hintergründe der Tat und die Identität der Attentäterin würden untersucht, sagte Sahin. Zunächst hatte sich niemand zu der Tat bekannt.


Einschätzung von Thomas Seibert, Journalist in Istanbul

3:13 min, aus SRF 4 News aktuell vom 07.01.2015

Inzwischen sei aber klar, dass die revolutionäre Volksbefreiungsfront DHKP-C hinter dem Anschlag stehe, sagt Thomas Seibert. Er ist Journalist in Istanbul. «Auf einer Website der Gruppe wurde um Mitternacht eine Erklärung veröffentlicht.» Darin stehe, sie räche sich mit dem Anschlag für die Polizeigewalt gegen die Mitglieder der regierungskritischen Gezi-Bewegung in den vergangenen Jahren.

Zweiter Anschlag in zwei Wochen

«Zudem werden neue Anschläge angedroht», erklärt Seibert. Bereits letzte Woche hatte ein Mann zwei Granaten auf Polizisten geworfen, die vor dem ehemaligen Sultanspalast Dolmabahçe in Istanbul Wache hielten. Die Granaten explodierten zwar nicht, doch auch zu dieser Tat hatte sich die linksradikale Gruppe DHKP-C bekannt. Im vergangenen Jahr soll sie ausserdem einen Selbstmordanschlag auf die US-Botschaft in Ankara verübt haben. Dabei starben mehrere Menschen.

Die DHKP-C kämpft seit vielen Jahren gegen den türkischen Staat. «Besonders gegen die Polizei und gegen die Armee», weiss der deutsche Journalist. Er geht nicht davon aus, dass die linksextreme Organisation zerschlagen werden kann: «Dafür ist sie schon viel zu lange in diesem blutigen Geschäft.» Die DHKP-C wird von der Türkei, der Europäischen Union und den USA als Terrorgruppe eingestuft.